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Streik vor Kultkneipe in Alaunstraße

Die Inhaberin des „Trotzdem“ hat drei Kellner entlassen. Sie sollen gestohlen haben. Im Viertel schlägt der Fall hohe Wellen.

© Steffen Füssel

Von Ulrike Kirsten

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Montag, 20 Uhr. Ein frostiger Wind peitscht durch die Straßen der Neustadt. Jeanette Schmidt hält er nicht davon ab, direkt gegenüber der Kneipe Trotzdem auf der Alaunstraße 81 ihr Kämpfergesicht zu zeigen. „Es geht nicht allein um das Trotzdem, wir wollen auch auf die allgemein prekären Arbeitsbedingungen und willkürlichen Entscheidungen der Arbeitgeber in der Gastronomie-Branche in der Neustadt aufmerksam machen“, sagt die Gewerkschaftlerin. Jeder könne frei entscheiden, ob er in die Kneipe gehe oder eben nicht, so Schmidt. „Wir halten niemanden ab, wir wollen mit den Leuten ins Gespräch kommen.“

Mit anderen Mitgliedern der Freien Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union (FAU) und der Basisgewerkschaft Nahrung und Gastronomie hält Schmidt bereits seit Sonnabend täglich ab 20 Uhr Mahnwache vor der Szenekneipe. Der Hintergrund: Inhaberin Johanna Kalex hat drei angestellten Kellnern unvermittelt gekündigt. Die Mitarbeiter sind allesamt Mitglieder der Gewerkschaft und haben für das Trotzdem eine Betriebsgruppe gegründet. Angebote zu Verhandlungen über die Rücknahme der Kündigungen und den Abschluss eines Hausvertrages ließ die Barbetreiberin verstreichen.

Den Kellnern sei fristgemäß gekündigt worden, weil es in der Kneipe seit über einem halben Jahr zu Diebstählen in einem Umfang kam, der wirtschaftlich nicht mehr länger tragbar gewesen sei, sagt Johanna Kalex. Außerhalb der Öffnungszeiten sei aus dem Lager der Kneipe gestohlen worden. Dieses sei verschlossen und nur für Kellner zugänglich. „Da wir leider den oder die Täter nicht feststellen konnten, haben wir uns gezwungen gesehen, die gesamte Crew zu entlassen“, sagt Kalex. „Die Kündigungen geschahen in langen persönlichen Gesprächen, in denen alle Kellner Verständnis für unsere Situation gezeigt haben. Wir haben deutlich gemacht, dass wir es sehr bedauern, mit diesem Schritt auch Unschuldige zu treffen“, so die Wirtin. In der Neustadt wird das Thema unterdessen heiß diskutiert. Wie am Montagabend, vor der Kneipe. Wohl auch, weil Johanna Kalex als Friedensaktivistin stadtbekannt ist, die sich gegen Rechtsextremismus engagiert und für ein sozialeres Miteinander kämpft. Das Trotzdem, das sie seit 14 Jahren betreibt, galt stets als sozialer und politischer Treffpunkt. Eine betroffene Kellnerin, die ihren Namen nicht nennen will, ist am Montagabend auch zum Streik gekommen. Sie ist jetzt nicht nur arbeitslos, sondern vor allem bitter enttäuscht von der Inhaberin. „Ich habe fast vier Jahre hier gearbeitet, ich bin immer gern gekommen, gerade weil die Atmosphäre anders war, als es sonst in der Gastronomie üblich ist“, sagt die 26-Jährige. Seit Freitag ist sie beurlaubt, zum 28. Februar gekündigt. Wieder im Trotzdem anzufangen, kann sie sich nicht vorstellen. Zu schwer wiegt der Vorwurf des Diebstahls, den Kalex als Grund für die Entlassung angebracht hat.

Die gekündigten Kellner bestreiten die Vorwürfe, fühlen sich verleumdet. Denn Anzeigen liegen nicht vor. Inwieweit die Gewerkschaft nun dagegen vorgehen will, ist noch offen. „Dass wir in persönlichen Gesprächen darauf vorbereitet wurden, davon kann keine Rede sein. Wir haben das zwischen Tür und Angel erfahren“, sagt die betroffene Kellnerin, die bis Mitternacht vor dem Trotzdem ausharren will.

Währenddessen sitzt Johanna Kalex im Warmen und will sich nicht weiter zu den Vorfällen äußern. Nur so viel: Sie freue sich, dass sich viele Stammgäste solidarisch zeigen und trotzdem kommen. Das Angebot der Gewerkschaftsgruppe, die Mitarbeiter an dem Eigentum der Kneipe zu beteiligen, um den Konflikt schnellstmöglich zu beenden, hält die Ladeninhaberin für unrealistisch. Sie möchte es nicht weiter kommentieren, weil sie die Stimmung nicht unnötig anheizen möchte. „Ich muss selbst überleben und wirtschaftlich denken“, sagt sie schließlich.

Draußen auf der Straße bleibt derweil Stefan Fehser stehen, der sich selbst als Ex-Stammgast bezeichnet. Für ihn war die Kneipe ein Gegenpol in einer Neustadt. Jedoch sei sie mit den Jahren immer kommerzieller geworden. Seit die Kündigungen bekanntwurden, geht Fehser nicht mehr ins Trotzdem. „Wenn es hier weniger sozial zugeht, wie ich dachte, kann ich auch in jede andere Kneipe gehen.“

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