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Streit um 100 000 Euro Startkapital

Dr. Klaus Heckemann verbirgt seine Enttäuschung nicht. Aus dem gemeinsamen Bemühen, den Ärztemangel in den Griff zu bekommen, sind Grabenkämpfe und gegenseitige Schuldzuweisungen geworden, konstatiert...

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Von Renate Berthold

Dr. Klaus Heckemann verbirgt seine Enttäuschung nicht. Aus dem gemeinsamen Bemühen, den Ärztemangel in den Griff zu bekommen, sind Grabenkämpfe und gegenseitige Schuldzuweisungen geworden, konstatiert der stellvertretende Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KVS). Dass sich für sächsische Hausarztpraxen kaum Nachfolger finden, liege vor allem daran, dass junge Mediziner in den alten Bundesländern für 20 Prozent weniger Arbeit das gleiche Geld verdienen können, sagt er. Es sei das „absolut falsche Signal“, dass Ärzte mit ihrem Einkommen für ihre Nachfolger zahlen sollen.

Sicherstellungsauftrag ist so nicht zu erfüllen

Daher lehnt es die KVS auch ab, sich an der von Sozialministerin Helma Orosz (CDU) verteidigten Investitionszulage (SZ vom 29./30. November, Seite 2) zu beteiligen. Ärzte, die sich in unversorgten Gebieten niederlassen, sollen einmalig 100 000 Euro Startkapital erhalten, das Krankenkassen und KVS je zur Hälfte bezahlen.

Zurzeit erhalten sächsische Ärzte pro Versicherten etwa 80 Prozent des Honorars ihrer Westkollegen. „Die Angleichung ist auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben“, sagt Heckemann. „Das senkt die Motivation, in den Osten zu gehen.“

Durch die Finanzierung der Starthilfe zu 50 Prozent würde das Honorar für die vorhandenen Praxen noch weiter sinken. Das sei nicht zu verantworten. „Vor allem spaltet das die Ärzteschaft“, warnt der KVS-Funktionär. Denn: Für Haus- und Fachärzte gibt es getrennte Honorartöpfe.

„Nehmen wir das Geld von allen, gibt es großen Ärger. Warum sollen zum Beispiel Augenärzte für fehlende Hausärzte zahlen? Nehmen wir es nur von den Hausärzten, weil es ja vor allem um den Nachwuchs für diesen Bereich geht, dann können die das kaum verkraften. Das ist nicht zumutbar. Wenn das von uns gefordert wird, dann ist mir der Sicherstellungsauftrag egal. Dann möchte ich den gern abgeben. Ich kann diesen Auftrag nur erfüllen, wenn die Bedingungen dafür stimmen“, argumentiert der KVS-Vizechef. Es sei absurd, die Bedingungen so zu verändern, dass der Auftrag nicht zu erfüllen ist und dafür öffentlich Schelte zu verteilen.

Heckemann verweist darauf, dass es den sächsischen Krankenkassen „finanziell ganz gut“ geht. Wenn sie die volle Investitionspauschale außerhalb der Gesamtvergütung finanzieren würden, wäre das ein Signal an alle, die sich niederlassen wollen.

Als Alternative schlägt die KVS, die die rund 5 800 niedergelassenen Ärzte in Sachsen vertritt, vor, in Regionen, in denen Ärzte knapp sind, Praxisgründern eine Umsatzgarantie auf dem Niveau einer Durchschnittspraxis zu geben. Die durchschnittliche Ost-Punktmenge würde von der KVS honoriert, die Kassen könnten die Differenz zu den West-Punktwerten übernehmen. „Das wäre dann zwar auch gegenüber den Ärzten, die jetzt schon da sind, ungerecht, aber damit könnte ich leben“, sagt Heckemann.

Sozialministerin: Die Kritik geht ins Leere

„Die Kritik, es dürfe doch nicht sein, dass die Ärzte die Investitionszulage aus ihrer Gesamtvergütung zahlen, zielt ins Leere“, hält Ministerin Helma Orosz dagegen. Dadurch, dass viele Hausärzte keinen Praxisnachfolger finden und die übrigen Ärzte die Versorgung nur zum Teil übernehmen können, werden Mittel aus dem Gesamtbudget frei, die für die Investitionszulage genutzt werden können, sagt sie. „Damit ist keine Einbuße für die übrigen Ärzte verbunden.“

Auch die Dresdner SPD-Bundestagsabgeordnete Marlies Volkmer kritisiert die „Verweigerungshaltung der KV Sachsen“. Mit dieser Trotz-Haltung verhindere sie ein frühzeitiges Gegensteuern gegen den drohenden Ärztemangel.