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Streit um die Zukunft der Lingnerallee

Die Stadt will die Herkules- zur Lingnerallee verlängern – über Privatgrundstücke hinweg. Deren Besitzer fühlen sich enteignet.

© Visualisierung: Sivia Bauplanung

Von Tobias Hoeflich

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Jochen Leimgardt ist noch immer brüskiert, wenn er an die Pläne der Verwaltung zur Lingnerstadt denkt. Der Bamberger ist einer von drei Eigentümern des Grundstücks Ecke Lingnerallee/ Blüherstraße. Sein Großvater hat hier Ende des 19. Jahrhunderts ein prächtiges Mietshaus errichten lassen, das den Bombenangriffen der Alliierten 1945 zum Opfer fiel. Der heute 73-Jährige hat den Angriff damals selbst miterlebt. Gern würde der gebürtige Dresdner das Grundstück wieder bebauen. Auch, um mit den fürchterlichen Geschehnissen von einst ein Stück weit abzuschließen.

Auch einen Wiederaufbau des Eckhauses zur Blüherstraße hält der Architekt für denkbar.
Auch einen Wiederaufbau des Eckhauses zur Blüherstraße hält der Architekt für denkbar. © Sammlung H. Naumann

Die Dresdner Stadtplaner haben dagegen andere Vorstellungen. Die Herkulesallee soll vom Großen Garten zur Lingnerallee verlängert werden und eine Achse bis zum Rathaus bilden. Das sieht ihr Rahmenplan zur Lingnerstadt vor. Jene Achse führt aber über ein gutes Dutzend Privatgrundstücke – auch das von Jochen Leimgardt. Kürzlich trommelte das Stadtplanungsamt die Besitzer zusammen, um dessen Vision der Lingnerstadt vorzustellen. „Wir sind davon völlig überrascht worden“, sagt Leimgardt und kritisiert: „Die Verwaltung hat leider völlig einseitig geplant. Wir sind zu keinem Zeitpunkt einbezogen worden.“

Zwar will die Stadt die Grundbesitzer an der Lingnerallee entschädigen, um auf ihrem Boden die Herkulesallee verlängern zu können. Allerdings zum Preis von Grünland, obwohl hier bis 1945 noble Bauten die Straßen säumten. „Das Angebot käme einer Enteignung gleich“, findet Leimgardt. „Wir Grundstücksbesitzer haben deutlich gemacht, dass wir den Plänen unter den Umständen nicht folgen werden.“

Stadt gibt sich kompromissbereit

Von der Stadtverwaltung ist nicht zu erfahren, ob der Widerstand der Grundstücksbesitzer die Rathauspläne durchkreuzen wird. Baubürgermeister Jörn Marx (CDU) beschwichtigt, dass der Rahmenplan zur Lingnerstadt ohnehin im Entwurfsstadium sei und noch nicht vom Bauausschuss beschlossen wurde. Für das Robotron-Areal sieht Marx in jedem Fall eine Gesamtplanung als nötig an, um Leitlinien für dessen künftige Entwicklung festzulegen.

Eine Abkehr von der geplanten Achse Herkulesallee scheint nicht ausgeschlossen: „Eine Einarbeitung von sinnvollen Lösungen für Teilbereiche, für die sich neue Rahmenbedingungen ergeben, ist grundsätzlich vorstellbar.“ Das Stadtplanungsamt wolle weiter mit den Grundstücksbesitzern in Kontakt bleiben und nach Konsens streben. Hoffnung auf schnelle Lösungen macht Marx aber nicht: Eine Neuordnung der Grundstücksverhältnisse sei zwingend nötig. Egal, ob an der Lingner- oder der neuen Herkulesallee gebaut wird.

Eine Äußerung, die der Dresdner Architekt Frank Wießner kaum nachvollziehen kann. Seit Jahren bemüht sich der Geschäftsführer der Firma Sivia Baukonzept, den Stillstand in der Lingnerstadt zu beenden. Die Parzellierung an der Lingnerallee, die noch aus der Gründerzeit stammt, biete die Chance, kleinteilig, individuell und schnell zu bauen. „Eine Neuordnung der Flurstücke würde Jahre dauern. Bis es so weit ist, ist der Bauboom vorbei.“

Wießner schwebt ein geschlossener Häuserblock an der Lingnerallee vor, der dem historischen Grundriss vor 1945 entspricht. Dazu hat er eine Bebauungsstudie angefertigt: Die Kleinteiligkeit sei kein Hindernis, sondern eine Chance für abwechslungsreiche Fassaden. Verändert die Stadt aber die Zuschnitte der Grundstücke, würden sich Investoren darauf stürzen. Wießners Befürchtung: Es würden neue monotone Klötzer entstehen. „Banale Architektur haben wir in Dresden aber genug.“

Die Grundstücksbesitzer an der Lingnerallee hat Wießner längst für sich gewonnen. Jochen Leimgardt und Co. sind bereit, ihre Parzellen wieder zu bebauen. „Hier würde etwas Klassisches, Schickes entstehen, ähnlich wie am Neumarkt“, so Wießners Vision. Noch vorhandene Sandsteinkeller der früheren Häuser könnten in die neuen integriert werden. Auch ein Wiederaufbau des Eckhauses von Leimgardts Großeltern sei denkbar: „Wir brauchen wieder mehr Baukultur in der Innenstadt. Dort fehlt es außerdem an hochwertigen Wohnungen.“ Wießner hat nun einen Bauvorbescheid beantragt und will auch den Stadtrat von seinem Plan überzeugen.

Zwar zeigt sich Leimgardt zurückhaltend gegenüber einer Rekonstruktion. Doch auf jeden Fall solle ein Neubau den Geschmack der Öffentlichkeit treffen. „In dem Umfeld sind ja viele hässliche DDR-Gebäude.“ Unter Wert verkaufen wird er sein Flurstück sicher nicht, notfalls gegen eine Zwangsumlegung klagen. „Die Stadt muss auf uns zugehen. Sonst ändert sich nichts an der misslichen Lage.“