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Streit ums Fastentuch

Der Vorschlag eines Zittauer Stadtrates, das Kunstwerk in die Klosterkirche zu verlagern, sorgt für Unmut.

Das Große Fastentuch wird seit über 20 Jahren in der Kirche Zum Heiligen Kreuz ausgestellt. Ein Vorschlag, es umzusetzen, sorgt jetzt für Diskussionen.
Das Große Fastentuch wird seit über 20 Jahren in der Kirche Zum Heiligen Kreuz ausgestellt. Ein Vorschlag, es umzusetzen, sorgt jetzt für Diskussionen. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Die Kreuzkirche schließen und das Große Zittauer Fastentuch in die Klosterkirche verlagern - diesen Vorschlag hatte der Zittauer Stadtrat Dietrich Thiele (FUW) gemacht. Damit könne die Stadt Zittau seiner Meinung nach Geld einsparen. Bei Museumsdirektor Peter Knüvener sorgt die Idee für Entsetzen. Allein technisch sei diese Idee nicht umsetzbar, so Knüvener, da das Große Fastentuch breiter ist als die Emporen der Klosterkirche und es dadurch überschnitten würde. 

Doch das allein ist es nicht, was den Museumschef so ärgert. Es ist vor allem die Vorstellung, dass mit der Umsetzung des Fastentuches Geld eingespart werden kann. Vielmehr werde weitaus mehr Geld ausgegeben, als gespart würde, stellt Knüvener klar. Mehrere Hunderttausend Euro würde es kosten, schätzt Knüvener. Die Einsparungen wären dagegen gering, erklärt Andreas Johne, Vorsitzender des Fastentuchvereins. Das Personal des Fastentuchmuseums arbeite für Mindestlohn und leiste zudem viele ehrenamtliche Stunden, begründet Johne das geringe Einsparpotenzial.

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Was soll mit der Kreuzkirche passieren?

Peter Knüvener hebt auch hervor, dass im Zuge der Sparvorschläge keine Aussage gemacht wurde, was nach einem Umzug des Großen Fastentuches mit der Kreuzkirche passieren soll. "Dieser einzigartige Bau war nach jahrelangem Vandalismus von der endgültigen Vernichtung bedroht und wurde Ende der 1980er Jahre durch den unermüdlichen Einsatz von Feierabendbrigaden unter abenteuerlichen Bedingungen gerettet, später dann unter dem massiven Einsatz von Spenden und Fördermitteln", erinnert der Museumsdirektor an die Geschichte des Gotteshauses. Der Vorschlag sei ein Schlag ins Gesicht für alle Spender, ehrenamtlichen Mitstreiter und die Mitglieder der ehemaligen Feierabendbrigade, meint Knüvener.

Da auch Fördermittel zum Einsatz kamen, müsse die Kreuzkirche zwingend offen gehalten werden. "Ansonsten ist mit Rückforderungen der Geldgeber in beträchtlicher Höhe zu rechnen!", gibt Knüvener zu Bedenken. Dasselbe gelte für den Kreuzfriedhof mit den historischen Grufthäusern. Er sei ein einzigartiges Denkmal der Begräbniskultur in Mitteleuropa. Zudem ist die Kreuzkirche neben der Klosterkirche einer der Standorte des Zittauer Epitaphienschatzes, mit dem seit 2017 überregional geworben werde.

Das Fastentuch in die Klosterkirche umzusetzen, sei auch deshalb nicht möglich, erklärt der Museumsdirektor, weil mit der evangelischen Kirchgemeinde eine solche Nutzung nicht vertraglich vereinbart sei. Die Klosterkirche soll vielmehr als Museum des Epitaphienschatzes und als Gottesdienstraum genutzt werden - so sehen es die Vereinbarungen vor.

Soll die Klosterkirche die neue Stätte des Großen Zittauer Fastentuchs werden? Das ist zumindest ein Vorschlag, der jetzt für Diskussionen sorgt.
Soll die Klosterkirche die neue Stätte des Großen Zittauer Fastentuchs werden? Das ist zumindest ein Vorschlag, der jetzt für Diskussionen sorgt. © Matthias Weber/photoweber.de

Nicht alles zentralisieren

Die Kreuzkirche mit dem Großen Fastentuch locke jährlich zwischen 17.000 und 27.000 Besucher an, erklärt Knüvener. Damit habe sie mehr Besucher als die meisten Museen in der Oberlausitz. Davon profitieren auch die Zittauer Gastronomen und Hoteliers. Und von denen gibt es ebenfalls Widerspruch zu dem Sparvorschlag. "Wenn alles an einer Stelle zentralisiert ist, gehen die Touristen nur noch an eine Stelle. Wenn aber die touristischen Attraktionen auf mehrere Stationen verteilt sind, dann sind auch die Touristen mehr in der Stadt verteilt", findet Ronny Überschär, Inhaber der "Essbar" auf der Zittauer Neustadt. 

Er ist von der Idee deshalb auch nicht begeistert. "Wir leben von den Sehenswürdigkeiten", sagt der Gastronom und Vorsitzende des Vereins "Zittau lebendige Stadt". Es sei dabei ein Geben und Nehmen: Das Museum schickt seine Besucher in die nahegelegenen Restaurants und die Gastwirte empfehlen ihrerseits ihren Gästen den Besuch der Fastentücher.

Logistisch ist ein Fastentuch-Umzug ebenfalls nicht zu empfehlen, erklärt Peter Knüvener. Denn die Klosterkirche ist vom Kassenraum des Museums nicht barrierefrei zu erreichen. Viele Besucher des Fastentuchs sind aber im Seniorenalter. Und sie kommen oft als Busreisegruppe. Mit nur einer Kasse im Museum sei dies nicht beherrschbar, sagt der Museumsdirektor. "Auf die Klimatisierung und notwendige Abdunkelung der Fenster in der Klosterkirche will ich nicht erst eingehen", fügt er hinzu. 

Geld für Restaurierungen würde fehlen

Peter Knüvener sieht genug Gründe, die gegen einen Fastentuch-Umzug sprechen. Aber auch mit einem weiteren Vorschlag von Stadtrat Thiele hadert der Museumschef. Thiele hatte auch vorgeschlagen, pauschal bei allen Kultureinrichtungen fünf Prozent der städtischen Zuwendung einzusparen. "Das hört sich wenig an, würde aber bedeuten, dass uns zukünftig die Eigenmittel für große Förderprojekte wie Restaurierungen oder überregional bedeutende Ausstellungen wie 'Der Oybin' oder ' Ganz anders' und deren Vermarktung fehlen", erklärt Knüvener. Man sollte überdies nicht außer Acht lassen, dass die eingeworbenen Fördermittel in Form von Aufträgen auch der regionalen Wirtschaft zugute kommen. Allein in den vergangenen beiden Jahren erhielten über 40 Unternehmen aus der Region Aufträge durch die Städtischen Museen.

Da die Stadt Zittau dem Fastentuchverein jedes Jahr nur 27.000 Euro zuschießt, wäre laut Andreas Johne die Einsparung sehr gering.

Nach eigener Aussage hat Dietrich Thiele inzwischen alle gemachten Vorschläge zurückgezogen. Er sieht sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Kein Stadtrat mache Vorschläge zur Sanierung des Stadthaushaltes, so Thieles Vorwurf. "Sobald aber einer ein paar Gedanken äußert, hagelt es Vorwürfe und teilweise Beleidigungen", kritisiert der 76-Jährige.

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