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Streit ums Schilf

Forscher testen im Ort an einer Pflanzenkläranlage. Das spart der Kulturfabrik die Gebühr fürs Abwasser – und weckt Neid.

© SZ Thomas Eichler

Von Thomas Christmann

Extrem hübsch, natürlich und kaum riechend: So bezeichnet Gernot Kayser die Pflanzenkläranlage an der Kulturfabrik in Mittelherwigsdorf. Der Leiter der Fachgruppe Umweltverfahrenstechnik vom Internationalen Hochschulinstitut (IHI) Zittau forscht seit 1999 mit seinen Studenten daran. Das Prinzip: Die von der Kulturfabrik kommenden Abwässer werden in einem Behälter von den Feststoffen getrennt und auf die zwei 55 Quadratmeter großen Felder gepumpt, auf denen Schilf wächst. Dieses belüftet den Boden und beschleunigt dadurch den Abbau der organischen Stoffe. Der Vorgang passiert über Nacht, wegen des möglichen Gestankes. Danach gelangt das gereinigte Abwasser in einen Teich, verdunstet dort teilweise oder wird zum Bewässern des Gartens genutzt. Die Feststoffe im Behälter verwandeln sich zu Kompost, wie auch das abgeerntete Schilf.

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Die rund 20 000 Euro teure Anlage ist für 35 Einwohner konzipiert. Für diese gilt eine Ausnahmegenehmigung. Normalerweise müssen für alle am öffentlichen Entsorgungsnetz angeschlossenen Grundstücke auch Gebühren bezahlt werden. Doch in dem Fall fällt kein Abwasser an. Und weil das IHI die Anlage für Forschungszwecke nutzt, hat die Kulturfabrik bislang keinen finanziellen Beitrag für dessen Reinigung leisten müssen. Doch mit einer beantragten weiteren Befreiung sind im Gemeinderat nicht alle einverstanden. Frank Heidrich (CDU) ist beispielsweise für eine Gleichbehandlung aller Eigentümer. Pflanzenkläranlagen seien sinnvoll in dünn besiedelten Gegenden, aber nicht im Ortskern, sagt er mit Blick auf das bestehende Entsorgungsnetz. Bernd Rehnisch (CDU) sieht kein Problem darin, die Anlage weiter im Sinne der Studenten zu betreiben und dennoch Beiträge zu erheben. „Sie forschen ja nicht im Auftrag der Gemeinde“, sagt er. Für ihn gilt grundsätzlich: Frisch- gleich Abwasser. „Die Bewertung muss für alle dieselbe sein.“ Steffen Halang (Offene Liste) hält das alles für Wahlkampfgeplänkel. So gesehen müsste die Kulturfabrik für die Aufbereitung zweimal zahlen, denn das Abwasser ist bereits gereinigt. „Völliger Unsinn.“ Laut seiner Aussage soll die Gemeinde den Forschungsgedanken unterstützen und nicht wegen der Gebühren kaputt machen. Am Ende hat der Rat zugestimmt, dass die Kulturfabrik auch die nächsten zehn Jahre keine Gebühren zahlen muss. Allerdings knapp. Von 14 Mitgliedern lehnten den Antrag drei ab, vier enthielten sich. Und die Betreiber haben Auflagen: So muss die Anlage nachweislich für aktuelle Lehr-und Forschungszwecke genutzt, bis Ende 2015 der Stand der Technik nachgewiesen, ein Wartungsvertrag abgeschlossen und der Gemeinde unaufgefordert vorgelegt werden.

Thomas Pilz (Offene Liste) von der Kultlurfabrik ist dennoch froh über die Entscheidung. „Gleiches sollte man gleich behandeln, ungleiches kann man demnach aber auch ungleich behandeln“, kommentiert er und wehrt sich gegen den Vorwurf, unter dem Deckmantel der Forschung die Gebühren sparen zu wollen. Allein der laufende Betrieb der Anlage kostet jährlich etwa 1 200 Euro. Die Abwassergebühr pro Jahr liegt hingegen bei 900 Euro. Mit der Vereinbarung zwischen IHI und Kulturfabrik verankere sich die sonst im Elfenbeinturm der Wissenschaft gewähnte Forschung konkret in der Region und nutze ihr, sagt er. Gernot Kayser stand dem Projekt anfangs selbst skeptisch gegenüber, ist aber inzwischen davon überzeugt. Das Reinigungsergebnis sei sehr gut, sagt er. Über zehn Studenten haben sich in ihrer Abschlussarbeit schon mit der Anlage beschäftigt und diese dadurch weiterentwickelt. Der technische Stand der Anlage sei in der Oberlausitz, wenn nicht gar ostsachsenweit einmalig, so Kayser. Während die Grenzwerte bei organischen Stoffen und Stickstoff laut Messungen schon weit unterschritten werden, soll der Durchbruch bald auch beim Phosphor gelingen. Dann wäre die Wasserqualität vergleichbar mit einer konventionellen Anlage wie in Zittau, sagt er. Für die Forschungsarbeit sucht Kayser noch einen Studenten, anschließend müssen Erfahrungen im Dauerbetrieb gesammelt werden. Pflanzenkläranlagen eignen sich in ländlichen Gegenden, wo keine geordnete Abwasserentsorgung bestehe, sagt er. Das fange schon fast hinter der Neiße an und gehe bis kurz vor Japan.