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Pirna

Steine aus Pirna könnten Striezelmarkt schützen

Pirnas Sandsteinwerker wollen den Dresdner Striezelmarkt mit Rohblöcken beschützen. Nimmt die Landeshauptstadt das Angebot an?

Terrorschutz naturbelassen: Johannes Roßrucker, Chef der Sächsischen Sandsteinwerke in Pirna, würde seine Steinklötze gern für den Schutz des Dresdner Striezelmarkts ausborgen.
Terrorschutz naturbelassen: Johannes Roßrucker, Chef der Sächsischen Sandsteinwerke in Pirna, würde seine Steinklötze gern für den Schutz des Dresdner Striezelmarkts ausborgen. © Daniel Schäfer

Natürlich wird er wieder auf den Striezelmarkt gehen und einen Glühwein trinken, sagt Johannes Roßrucker. Nur nicht gerade am Wochenende. Beim Schwimmen in Menschenmassen fühlt er sich unwohl. Aber da ist noch etwas anderes: "Im Hinterkopf sind diese Terrorgeschichten", sagt er. Er meint die Amokfahrten von Nizza und vom Berliner Weihnachtsmarkt, ausgeführt mit schweren Lastkraftwagen. Bei den Angriffen starben insgesamt fast einhundert Menschen. Roßrucker will es nicht Angst nennen. "Aber ein bisschen Kopfkino geht da schon bei mir an." 

Mit über zwei Millionen Gästen ist der Dresdner Striezelmarkt das Herz des Weihnachtslands Sachsen. Und das will beschützt sein, speziell für den Fall, dass Laster als Waffen missbraucht werden. Nur wie - darüber gibt es in der Landeshauptstadt Streit. Während der Oberbürgermeister schnellstens ein mobiles Sperrsystem nach neuster Mode anschaffen will, zögern die Stadträte, das Geld dafür, gut eine halbe Million Euro, freizugeben. Sie sind unsicher: Bringt mieten vielleicht mehr als kaufen? Was kostet das Aufbauen und das Abbauen, das Einlagern und das Warten?

So sah der Striezelmarktschutz 2018 aus. Auch dieses Jahr werden wieder Betonsegmente (links) und sogenannte Mifram-Sperren (rechts) eingesetzt: Diese Metallwinkel sollen anprallende Fahrzeuge aushebeln und dadurch stoppen.
So sah der Striezelmarktschutz 2018 aus. Auch dieses Jahr werden wieder Betonsegmente (links) und sogenannte Mifram-Sperren (rechts) eingesetzt: Diese Metallwinkel sollen anprallende Fahrzeuge aushebeln und dadurch stoppen. © Mike Schiller

Bisher behilft sich die Stadt Dresden beim Abschirmen des Striezelmarkts zum Gutteil mit Betonklötzen verschiedener Bauform. Sogenannte Nizzasperren oder Nestlerblocks halten aber, wie Tests der Dekra gezeigt haben, einem Frontalangriff mit Lkws kaum stand. Johannes Roßrucker hat, so glaubt er, eine bessere Idee: Warum nicht das natürliche Material Sandstein, aus dem das historische Dresden gebaut ist, zum Schutzschild machen? Als Chef der Sächsischen Sandsteinwerke in Pirna hat Roßrucker laufend massive Sandsteinblöcke auf Lager. Aktuell sind es beinahe zweihundert, die in den Steinbrüchen und auf dem Betriebshof liegen. Es wäre ein Leichtes, sagt er, ein Dutzend davon vorübergehend auf dem Striezelmarkt zu parken. Anfallen würden lediglich die Kosten für den Transport und den Autokran.

Während ein gängiger Nestlerblock gut zwei Tonnen wiegt, kommen Roßruckers Sandsteine auf ein Vielfaches - sechs, acht, zehn Tonnen. Für Großplastiken, die das Werk gerade fürs Berliner Stadtschloss fertigt, wiegen die Rohblöcke sogar zwölf bis 15 Tonnen. Dagegen haben Lkws keine Chance, denkt Roßrucker. "Die liegen, wo sie liegen." Dass diese Lösung "etwas brachial" wirken würde, ist dem Werkschef bewusst. Mit einem glatten Anschnitt ließe sich die Optik der Blöcke schon gefälliger gestalten. Noch besser, man ließe Kinder oder die Studenten der Kunstakademie darauf malen, vielleicht sogar um die Wette. "Das Absperrproblem wäre kostengünstig und nachhaltig gelöst", findet der Sandsteinboss.

So sieht die "Schokoladenseite" eines Rohblocks" der Sächsischen Sandsteinwerke aus. Dieses Exemplar ist für die Großplastik "Weisheit" am Berliner Stadtschloss bestimmt.
So sieht die "Schokoladenseite" eines Rohblocks" der Sächsischen Sandsteinwerke aus. Dieses Exemplar ist für die Großplastik "Weisheit" am Berliner Stadtschloss bestimmt. © Daniel Schäfer

Nachdem Roßrucker seine Steinklötze schon voriges Jahr erfolglos in Dresden angeboten hatte, startete er dieses Jahr einen neuen Versuch, die ökologische weil von der Natur erschaffene Terrorabwehr im Rathaus anzubringen. Er schrieb an OB Dirk Hilbert und fügte etliche Fotos bei. "Es würde mich freuen, wenn Sie unseren Vorschlag in Erwägung ziehen." Das Stadtplanungsamt bedankte sich für die "unmittelbare Offerte". Sie finde "Eingang in die Erörterung und Evaluierung von zertifizierten mobilen Elementen des Terrorschutzes". Für Roßrucker war das Wort "Zertifizierung" bereits ein Wegweiser in Richtung Rundablage, wie er sagt. Dennoch fragte er an, wo er seine Steinklötze zertifizieren lassen könne. Darauf erhielt er keine Nachricht. 

Der SZ schrieb das Dresdner Presseamt zum Angebot der Pirnaer, man sei dankbar für Hinweise bezüglich am Markt befindlicher Produkte. 2019 würden die Sandsteinblöcke aber nicht zum Einsatz kommen, erklärt Stadtsprecher Karl Schuricht. Aufgrund ihrer Kubatur seien sie nur bedingt geeignet, als mobile Elemente eingesetzt zu werden, schwierig handhabbar, "aufgrund ihrer natürlichen, groben Struktur, die zur Unförmigkeit neigt". Für 2020 werde eine Ausschreibung zu den Fahrzeugsperren vorbereitet, an der sich auch die Sandsteinwerke beteiligen könnten. Voraussetzung: die Zertifizierung nach den Vorgaben der Polizei.

So sieht es aus, wenn ein Sandsteinrohblock von 3,30 Metern Höhe zum fertigen Produkt geworden ist: Chefbildhauer Heino Lembcke und die allegorische Figur der "Liebe".
So sieht es aus, wenn ein Sandsteinrohblock von 3,30 Metern Höhe zum fertigen Produkt geworden ist: Chefbildhauer Heino Lembcke und die allegorische Figur der "Liebe". © Daniel Schäfer

Seit Sommer 2018 gibt es eine technische Richtlinie, erstellt von der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster, in der steht, was das "Einsatzmittel Mobile Fahrzeugsperren" leisten muss. Zur Zertifizierung werden mehrmals völlig intakte Lastkraftwagen zu Schrott gefahren. Drei Punkte sind zentral. Erstens: Das Fahrzeug darf die Sperre nicht mit seiner hintersten Achse, also komplett, überwinden. Zweitens: Das Fahrzeug muss spätestens fünfzig Meter nach dem Aufprall zum Stillstand kommen. Und drittens: Es muss danach bewegungsunfähig sein. 

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Johannes Roßrucker wundert sich über die Vorgaben. Bei fünfzig Metern Eindringtiefe hätte ein Fahrzeug nahezu den halben Striezelmarkt überrollt. "Was ist denn das für ein Schutz?", fragt er sich. Obwohl er sicher ist, dass seine Klötze den Test bestehen würden: Zertifizieren kommt für ihn nicht infrage. Für Crashtests hat er kein Geld übrig. Die Kernkompetenz seiner Firma liege schließlich ganz woanders, sagt er. "Für mich ist die Sache abgehakt."