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Das kostet der Stromausfall im Stahlwerk

Als am 4. November in Freital die Elektrizität wegen eines Suizidversuchs komplett abgeschaltet wurde, war der Schaden groß. Jetzt ist klar, wie groß.

Der Geschäftsführer des Edelstahlwerks Freital, Alexander Grosse, sagt: "So einen Stromausfall wie im November will ich nicht wieder erleben."
Der Geschäftsführer des Edelstahlwerks Freital, Alexander Grosse, sagt: "So einen Stromausfall wie im November will ich nicht wieder erleben." © Karl-Ludwig Oberthür

Was passiert im Stahlwerk bei Stromausfall? Nichts. Konkret: Gar nichts mehr. Denn dann stürzen die Computer ab, alle Anlagen bleiben stehen und die Öfen gehen aus. Was das für das Edelstahlwerk in Freital bedeutet, und was ein Komplettausfall, wie er am Vormittag des 4. November 2019 passierte, das Unternehmen kostet, hat Geschäftsführer Alexander Grosse Sächsische.de bei einem Rundgang erklärt. 

"Der 4. November war für uns eine Katastrophe", sagt Alexander Grosse. Der Chef des Freitaler Edelstahlwerks öffnet eine unscheinbare Tür zu einer riesigen Halle. Das Walzwerk. Dort kracht und rumpelt es, fliegen Funken, glühender Stahl fährt über Walzstraßen. Es riecht nach Eisen, und warm ist es, trotz drei Grad minus Außentemperatur. "Hier ist uns bei der Stromabschaltung im November der wohl größte Schaden entstanden", sagt Grosse. In den Öfen sei das Material kalt geworden und ausgehärtet. In den Walzen blieben halbfertige Werkstücke stecken. "Das war hinterher nur noch Schrott."

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Natürlich lasse sich das alles wiederverwenden. Ohnehin lebt das Stahlwerk ausschließlich von Schrott. Der werde europaweit eingekauft und in den Freitaler Öfen eingeschmolzen, in Form gebracht und veredelt. Doch die gesamte Arbeit, die bis dahin schon in den Teilen steckte - futsch. 

Dabei habe man sogar noch ein kleines bisschen Glück im Unglück gehabt, sagt Grosse. "Der Schmelzofen im Stahlwerk war am Montagvormittag noch gar nicht in Betrieb." Das sei die übliche Zeit für die Wartung. "Montags ist in der Regel Reparaturschicht." So sei an dieser Stelle der Schaden gering gewesen. Auch ein Grund dafür, dass die Schadenssumme nicht ganz so hoch ist, wie es Alexander Grosse zunächst befürchtet hatte. Am Tag des Stromausfalls schätzte der Werksleiter noch, dass es durchaus ein siebenstelliger Eurobetrag sein könnte, den das Unternehmen durch den Produktionsausfall einbüßt. 

"Ganz so viel ist es nicht geworden", sagt er jetzt. Dennoch summiert sich der Ausfall für das Edelstahlwerk in Freital auf fünf- bis sechshunderttausend Euro. Keine Kleinigkeit, auch für einen großen Betrieb nicht. Zumal der Stahlmarkt weltweit stark umkämpft ist und auch die Freitaler natürlich immer hart kalkulieren. "Wir gehen davon nicht pleite, aber ich hoffe, dass das so nicht wieder vorkommt." 

Ausgemusterte Technik? Nein. Nur ausgebaut für die Wartung. Später kann das Teil wiederverwendet werden.
Ausgemusterte Technik? Nein. Nur ausgebaut für die Wartung. Später kann das Teil wiederverwendet werden. © SZ/Tilman Günther

Alexander Grosse ist seit etwa dreieinhalb Jahren Chef in Freital. Inzwischen kennt er die Mitarbeiter im Werk fast alle mit Namen, auf jeden Fall aber vom Sehen. "Da sind einige darunter, die hier noch in der DDR-Zeit gelernt haben. Selbst diese Mitarbeiter sagen, so einen Komplettausfall haben sie noch nicht erlebt." Ein seltenes Ereignis also, gegen das sich das Werk aber auch nicht absichern könne, sagt Grosse.

"Wir werden über zwei Hochspannungsleitungen versorgt", erklärt der Geschäftsführer. "Wenn eine ausfällt, ist das kein Problem." Doch am 4. November 2019 war eine Frau auf einen Hochspannungsmast geklettert. Aus Sicherheitsgründen mussten die Leitungen abgeschaltet werden. 28.000 Haushalte waren in der Folge von der Elektrizitätsversorgung getrennt, genauso wie Firmen, Büros, Geschäfte, Gaststätten und natürlich auch Industriebetriebe in Freital und Umgebung. Trotz des großen wirtschaftlichen Schadens sagt Grosse aber ganz klar: "In so einem Fall gibt es keine andere Wahl. Polizei und Enso haben richtig entschieden."

Die Lücke in der Bilanz bleibt

An jenem Montag war an Produzieren im Edelstahlwerk dann nicht mehr zu denken. Alle Kraft wurde in die Schadensbegrenzung und das Wiederherstellen der Arbeitsfähigkeit gesteckt. "Nach etwa drei Stunden waren wir wieder am Netz. Ab da hatten hier alle richtig zu tun." Zunächst wurden die Computersysteme hochgefahren. Auch die Anlagen sind ja inzwischen alle computergesteuert. Doch da die Stromversorgung plötzlich unterbrochen worden war, waren die Systeme nicht ordentlich heruntergefahren. Ein Neustart sorgte also an einigen Stellen für Probleme. "Unsere Techniker waren an dem Tag bis spät abends im Einsatz", sagt Grosse. Fehlersuche, Ersatzteilbeschaffung, Einbau - das waren die nötigen Schritte. So manche Steuerkarte der Computer sei kaputtgegangen und zu tauschen gewesen. 

Als die Öfen wieder liefen, musste das darin befindliche Material erst einmal wieder warm werden. Zum Walzen taugte es trotzdem nicht mehr. Es musste neu eingeschmolzen werden. Auch auf der Walzstraße blieb vieles liegen oder gar stecken. "Wir können die Maschinen gewissermaßen rückwärts laufen lassen, damit der erkaltete Stahl wieder herauskommt. Aber wie gesagt, das ist dann Schrott." 

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Erst im Laufe des nächsten Tages sei wieder normal produziert worden, berichtet Grosse. "So was brauche ich nicht noch mal", sagt er und verlässt durch eben jene unscheinbare Tür, durch die es hineinging, das Walzwerk. Die kühle Luft tut gut, die Sonne scheint. Alles läuft wieder normal im Edelstahlwerk in Freital. Doch die Erinnerung bleibt und die finanzielle Lücke in der Bilanz 2019 auch.

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