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Viel Bewegung im Struppener Schloss

Im Festsaal sind neue Arbeiten von Jean Kirsten zu sehen. Ob es auch andere Veranstaltungen geben darf, ist unklar.

Der Dresdner Künstler Jean Kirsten in seiner Ausstellung im Schloss Struppen.
Der Dresdner Künstler Jean Kirsten in seiner Ausstellung im Schloss Struppen. © Thomas Morgenroth

Ein Tänzer bewegt sich quer über eine Wand im Festsaal des Schlosses Struppen. Er hinterlässt Spuren aus Licht und Schatten, als hätte ihn einer mit Langzeitbelichtung fotografiert. Neun solcher Aufnahmen hängen dicht an dicht in einer Reihe, und auf einer ist er zu erkennen, der Tänzer. Wie er ein Bein nach oben streckt und dabei den Körper gen Boden neigt.

Jean Kirstens Bilder indes sind nicht in einer Kamera entstanden. Der Dresdner Künstler, Jahrgang 1966, hat sie mit Acrylfarben auf Holztafeln gemalt. Allerdings keinen Tänzer, der manifestierte sich zufällig, als Kirsten seine „Abstrahierten Bewegungen“ auf die Fläche brachte.

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Für seine Arbeiten lässt sich Kirsten von der Labanotation inspirieren. So wird ein mittels spezieller Zeichen dargestelltes System zur Analyse und Aufzeichnung der Bewegung von Menschen genannt. Dessen Erfinder ist Rudolf von Laban, eine zentrale Figur des europäischen Modernen Tanzes. 1928 publizierte er seine Raum-Harmonielehre als Kinetographie. Zu Labans Schülerinnen gehörte Mary Wigman, die wiederum Gret Palucca unterrichtete.

Moderner Tanz als Anregung

Kirsten, der an der Hochschule für bildende Künste in Dresden bei Günter Horlbeck studierte und Meisterschüler bei Günther Hornig war, kam 2009 in London erstmals mit Labans Kinetographie in Berührung. Seine damalige Partnerin, eine Tänzerin, hatte ihn zu einer Performance mitgenommen. Kirsten war fasziniert, fotografierte und befasst sich seither künstlerisch mit Laban und seinen Ideen. Wobei es Kirsten nicht nur um den Tanz geht, sondern um die Bewegung im Raum.

Mittlerweile hat sich Kirsten von Labans Symbolen emanzipiert, nicht aber von der Bewegung, die mit einer eigenen Formensprache sein zentrales Thema bleibt. In seinen jüngeren Arbeiten, eine Auswahl ist derzeit in Struppen zu sehen, werden die Anweisungen Labans mit verschiedenen Techniken auf Glas, Acryl, Stoff oder Holz zu einer fließenden Kaskade aus Schwüngen, Linien und Flächen. Wobei Kirsten mitunter auch an der Nähmaschine sitzt: Mit Zwirn nähte er arabeske Bewegungen auf alte Rolltücher aus Leinen.

Zum ersten Mal hat Kirsten seine Intentionen zudem in einem Bleiglasfenster manifestiert, das nach seinen Anweisungen in den Derix-Glasstudios in Taunusstein in Hessen entstanden ist, die unter anderem für Gerhard Richter arbeiten. Mit neun Stelen aus verschiedenen Materialien, die in diesem Jahr entstanden sind, wird Kirsten außerdem dreidimensional. Dabei nähert er sich mit Ecken und geraden Linien wieder mehr den Zeichen der Kinetographie.

Die achtzig Zentimeter hohen Konstruktionen stehen mitten im restaurierten Festsaal des Schlosses Struppen, der seit diesem Jahr wieder für Kunstausstellungen genutzt wird. Vor der Sanierung war er schon einmal für ein paar Jahre eine Galerie, bis diese in einige morbide Räume im Erdgeschoss umzog. Dort aber wird nach einem Beschluss des Gemeinderates jetzt der Schulhort einziehen, die Sanierung ist angefangen. Ein Interim, wie Johannes Leder vom Schlossverein weiß, bis es einen Neubau für die Kinder gibt.

Der Mittsiebziger befürchtet indes, dass es für die Kunst keine Rückkehr ins Parterre geben wird. „Wenn sich der Schulhort im Schloss etabliert, warum soll die Gemeinde dann einen neuen bauen?“ Leder sieht die gegenwärtige Lösung auch unter finanziellen Aspekten kritisch: „Der Festsaal ist im Grunde nicht mehr zu vermieten, etwa an Hochzeitsgesellschaften.“ Oder die jeweilige Ausstellung würde, um sie vor Beschädigungen zu schützen, zwischenzeitlich komplett abgebaut. „Aber wer soll das machen?“, fragt Leder.

Zwei weitere Ausstellungen hat der Pirnaer für dieses Jahr konzipiert, mit dem Holzgestalter Georg Brückner aus Goes und mit Zeichnungen und Objekten von Elisabeth Richter aus Seifersdorf. Leder ist froh, dass auch die Schau von Jean Kirsten, die wegen der Beschränkungen ohne Publikum eröffnet wurde, noch das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Statt der ausgefallenen Vernissage soll es eine Finissage geben, mit einer Laudatio von Teresa Ende und Musik mit der Cellistin Beate Hofmann.

Offen bleibt, ob die nächsten Veranstaltungen des Schlossvereins, wie Kindertagsolympiade am 5. Juni oder Frühlingskonzert am 14. Juni, stattfinden dürfen. Ende Juli soll zudem die Theatergruppe Spielbrett mit ihrer Planwagentour am Schloss Station machen, und für Ende August ist das beliebte Sommer-Picknick mit dem Salonstreichorchester Dresden auf der Schlosswiese geplant.

Vielleicht, hofft Leder, sind bis dahin die Maßnahmen der Regierung wie das verpflichtende Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes und der Mindestabstand aufgehoben. Pfingsten bestehen diese Regelungen noch. Für einen Besuch der spannenden Ausstellung von Jean Kirsten dürfte das indes kein Hindernis darstellen.

Ausstellung im Schloss Struppen, bis 8. Juni, So. bis Do. von 12 bis 17 Uhr, Finissage am 7. Juni, 11 Uhr; „Kunst:offen in Sachsen“ über Pfingsten, an allen drei Tagen von 10 bis 18 Uhr, mit Jean Kirsten in seiner Ausstellung und dem Maler Christoph Hampel in seinem Atelier im Schloss.

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