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Studenten graben bei Börtewitz die Urzeit aus

Künftige Geologen und Biologen haben Abdrücke eines Stachelhais entdeckt. Am liebsten würden sie einen Saurier finden.

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Von Heike Stumpf

Trotz gemäßigter Temperaturen ist es in einer Senke bei Börtewitz sehr schwül. Den Studenten, die sich dort an einem Hügel zu schaffen machen, treten die Schweißperlen auf die Stirn. Doch sie sind froh, dass sie nicht im Schlamm versinken und dass sie überhaupt dabei sein dürfen, wenn in der Urzeit gegraben wird.

Bei Börtewitz gab es zuletzt im Jahr 2001 wissenschaftliche Grabungen. Das damals erstellte geologisch Bodenprofil soll nun vervollständigt werden. Außerdem hoffen die Beteiligten auf weitere Fossilfunde. Bisher gibt es welche von Amphibien, Krebstieren, Insekten, Tausendfüßlern, Nadelgewächsen sowie farnartigen Pflanzen.

Hier erzählten Steine

Für die aktuelle Grabung ist ein Teil eines kleinen Hügels abgetragen worden. Der Laie sieht auf ihm wenig sagende Gesteinsschichten. Der Experte kann darin lesen, wie in einem Buch. Zu ihnen gehört Dr. Harald Walter vom Sächsischen Landesamt für Umwelt und Geologie. Er betreut die Grabung.

Auf seinen Jeep hat er bereits eine Vielzahl von Gesteinsplatten geladen. Für jemanden, der sich nicht auskennt, sehen die Steine bis auf Farbunterschiede wie solche aus, die auch im Garten- und Landschaftsbau eingesetzt werden. Doch Harald Walter zeigt auf eine Art Einkerbung, die etwas dunkler ist. „Das ist der Flossenstachel eines Acanthodes – eines Stachelhais“, erklärt er. Woran man das sieht? „Man nicht, ich schon. Das macht die Erfahrung“, sagt der Mann vom Landesamt lächelnd. Er hofft, dass noch weitere solche Zeugen des tierischen und pflanzlichen Lebens vor 290 Millionen Jahren an dieser Stelle ausgegraben und gesichert werden können.

Dabei geben sich die Beteiligten schon mit kleineren Hinweisen zufrieden. Der Clou wäre, wenn sie einen versteinerten Saurier freilegen könnten, meinen alle übereinstimmend. Im Steinernen Wald in Chemnitz ist diese Sensation im vergangenen Jahr tatsächlich eingetreten (DA berichtete am Montag über die aktuellen Grabungen in Chemnitz). Dr. Walter hält das für durchaus möglich. „Wenn die Saurier in Chemnitz unterwegs waren, warum nicht auch hier in der Region?“, fragt er.

Doch auch ohne Saurierfund ist der Standort bei Börtewitz etwas Besonderes. Einmal wegen der vielen Fossilienfunde und zum anderen wegen der Untersuchung der Gesteine des Rotliegenden in ganz Europa. Das Rotliegende ist eine Gesteinseinheit. Nicht zuletzt deshalb soll das Grabungsgebiet als geologisches Flächennaturdenkmal ausgewiesen und gekennzeichnet werden. Wie das gehen kann, darüber unterhalten sich die Behörden im Moment. Die Gemeinderäte sind damit einverstanden.

Wo stand der Vulkan?

Möglicherweise wird künftig eine Tafel erklären, was an diesem Landstrich bei Börtewitz so besonders ist. Dazu gehört zweifellos auch, dass sich an der jetzigen Grabungsstelle ein See bislang unbekannten Ausmaßes befunden hat. Möglicherweise hat er sich über Kilometer erstreckt. „In zehn Kilometern Entfernung sind ähnliche Ablagerungen wie hier festgestellt worden. Vielleicht gab es aber auch mehrere Seen“, so Harald Walter. Fest steht, dass es sich in Börtewitz um eine sogenannte Ruhezone handelt. In der Nähe muss es mindestens einen aktiven Vulkan gegeben haben. Denn feinkörnige vulkanische Aschen sind bereits nachgewiesen. Sie wurden entweder in den See eingespült oder sind direkt hineingefallen. „Wo genau sich der Vulkan befand, wissen wir aber noch nicht“, so der Fachmann vom Landesamt.

Am Freitag wird die Grabungsstelle wieder geschlossen. Dann geht es an die Dokumentation und Auswertung. Grabungsleiterin Christiane Gold (23) wird ihre Abschlussarbeit darüber schreiben, die sie zum Master der Geowissenschaften machen soll. Bei Robert Ganß ist das nicht der Fall. Trotzdem ist er begeistert bei der Arbeit. „Auf Reste ausgestorbener Tiere zu stoßen, das ist schon toll“, begründet der Student für Biologie.