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Studenten leben in Görlitz günstig

Angeblich ist Görlitz die teuerste Hochschulstadt Sachsens. Doch daran gibt es Zweifel. Die SZ hat die Probe gemacht.

Von Ingo Kramer

Schon beim ersten Hören klingen die Zahlen unglaublich: Ein Student benötigt in Görlitz monatlich 787 Euro zum Leben, in Zittau nur 604 Euro. Damit ist Görlitz die teuerste Hochschulstadt in Sachsen, Zittau die preiswerteste. Das jedenfalls hat die Studentenzeitung Unicum in einer Umfrage herausgefunden, an der sich deutschlandweit Studenten beteiligt haben. Was auf der Unicum-Internetpräsenz nicht genannt wird, ist eine Angabe, wie viele Studenten sich in Görlitz tatsächlich beteiligt haben. Vielleicht waren es ja nur drei und die haben hohe Werte eingegeben?

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Zweifel an der Umfrage hat Anselm Peischl. Der 24-Jährige hat zunächst in Görlitz studiert und ist dann nach Freiberg gewechselt. Freiberg ist laut Unicum hinter Zittau die zweitgünstigste Studentenstadt Sachsens. Anselm Peischl hat den direkten Vergleich zwischen Görlitz und Freiberg, hat in beiden Städten in Altbau-Studenten-WGs gewohnt. „In Görlitz war es kein Problem, so ein WG-Zimmer für 150 bis 180 Euro zu bekommen“, sagt er. In Freiberg zahlt er 230. Auch beim Essen sei Görlitz günstiger, denn Studenten kaufen oft in Polen ein. „Eigentlich ist Freiberg in allen Punkten teurer“, sagt er. Und manche Sachen, die Unicum erhoben hat, spielen für ihn und viele andere Studenten gar keine Rolle: „Ich habe weder ein Auto noch nutze ich Bus und Bahn.“ Beide Städte seien klein genug, um alles zu Fuß oder per Fahrrad zu erreichen.

Eine Umfrage unter Görlitzer Freizeiteinrichtungen macht zudem schnell klar, dass Studenten in Görlitz fast überall Ermäßigungen bekommen. Im Neißebad etwa zahlen sie drei Euro statt 3,50 Euro für anderthalb Stunden und 4,50 statt 5,50 Euro für drei Stunden. Im Filmpalast gibt es nur montags Rabatt: fünf statt 6,50 Euro pro Film. Auch die drei großen Museen geben Ermäßigung auf Tages- wie Jahreskarten. Der kann erheblich sein. So kostet die Karte fürs Senckenbergmuseum zwei statt drei, fürs ganze Jahr zwölf statt 20 Euro.

Auch Hochschulrektor Friedrich Albrecht, der mit Görlitz für die angeblich teuerste und mit Zittau für die preiswerteste Studentenstadt Sachsens gleichzeitig zuständig ist, kommen die Zahlen komisch vor. Er habe versucht, das methodische Vorgehen der Zeitung zu untersuchen. Allerdings wurde er auf der Unicum-Seite nicht fündig. „Eine Differenz von 183 Euro zwischen beiden Städten kann ich mir nicht vorstellen“, sagt Albrecht. Im Detail sieht er aber ein bisschen Wahrheit. So sei denkbar, dass das Wohnen in Görlitz tatsächlich um monatlich 50 Euro teurer ist als in Zittau: „Viele Zittauer Studenten wohnen bei ihren Eltern im Oberland und haben deshalb gar keine Mietkosten“, so Albrecht. Einen weiteren Grund sieht er im weitaus geringeren Ausländeranteil unter den Görlitzer Studenten: „Ausländer haben oft weitaus weniger Geld zur Verfügung und geben entsprechend weniger aus.“

Der Görlitzer CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Kretschmer, gleichzeitig bildungspolitischer Sprecher seiner Fraktion, hat bei Unicum nachgefragt. „Die Dame dort sagte, dass sie angeblich keine Teilnehmerzahlen nennen kann“, so Kretschmer. Allerdings habe sie zugegeben, dass es sich nicht um eine wissenschaftliche Studie handelt, sondern um eine Umfrage, die nicht den Anspruch erhebt, repräsentativ zu sein. „Die Umfrage ist durch systematische Schwächen verzerrt und die allgemeingültige Aussagekraft ist deshalb begrenzt“, schlussfolgert Kretschmer. So entstehe leider ein falscher Eindruck. Es gebe für Görlitz und Zittau besondere finanzielle Vorteile, die ein Studium an der hiesigen Hochschule attraktiv machen.

Gestern hat die SZ die Probe aufs Exempel gemacht: Die Umfrage steht nach wie vor im Internet und kann von jedermann ausgefüllt werden – ohne Nachweis, ob man Student ist. Die SZ hat die Umfrage für Görlitz ausgefüllt und bei sämtlichen Fragen extrem niedrige fiktive Zahlen eingegeben. Folge: Nach dem einmaligen Ausfüllen des Umfragebogens ist der Gesamtwert für Görlitz bereits um 23 Euro gesunken. Würden also nur noch fünf oder zehn weitere Leute die Internet-Umfrage ausfüllen und ähnliche Zahlen eintragen, wäre Görlitz schnell bei den Zittauer Zahlen angelangt. Kretschmers Schlussfolgerung: „Wenn das so einfach ist, sollte man solche Umfragen bleibenlassen.“Auf ein Wort

http:sz-link.de/Studienkosten