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Stück für Stück wächst das neue Heim

Ein Meer von Luftballons rollte die Dorfstraße in Obercarsdorf hoch. Ein geschmücktes Auto fuhr vor, im Gepäck zwei Fahrräder für Daniel und Christoph, die Kinder der Profts aus Obercarsdorf. Ein Augenblick der Freude, den hilfsbereite Familien aus Possendorf den von der Flut Betroffenen schenkten.

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Von Franziska Günther

Ein Meer von Luftballons rollte die Dorfstraße in Obercarsdorf hoch. Ein geschmücktes Auto fuhr vor, im Gepäck zwei Fahrräder für Daniel und Christoph, die Kinder der Profts aus Obercarsdorf. Ein Augenblick der Freude, den hilfsbereite Familien aus Possendorf den von der Flut Betroffenen schenkten.

Ein paar Tage zuvor hatten sie sich per Telefon erkundigt, was sie Gutes tun könnten, wie alt die Jungs seien, ob sie Fahrräder mit Stützrädern bräuchten oder schon frei fahren könnten, erinnert sich Jens Proft. „Wir Vier waren so gerührt, mit wie viel Mühe uns diese Menschen Kraft schenkten“, fügt seine Frau Anke hinzu. Kraft, die sie brauchten.

Seit Ostern geht es jeden Nachmittag auf den Bau, dahin, wo einmal das neue Heim stehen wird. Ihr einstiges Haus verschlang die Weißeritz im vorigen August binnen weniger Stunden. Über einen Einstieg an der Terrasse kletterte die Familie in die eigenen vier Wände um zu retten, was zu retten war. Kein ungefährliches Unterfangen, musste Jens Proft am nächsten Tag feststellen: An einem offenen Abflussschacht, durch das Schlammwasser auf der Straße nicht sichtbar, brach er sich ein Bein.

Mit den Räumungsarbeiten war für ihn erstmal Schluss. Doch in jenen Tagen geschah auch etwas, was den Menschen in den letzten Jahren so fern zu liegen schien: Menschlichkeit und uneingeschränkte Hilfsbereitschaft. Das eigene Dach über dem Kopf verloren, fanden die Profts Obdach auf dem Pferdehof Göbel in Obercarsdorf.

Doch nicht nur die vierköpfige Familie war in der Ferienwohnung untergebracht. Zeitweise fanden dort 20 Leute Platz. „Jeder, der kam und ein Dach über dem Kopf suchte, wurde aufgenommen, eine wunderbare Geste der Familie Göbel“, erzählt Jens Proft.

Gerade hatte der Schlamm das Wasser verdrängt, stand für die junge Familie fest: Neu gebaut wird wieder, in Obercarsdorf, weiter oben, weg vom Wasser. Nach unzähligen Behördengängen wurde das jetzige Grundstück der Familie zum Bauland erklärt.

Das Landratsamt gab dann auch finanzielle Unterstützung für das Neuland. „Allein mit Geldern der Sächsischen Aufbaubank und der Versicherung entsteht kein neues Haus“, sagt Jens Proft. Handwerker auf dem Bau kann die Familie nicht bezahlen. So stehen sie jeden Tag nach der Arbeit selbst auf der Baustelle und kommen Stück für Stück voran.

Über des Kanzlers Versprechen, keinem solle es schlechter gehen als vorher, können die Eheleute nur lächeln: „Wir haben so viele Briefe geschrieben; bei der Landesregierung um Hilfe gebeten. Doch nicht einmal eine Bestätigung kam zurück, dass unser Schreiben bearbeitet wird, nicht mal das.“

Hilfe kam aus der Bevölkerung, von Verwandten, Bekannten und dem Technischen Hilfswerk. Die Leute seien aus allen Himmelsrichtungen angereist, so Jens Proft, und boten Unterstützung an. „Unser grenzenloser Dank an die Helfer geht wirklich nach Nord, Ost, Süd und West“, da ist sich die Familie einig.

Eine Kirchgemeinde lud die Vier für die Sommerferien zum Urlaub ein, doch den lässt die Baustelle im Moment nicht zu. „So, ich muss noch was schaffen heute, nächstes Jahr wollen wir schließlich hier einziehen“, verabschiedet sich Jens Proft und verschwindet in den kahlen Mauern des Baus.