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Stumme Auseinandersetzung mit dem Krieg

Pirnas Theatermacher begleiten die Dix-Schau im Albertinum. Eine Herausforderung für sie, aber auch für die Besucher.

Von Heike Sabel

Auf Dresdens Brühlscher Terrasse werden die Besucher empfangen. Die Theatermacher verbinden ihnen die Augen, begleiten sie ins Albertinum. Die Treppen hinauf müssen sie sich leiten lassen, die Erfahrung von Führen und Verführen machen, weil sie blind sind. Dann werden sie sehend – und mit den Bildern des Krieges konfrontiert. Die Theatermacher stellen die Bilder von Otto Dix nach. Ohne Blut. Dafür hallen Schreie durch den Ausstellungsraum. Kinder und Jugendliche robben, rutschen und rollen auf dem Boden. Sie fallen aufeinander, werfen sich schützend übereinander. Aus ihren offenen Mündern dringt laut und stumm der Schrecken. Wenn die Schauspieler wieder aufgestanden sind, bleiben ihre mit Kreide gezeichneten Umrisse zurück.

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Es sind starke Bilder. Die von Otto Dix und die, die die Theatermacher finden, um den unbegreiflichen Krieg fühlbar zu machen. Für die Theatermacher war die Anfrage der Ausstellungsmacher Anerkennung und Herausforderung zugleich, sagt Vorsitzende Barbara Hirsch. Die Sonderausstellung „Otto Dix. Der Krieg. Das Dresdner Triptychon“ wird im Jahr des 100. Beginns des Ersten Weltkrieges im Dresdner Albertinum gezeigt.

Theater macht stark

25 Kinder und Jugendliche setzen sich mit dem Thema Krieg auseinander. Mit ihrer nonverbalen Führung durch die Ausstellung bleiben die Theatermacher wieder sich selbst treu. Sie studieren keine fertigen Stücke ein, sie entwickeln eigene. Damit schaffen sie mehr als Theater, weil sie sich selbst entdecken, neu erschaffen. Kindern und Jugendlichen Halt, Aussichten, Chancen, Selbstbewusstsein geben, steht über dem Stück. Das Stück ist gewissermaßen Mittel zum Zweck. Und es erfüllt ihn. Barbara Hirsch kann viele Beispiele von Kindern und Jugendlichen nennen, die das Theaterspielen starkgemacht hat.

Ein Junge zum Beispiel fand in der Gruppe den Mut, über seine Epilepsie zu berichten und weihte die anderen in Notfallmaßnahmen ein. Damit gibt er ihnen und sich Sicherheit. Zwei Mädchen erzählten aus ihrer Kindheit von Entwicklungsstörungen und Missständen. „Im geschützten Raum der Gruppe über ihre Erlebnisse und Erfahrungen zu berichten, hilft, sie besser zu verarbeiten“, sagt Barbara Hirsch. „Die langjährige Theatergruppe gibt ihnen Halt.“ Das spürt auch das bei wechselnden Pflegeeltern aufgewachsene Mädchen. Ihm merkt keiner an, dass es lernbehindert ist. Inzwischen fährt es allein mit dem Bus zu den Proben. Vor Monaten hätte weder es selbst und ein anderer ihm das zugetraut. Barbara Hirsch erzählt von „ihren“ Schützlingen und sieht ihr Anliegen erfüllt.

Theater verändert. Nicht unbedingt die Welt, aber auf jeden Fall die jungen Theatermacher. Die Auseinandersetzung mit der Ausstellung und dem Krieg ist auch Auseinandersetzung mit sich selbst. Die jungen Leute entwickeln durch Museumsbesuche, Improvisationen und Diskussionen eine Inszenierung, bei der sie und die Zuschauer die Auswirkungen eines Krieges selber spüren. Die Zuschauer werden zum Schluss der Performance wieder von den Theatermachern hinausgebracht. Zuvor wird noch einmal ein Dix-Bild nachgestellt. Alle werden zurück in den Frieden entlassen, mit einer Vorstellung von Krieg, die sie den Frieden anders schätzen lässt.