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Stunden voller Angst im Bunker

Nun kam der Sonnabend, der 21. April 1945. Mittlerweile war es Mittag geworden. Der Geschützdonner wurde immer stärker. Sowjetische Kampfflieger rasten im Tiefflug über die Stadt. Wir bekamen große Angst und beschlossen in unserer Panik, nun uns auch auf die Flucht zu begeben.

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Von Wolfgang Forgber

Nun kam der Sonnabend, der 21. April 1945. Mittlerweile war es Mittag geworden. Der Geschützdonner wurde immer stärker. Sowjetische Kampfflieger rasten im Tiefflug über die Stadt. Wir bekamen große Angst und beschlossen in unserer Panik, nun uns auch auf die Flucht zu begeben. Man spürte es, die Kampflinie war nahe der Stadt Bischofswerda – sicher bereits auf Höhe der Kasernen, äußere Bautzener Straße.

Das Denken, auch bei meinem erfahrenen, rüstigen Großvater, der schon im Ersten Weltkrieg vieles miterlebt hatte, musste jetzt ausgesetzt haben, zu so einer Zeit noch an eine Flucht zu denken. Dennoch: Die jahrelange Hetze gegen die „Russen“ hatte die Angst so tief auch in uns gesät, dass wir trotzdem noch fliehen wollten.

So standen wir um die Mittagszeit im Hof unseres Wohnhauses an der Sinzstraße 1 und wollten uns mit dem Leiterwagen auf den Weg machen, als plötzlich eine Totenstille eintrat. Wir hatten das Gefühl als sei alles abgestorben. Kein Vogelgezwitscher oder ähnliches war zu vernehmen. Wir standen wie gebannt da. Da krachte ein Schuss. Eine Granate war eingeschlagen; sie traf den Rathausturm, wie wir später erfuhren. Splitter flogen selbst noch auf der Sinzstraße herum.

Im selben Augenblick kam Frau Schreier bei uns vorbei gerannt. In ihrem Gefolge liefen noch ihr Dienstmädchen sowie eine Freundin der Familie, eine in Bischofswerda sehr geachtete Krankenschwester, Fräulein Hoppstock. Sie riefen uns zu, sofort mit in den „Bunker“ in ihrem großen Garten zu kommen. Wir räumten den Leiterwagen wieder in unseren Schuppen zurück und rannten blitzschnell in diesen „Bunker“. Bald kamen noch zwei Familien aus unserem Haus nach. Wir hatten nicht bemerkt, dass die Familien Mitscherling/Wolf und Beitlich auch noch nicht geflohen waren.

Auf engstem Raum saßen wir 14 Personen in diesem Bau und warteten angsterfüllt auf die Dinge, die da kommen sollten. Und es sollte recht schlimm kommen!

Zunächst aber einige Erklärungen zum Gartengrundstück der Familie Schreier und dieser Unterkunft, „Bunker“ genannt: Der Familie Schreier, die an der Kleinen Töpfergasse eine Braun- und Kunsttöpferei betrieb, gehörte das große Wiesengrundstück, das wir jetzt als Kleintierpark kennen. Auf diesem Grundstück wurde noch im Herbst 1944 im Auftrag der Wehrmacht ein Betonbunker kurzfristig errichtet. Zu welchem Zweck das geschah, wussten wir nicht. Der Bunker wurde aber mit einer auf dem Butterberg wohl vorgesehenen Radarbeobachtungsanlage in Verbindung gebracht.

In diesem Bunker, der mit einer Stahltür versehen war, saßen wir nun und wagten uns vor Angst kaum zu räuspern. Die an das Grundstück Sinzstraße 1 angrenzenden „Bleichwiesen“, nach 1945 ein Holzplatz der Firma Sachse, waren geflutet, so dass ein großer „See“ bis zum Mühlgraben angestaut war und so ein „normales“ Durchqueren in Richtung Steinweg nicht mehr möglich war.

Zwischenzeitlich, so am frühen Nachmittag des 21. April, hatten die sowjetischen Panzerspitzen die Stadt Bischofswerda erreicht. Die Kampfhandlungen gingen nun quer durch die Innenstadt. Bedingt durch die Panzersperren bewegten sich die Panzer von der Bautzener Straße kommend auf der Carola-Straße in Richtung Rammenauer Weg, bogen dann an der Buchdruckerei Klepsch (später Industriedruck) auf die Johann-Sebastian-Bach-Straße. Einer der ersten Panzer schoss eine Granate in das Eckhaus der Familie Bombach/Dix in der Großen Wallgasse. Das Riesenloch in der Hauswand war nach 1945 noch lange sichtbar. Dann schwenkten die Panzer auf die Lutherstraße, kamen so auf die Dresdner Straße und konnten nun recht ungehindert in Richtung Goldbach weiter vorstoßen.

Die Rote Armee sowie die deutsche Wehrmacht kämpften mehrere Stunden um die Stadt. Das Maschinengewehr- und Maschinenpistolenfeuer war sehr heftig. Wenige Male wagten wir, die Stahltür unseres „Bunkers“ zu öffnen – wir brauchten ja Frischluft. Doch wir hatten riesige Angst; der Lärm der Schlacht war furchtbar. Die Kugeln pfiffen über uns hinweg. Große Sorgen hatten wir, dass sowjetische Soldaten unseren „Bunker“ entdeckten. Eine Handgranate hätte genügt ... – aber wir hatten Glück.

Plötzlich brannte ein Haus auf der Dresdner Straße lichterloh. Es war das Eckhaus Dresdner Straße/Beethovenstraße der Familie Haufe. Wir hörten später, dass ein Volkssturmmann mit einer Panzerfaust vom Steinweg aus einen Panzer abschießen wollte, aber sein Ziel verfehlt hatte. Das brennende Haus und der unheimliche Gefechtslärm erhöhten unsere Angst in diesen Stunden unermesslich.

Kommandantur menschenleer

In der Nacht trat plötzlich eine große Stille ein. Mein Großvater Max Richter und Fräulein Hoppstock wagten sich nun aus unserem Versteck. Sie wollten die Lage „erforschen“ und gingen mutig auf den Topfmarkt (jetzt Neumarkt). Dort war in diesen Kriegstagen in der Gastwirtschaft „Germania“ die Stadtkommandantur der deutschen Wehrmacht untergebracht. Unbehelligt kamen die Beiden zurück und berichteten, dass keine deutschen Soldaten mehr da seien. Die Räume würden wüst aussehen.

Wir gingen in unsere Wohnungen zurück. Unser Haus war unbeschädigt. Von diesen Erlebnissen des Vortages und der Nacht schliefen wir erschöpft ein. Doch wir waren bald wieder munter. Am 22. April 1945, es war Sonntag, gegen 6 Uhr brach auf der Dresdner Straße ein Höllenlärm los. Da wir von unserem Wohnhaus auch die Lutherstaße/Ecke Dresdner Straße einsehen konnten, bekamen wir wieder riesige Angst. Nach Beseitigung der Panzersperren rückten die sowjetischen Kampfeinheiten den vorausgeeilten Panzerspitzen in Richtung Arnsdorf nach. Panzer, Artillerie, Panzerspähwagen, auf Lastwagen aufgesessene Infanterie und Versorgungseinheiten durchfuhren in nicht geringem Tempo die Dresdner Straße. Das dauerte mindestens zwei Stunden, bis wieder eine kleine Pause eintrat. Jetzt bemerkten wir auch Leben auf der Lutherstraße. Ein Militärlastwagen hielt an der Kleinen Töpfergasse in Richtung Lutherpark. Ein sowjetischer Offizier stieg aus. Er hatte eine Flasche in der Hand und forderte Frau Schreier auf, ihm Gläser zu bringen. Der Offizier hatte Frau Schreier, die hinter einer Gardine auf die Straße schaute, gesehen. Wir bemerkten, dass sie große Angst hatte. Mein Großvater, Max Richter, „opferte“ sich und ging ihrer statt über die Straße mit den geforderten Gläsern. Er musste mit dem russischen Offizier, der Deutsch sprach und nicht aus der Flasche trinken wollte, anstoßen. Nach zwei Gläsern Wodka wurde er anständig verabschiedet.

Als mein Großvater wieder unser Haus betrat, stand hinter der offen gelassenen Haustür ein einfacher sowjetischer Soldat. Er forderte unter Drohung mit seiner Maschinenpistole die goldene Taschenuhr, die mein Großvater leichtsinniger Weise noch bei sich trug. Nach kurzem „Handel“ gab er jedoch das gute Erbstück und war froh, lebend davon gekommen zu sein.

Nun sahen wir auch ein Militärmotorrad mit Beiwagen, das vor dem Feuerwehrdepot, das sich damals noch an der Lutherstraße befand, parkte. Es öffnete sich ein Tor und zwei russische Soldaten brachten eine „Gala-Uniform“ der Feuerwehr mit Helm und anderem Beiwerk heraus und verstauten diese Gegenstände mit sichtbarer Freude in ihrem Beiwagen.

Frauen versteckten sich

Im Laufe des Vormittags schon änderte sich das Bild auf den Straßen, die wir beobachten konnten. Die polnische Armee war wohl nachgerückt. Ich bitte jetzt schon um Entschuldigung, wenn ich mit den nachfolgenden Bemerkungen jemanden verletzen oder vielleicht nicht die richtigen Worte finden sollte. Ich weiß, dass unser deutsches Volk viel Elend auch über das polnische Volk gebracht hat. Es ist verständlich, dass der Hass der polnischen Bürger zu diesem Zeitpunkt – noch während der Kämpfe – besonders auf die Deutschen groß war. Die polnischen Truppen hatten Äxte und ähnliches bei sich. Sie öffneten die Haus- bzw. Wohnungstüren, suchten nach Wertgegenständen bzw. nach Frauen. So versteckten sich unsere Frauen des Hauses mit den Kindern mehrmals am Tag, wenn wieder Soldaten unser Haus betraten. Wir waren froh, dass sie nur die Wohnungen im Erdgeschoss „heimsuchten“. Das Versteck auf dem Boden unter dem damaligen Türmchen, das unser Haus verzierte, bot natürlich keinen ausreichenden Schutz. Aber alle, ob jung oder alt, hatten furchtbare Angst. So vergingen die Tage. Alle im Haus verbliebenen Mieter verständigten sich über die Ereignisse und halfen sich auch mal mit einigen Lebensmitteln aus.

(wird fortgesetzt)

Die ersten zwei Teile der Erinnerungen von Wolfgang Forgber sind am 17. Mai, Seite 10 und am 21. Mai, Seite 19 erschienen.