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Stundenweise ohne Alkohol

Für sieben Männer und eine Frau ist die Beschäftigungswerkstatt des Förderkreises der letzte Rettungsanker.

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Von Karin Domann

Andree Bergmann weiß: Das ist seine letzte Chance. Jeden Tag macht er sich aus seinem kleinen bei Nossen gelegenen Dorf auf nach Meißen. Auch wenn die Anreise lang und beschwerlich ist: Bergmann kommt gerne in die auf dem Dobritzer Berg gelegene Beschäftigungswerkstatt. „Hier habe ich endlich wieder eine Aufgabe“, sagt der gelernte Fleischer, der in der bunt gemischten Gruppe für das leibliche Wohl verantwortlich ist.

Die Biografien seiner sechs Kollegen in der Werkstatt sind unterschiedlich, aber sie haben eins gemeinsam: Der Alkohol hält sie fest im Griff. Arbeitslosigkeit, Krankheit, Perspektivlosigkeit und soziale Ausgrenzung sind die Folgen. Ein vom Jobcenter des Landkreises Meißen gefördertes Projekt des Gemeinnützigen Sozialen Förderkreises e.V. Meißen soll sie in zwölf Monaten dazu befähigen, Struktur und Stabilität in ihr Leben zu bringen.

„Zwanzig Jahre habe ich in Bayern gearbeitet und richtig gutes Geld verdient“, erzählt Andree Bergmann. Doch dann gab es familiäre Probleme, und seine alten Eltern wurden zu Pflegefällen. Deshalb kam er vor zwei Jahren zurück in die Heimat nach Sachsen. Die Pflege der Eltern, mangelnde soziale Kontakte und keine Aussicht auf einen neuen Job – das hat ihn überfordert. Der regelmäßige Griff zur Flasche, oft morgens schon, wurde schnell zur Routine. Jetzt hofft Bergmann, dass er mit Hilfe der Beschäftigungswerkstatt sein Suchtproblem in den Griff und irgendwann wieder einen festen Job bekommt.

Sozialpädagogin Kathrin Büchner und ihr Kollege Jens Höfer wollen die Teilnehmer in einem ersten Schritt dazu bringen, ihren Alkoholkonsum unter Kontrolle zu halten und ihrem Tagesablauf eine Grundstruktur zu geben. Das fängt bei ganz einfachen Dingen wie dem gemeinsamen Frühstücken und Mittagessen zu festen Zeiten an. Unter der kundigen Anleitung von Ralf Stolp, einem gelernten Tischler, erledigen die sieben Alkoholiker einfache handwerkliche Arbeiten.

Auf dem Gelände gibt es Kaninchen, um die sich einige Gruppenmitglieder kümmern. Andere haben aus Holz eine massive Sitzgruppe mit Tisch gebaut, die bei den derzeitigen milden Temperaturen gerne für Rauchpausen und Unterhaltungen genutzt wird.

„Bei der Arbeit ist Alkohol absolut tabu“, stellt Kathrin Büchner klar. Sie weiß, wie schwer den meisten die sechsstündige Abstinenz fällt. Da werden schon mal Flaschen auf dem Gelände versteckt und allerlei Tricks angewendet, um heimlich an Schnaps oder Bier zu kommen. Deshalb gehören regelmäßige Alkoholkontrollen zur Tagesordnung. Hin und wieder kommt es vor, dass ein Teilnehmer schon morgens im Vollrausch auf dem Dobritzer Berg erscheint. „Dafür haben wir einen Krisenraum“, sagt Kathrin Büchner gelassen und mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht. Überhaupt fällt auf, dass sie und ihre Kollegen einen entspannten, fast freund-schaftlichen Umgang mit ihren Klienten pflegen. Das wirkt sich auf die Stimmung in der Werkstatt aus. „Wir werden hier mit Achtung behandelt, wie ganz normale Menschen eben“, sagt Andree Bergmann, und die anderen nicken übereinstimmend. Auch wenn man es den vom Leben gezeichneten Gesichtern nicht ansieht: Alle scheinen froh zu sein, dass sie hier noch einmal eine Chance bekommen.