merken
PLUS

Sturmerprobt und flutfest

Seit 22 Jahren ist Daniel Olewinski bei den Johannitern – und noch kein bisschen müde. Was ihm der heutige Tag des Ehrenamts bedeutet.

Von Jane Pabst

Daniel Olewinski springt von seinem schwarzen Ledersessel auf. „Warten Sie! Das geht ganz schnell“, sagt der 40-Jährige, greift nach einem Berg gelb-roter Klamotten und verschwindet hinter einer weißen Tür. Und tatsächlich. Eine Minute später steht er vor der Holztür. Statt schwarzer Ledertreter trägt er weiße Sicherheitsschuhe, statt dunklem Nadelstreifenanzug rote-gelbe Arbeitskleidung, statt blauem Businesshemd mit grauem Schal ein weißes Hemd mit drei grauen Streifen auf der Schulter. In der Verwandlung vom Versicherungsmakler der DEVK zum Zugführer der Johanniter ist er geübt. Denn der gebürtige Riesaer praktiziert sie seit 22 Jahren. Zum heutigen Tag des Ehrenamtes danken die Johanniter auch seinem langjährigen Engagement.

Familienkompass 2020
Familienkompass 2020
Familienkompass 2020

Welche Ergebnisse bringt der Familienkompass 2020 für die sächsischen Gemeinden und unsere Region hervor? Auf sächsische.de bekommen Sie alle Infos!

„Dass es anerkannt wird, dass wir hier vor Ort gute Arbeit leisten und dies keine Selbstverständlichkeit ist, ist mir sehr wichtig“, sagt Olewinski. 120 Frauen und Männer engagieren sich im Regionalverband Meißen/Mittelsachsen allein bei den Johannitern für das Gemeinwohl, in ihrer Freizeit und ohne Bezahlung. „Ohne ehrenamtliches Engagement würde vieles in unserer Gesellschaft gar nicht funktionieren“, sagt Regionalvorstand Falk Müller. „Ihnen allen gilt, nicht nur heute, am Internationalen Tag des Ehrenamts, unser herzlicher Dank“, sagt der 30-Jährige.

Daniel Olewinski telefoniert, schreibt und denkt für die christliche Hilfsorganisation täglich bis zu zwei Stunden. „Ich spreche mit dem Landratsamt, kümmere mich um Werkstattaufenthalte unseres Fahrzeugs, koordiniere die nächsten Einsätze“, erklärt er. So wie den größten Einsatz in diesem Jahr, das Hochwasser im Juni 2013. Da fand die Verwandlung vom Nadelstreifenanzug in die Schutzkleidung täglich statt. „Denn ich bin ja selbstständig, habe versucht, wenigstens zwei Stunden am Tag in der Agentur zu sein“, so der Generalvertreter. Parallel mit seiner Laufbahn bei den Johannitern begann seine Selbstständigkeit als Versicherungsmakler.

An der weißen Raufasertapete zwischen den Fenstern im ersten Obergeschoss der Riesaer Bahnhofsstraße hängen sechs Urkunden hinter Glas. Auf dem Fensterbrett rechts steht ein „Gute-Laune-Teelicht“. Die Hälfte der Urkunde sind ihm von seiner Versicherungsgesellschaft für „hervorragende Leistungen“, für die „langjährige Betriebszugehörigkeit“ und für das „20-jährige Tätigkeitsjubiläum“ verliehen worden. „Ja, ich bin ein beständiger Typ“, charakterisiert er sich selbst. Doch noch viel wichtiger als die Treue zum Unternehmen ist ihm sein Ehrenamt. „Das ist meine Berufung, mein Ventil zur stupiden Büroarbeit, meine Art zu entspannen“, so Olewinski. Doch ganz lässt er den Versicherungsmakler trotz Johanniter-Uniform doch nicht im Büro. „Wenn die Leute, die wir evakuieren, erzählen, sie haben keine Elementarversicherung für ihr Haus, tut mir das schon weh“, sagt der Wahl-Wülknitzer. Dann schmunzelt er und kneift dabei seine grau-blauen Augen hinter der schwarz-umrahmten Brille zusammen. „Dennoch trenne ich da zwischen Beruf und Ehrenamt. Ichschwatze den Betroffenen in dem Moment keine Versicherung auf.“ Dafür bleibt auch keine Zeit. Als Zugführer koordiniert er vor Ort seine Mannschaft. „Mit der Döbelner Einheit sind wir 40 Leute“, sagt er. Der feste Riesaer Kern besteht aus 20 Mann. „Und die meisten sind schon 10 bis 15 Jahre dabei“, so Olewinski. Immer wieder betont er den Gruppenzusammenhalt. Das ist das erste, woran er denkt, wenn er sich an das Juni-Hochwasser erinnert.

120 Johanniter im Meißner Verband

„Obwohl es ein schlimmes Ereignis war und das vielleicht jetzt blöd klingt, aber es hat Spaß gemacht. Alle waren hochmotiviert. Es war spitze“, erinnert sich der ausgebildete Sanitätshelfer. Drei Hochwasser, 2002, 2006 und 2013 hat er bereits miterlebt. „Während die Flut 2002 für uns noch ein Schock war, lief es in diesem Jahr viel routinierter ab“, so Olewinski. Ob die Zusammenarbeit mit anderen Hilfswerken, die Arbeit vor Ort oder mit den Behörden. „Es hat alles noch viel besser funktioniert. Wer was zu entscheiden hat, war ausgereifter und klarer.“ Doch, ob 2002, 2006 oder 2013 - die Momente, die ihn immer wieder berühren, sind die, in denen die Menschen ihre Häuser verlassen müssen. „Oft sind die älteren Leute sehr mit ihren Häusern verbunden und wenn wir absehen können, dass sie so bald nicht wieder dahin zurückkehren werden, geht einem das nahe“, sagt er. Schon in seiner Jugend war er bereit, als ehrenamtlicher Trainer Judo zu unterrichten. „Einfach, um anderen zu helfen. Ich glaube, das steckt in mir so drin“, meint er weiter. Seinen Job an den Nagel hängen, will er dennoch nicht. „Ich liebe meine Freiheit, die die Selbstständigkeit mit sich bringt.“ Und gerade sein Ehrenamt bei den Johannitern ließ ihn selbstbewusster werden und mehr Einfühlungsvermögen für die Menschen entwickeln. Auch, wenn es rein äußerlich nur ein oder zwei Stunden tägliche Arbeit für den Orden sind – tatsächlich trägt Daniel Olewinski den ganzen Tag seine Arbeitskleidung unter dem Nadelstreifenanzug. Auch, wenn das für andere nicht sichtbar ist.