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Neue Huckelpiste am See wird Stadträtin zum Verhängnis

Die Folgen ihres bösen Sturzes spürt Opernsängerin Yvonne Reich noch immer. Doch die Stadt will nichts ändern.

Stadträtin Yvonne Reich steht mit ihrem Fahrrad an einem der sechs neuen Huckel am Rundweg um den Berzdorfer See – hier in Deutsch Ossig.
Stadträtin Yvonne Reich steht mit ihrem Fahrrad an einem der sechs neuen Huckel am Rundweg um den Berzdorfer See – hier in Deutsch Ossig. © Nikolai Schmidt

Der Kopf ist zum Glück heil geblieben. „Aber am Hintern und an der Seite habe ich überall blaue Flecke“, sagt Yvonne Reich,  Opernsängerin und Fraktionschefin der Bündnisfraktion im Stadtrat.  Am Sonntag vor einer Woche ist sie mit dem Mountainbike auf der Strandpromenade in Deutsch Ossig böse gestürzt – über einen der sechs neuen Huckel, die die Stadt dort kürzlich zur Verkehrsberuhigung eingebaut hat.

Wobei, sind das wirklich Huckel? Eher Schanzen, könnte man meinen. Sie befinden sich mitten auf der Straße, sind annähernd quadratisch und haben hohe Betonränder, die nur minimal angeschrägt sind. „Das war ein Stadtratsbeschluss“, erklärte Rathaussprecherin Sylvia Otto vor zwei Wochen. Nähere Auskünfte verweigerte das Rathaus auf eine SZ-Anfrage seither aber konsequent.

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Der Stadtrat hätte dem wohl nicht zugestimmt

Stadträtin Yvonne Reich kennt einen solchen Beschluss nicht. „Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass der Stadtrat einer solchen Ausführung zugestimmt hätte“, sagt sie. Sie sei noch nicht einmal besonders schnell unterwegs gewesen: „Ich habe diesen Huckel nicht erwartet und bin mittig draufgefahren.“ Da habe auch kein Bremsen mehr geholfen. Stattdessen sei sie unvermittelt gestürzt. Sie vermutet, dass sie nicht die Einzige ist, der das passiert ist. Zwar gibt es rechts und links Ausweichstellen, an denen Radfahrer die Huckel problemlos umfahren können. „Aber wer die Hürden nicht kennt, hat das nicht auf dem Schirm“, sagt sie. Auch Familien mit Kindern seien in Gefahr: „Die Eltern haben nicht immer jedes Kind im Blick.“

Noch gefährlicher wird es im Dunkeln, wenn die Huckel weitaus schlechter zu sehen sind. Und es sind bei Weitem nicht nur Fahrradfahrer betroffen, sondern auch Inlineskater. Und selbst manche Autofahrer trauen sich aufgrund der Höhe und der kaum vorhandenen Anschrägung nicht mehr in die Strandpromenade, weil sie Angst um ihre Autos haben.

Ex-OB schaltet sich in Diskussion ein

Auch der frühere Görlitzer OB Matthias Lechner findet die Huckel gefährlich, spricht von einer „Zerstörung einer völlig intakten Straße“ und will wissen, woraus das bezahlt wird. „Für Radfahrer sind die Schanzen, besonders in der Dämmerung oder Dunkelheit, besonders gefährlich“, sagt er. Diese Aktion passe gut zu Görlitz: „Keine nennenswerte Infrastruktur am Strand vorhanden, aber eine gute Straße zerstören.“ Dem könne doch kein gesunder Menschenverstand zustimmen.

Bürgermeister Michael Wieler versprach in der jüngsten Stadtratssitzung, zum See fahren zu wollen, um sich selbst ein Bild zu machen. Das hat er am Dienstagnachmittag getan – und den Selbsttest mit seinem Pkw unternommen. „Ich bin mit 20 bis 25 Stundenkilometern drüber gefahren“, sagt er: „Das war ein spürbares Rucken, aber keine Gefährdung für mein Auto, das kein Geländewagen ist.“ 20 bis 25 Stundenkilometer seien im Übrigen gar nicht erlaubt. Gestattet ist nur Schrittgeschwindigkeit. „Wenn man sich daran hält, ist das kein Risiko fürs Auto“, sagt er. Allerdings sei auf dem Asphalt noch eine „30“ aus früheren Zeiten aufgemalt. Die soll demnächst entfernt werden, sagt er.

Es gab gar keinen Stadtratsbeschluss

Und haben die Stadträte das tatsächlich beschlossen? „Nein“, stellt Wieler klar. Es habe lediglich im Technischen Ausschuss eine Information gegeben, aber keinen Beschluss. Wielers Mitarbeiterin Astrid Hahn kennt diese Information. „In der Sitzung am 6. November wurden den Stadträten zwei Bilder gezeigt“, sagt sie. Das eine ist eine Karte, auf der die Standorte der sechs Huckel eingetragen sind: Zwei in Deutsch Ossig und vier am Nordoststrand. Das andere ist ein Foto, auf dem ein solcher Huckel zu sehen ist. Das Foto ist nicht in Görlitz aufgenommen, sollte aber als Vorbild für Görlitz dienen. „Ich kann mich an keinen großen Widerstand in der Sitzung erinnern“, sagt Astrid Hahn.

Dieses Bild wurde den Stadträten im Technischen Ausschuss zur Anschauung vorgestellt ...
Dieses Bild wurde den Stadträten im Technischen Ausschuss zur Anschauung vorgestellt ... © privat
... und so sieht die Realität am See aus: Die Huckel sind viel weniger angeschrägt.
... und so sieht die Realität am See aus: Die Huckel sind viel weniger angeschrägt. ©  SZ-Archiv / Nikolai Schmidt

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Das ist verständlich, denn das, was auf dem Foto zu sehen ist, sieht viel flacher und besser angeschrägt aus als das, was in Görlitz tatsächlich gebaut wurde. Bleibt es nun so? Wieler sagt, die Huckel seien bereits abgenommen – ohne Beanstandungen. Er sieht wenig Veränderungsbedarf: Autos können drüber fahren, Radfahrer und Inlineskater an der Seite vorbei. Nur eine Veränderung findet er wichtig: „Wir wollen vor jedem Huckel vier große, weiße, phosphorisierende Dreiecke auf die Straße malen, damit die Huckel im Dunkeln besser erkennbar sind.“ Yvonne Reich sieht das völlig anders: „Wenn ich mit dem Rennrad unterwegs gewesen und entsprechend schneller gefahren wäre, wäre der Sturz noch viel schlimmer ausgegangen.“ Sie befürchtet, dass noch weitere Radfahrer hinfallen werden.

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