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Hat uns der Lockdown in die Sucht getrieben?

Während des Lockdowns wurde mehr getrunken, jetzt ist der Beratungsbedarf gestiegen. Für die Suchtberatung Meißen liegt es jedoch nicht an Corona.

Wer während des Lookdowns viel mehr getrunken hat, kann durch eine Pause herausfinden, ob sich bereits eine Abhängigkeit entwickelt hat.
Wer während des Lookdowns viel mehr getrunken hat, kann durch eine Pause herausfinden, ob sich bereits eine Abhängigkeit entwickelt hat. © dpa

Meißen. Übereinander gestapelte Bierkästen, flaschenweise Wein. Darunter der Slogan: Alles was du brauchst! Eine Plakatkampagne eines Discounters, die bei der aktuellen Nachrichtenlage einen verkorkten Beigeschmack bekommt: Laut einer Umfrage, hat jeder dritte Deutsche während der Corona-Krise öfter zur Flasche gegriffen. Passend dazu sind auch mehr Wein- und Schnapsflaschen über die Kasse gewandert.

 Klar, Restaurants und Kneipen hatten dafür geschlossen. Trotzdem scheint es, als biete diese Krise mit ihrer Isolation und gleichzeitigen finanziellen Zukunftsängsten den Nährboden für Süchte aller Art. Verlässliche Studien gibt es dazu noch nicht. Eine Nachfrage bei der Suchtberatung in Radebeul soll Licht ins Dunkel bringen.

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In der Außenstelle der Diakonie Meißen findet jeder Hilfe: Im zweiten Stock des Vereinshauses kann über alles gesprochen werden. Ganz egal, ob es um Spielsucht, illegale Drogen oder riskanten Alkoholkonsum geht. Das war sogar während der gesamten Pandemie möglich. Das komplette Team hat durchgearbeitet - allerdings per Telefon.

"Das war eine sehr intensive Zeit", berichtet Leiterin Mandy Forst. Weniger wegen dem erhöhten Arbeitsaufkommen - viel mehr musste ihr Team lernen, Klienten am Telefon zu betreuen, ohne dazu ein Gesicht vor Augen zu haben. Seit Mitte Mai sind wieder persönliche Gespräche möglich. 

„Seitdem haben wir auch deutlich mehr zu tun", berichtet ihre Kollegin Jana Morgenstern. "Woran das wirklich liegt, lässt sich nicht sagen. Die Zahl der Neuaufnahmen schwankt doch immer sehr. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es etwas mit Corona zu tun hat."

Auch Süchtige können eine Pause aushalten

Dass all ihre Klienten unter der Krise gelitten hätten, lässt sich so pauschal nämlich gar nicht sagen. "Klar hat sich durch die Isolation bei vielen die psychische Belastung erhöht“, berichtet Suchtberaterin Annekathrin Weber.

 Für andere war die Krise hingegen eine willkommene Auszeit, ergänzt Kollegin Morgenstern: "Wer gerade erst abstinent geworden ist, war durch die Isolation auch aus dem Konsum gerissen und konnte durch das enge Zusammensein in der Familie Halt zu finden." Werkeln mit Nachbarn, Grillabende mit Freunden - alles Momente, wo irgendwo ein Bierkasten herumsteht - war kategorisch abgesagt.

Allerdings brauche es besonders einen starken Willen, um sein Netzwerk aufrecht zu halten und sich seine gute Energie zu bewahren, erklärt Forst. "Dass das bei so vielen unserer Patienten geklappt hat, hat mich wirklich stark beeindruckt. Aber natürlich kann ich das nicht verallgemeinern. 

Es gab wirklich die ganze Bandbreite an Verhaltensmustern.“ Wer wollte, konnte in dieser Zeit nämlich ganz einfach durchs  System rutschen. "Es gab kein Jugendamt, keine Familienhilfe, keinen Bewährungshelfer", verdeutlicht Weber. 

Wer nur aufgrund einer Auflage in die Suchtberatung kam, ist so ein bisschen aus dem Fokus verschwunden: "Um dem entgegenzuwirken, habe ich immer wieder in unseren Ordnern geblättert und bewusst nach Kontakten gesucht, von denen ich lange nichts gehört habe." Wer morgens nicht mehr ins Büro ging, musste sich schließlich nicht mehr zwanghaft während der Arbeit stabil halten, sondern konnte schon morgens loslegen.

Eine Krise wäre vorgeschoben

Während sich Alkohol auch während der Krise wunderbar beschaffen ließ, hatten Casinos geschlossenen, und illegalen Substanzen waren wegen der geschlossenen Grenzen teilweise schwieriger zu bekommen. Allerdings war die Zwangspause einfach zu kurz, um das Verhalten nachhaltig zu beeinflussen: "Auch ein Suchtkranker kann mal eine Pause aushalten.

 Die Betroffenen switchen in der Not zum Teil einfach um - schauen nach etwas mit ähnlicher Wirkung,  was wenigstens für ein ähnliches Gefühl sorgt", erklärt Weber und vermutet, dass sich eher die wirtschaftlichen Folgen der Krise auf das Suchtverhalten auswirken würden. 

Als Konsumpause hat den Corona-Lockdown allerdings kaum jemand genutzt. "Es war eher andersrum; dass während dieser Zeit verstärkt konsumiert wurde und die Betroffenen jetzt zu uns kommen, weil sie merken, dass sich etwas ändern muss", wirft Forst ein.

Wer in den Zeiten des Lockdowns selbst ein ungesundes Trinkverhalten feststellen konnte, muss sich aber keine Sorgen machen, deshalb auf eine Suchtkarriere zuzusteuern. Denn, wenn sich das Team die Lebensläufe ihrer Patienten vor die Augen ruft, gibt es bei der Suchtentwicklung keine erkennbaren Schlüsselereignisse - auch wenn die Patienten oft einen scheinbaren Grund präsentieren. "Tatsächlich liegt die Ursache doch viel, viel weiter zurück", seufzt Morgenstern. Schließlich sei die Benutzung eines Suchtmittels immer ein Ausgleich für emotionale Probleme.

Wer das Problem erkennt, habe bereits den ersten Schritt getan. Ob allerdings ein missbräuchlicher Konsum vorliegt - wie beim größten Teil der Bevölkerung - oder ob sich bereits eine Sucht ausgebildet hat, lässt sich am einfachsten mit einer Pause herausfinden: "Vielleicht sollte man sich überlegen, ein viertel Jahr nichts zu trinken, um zu schauen, wie es mir und und meinem Körper damit geht", schlägt Morgenstern vor. "Das ist dann auch eine Leistung, auf die man stolz sein kann. Ganz egal, wieviel davor getrunken wurde."

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