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Süße Versuchung aus Decin

Miroslav Vankat setzt eine große Tradition fort, die einmal in Dresden begann.

Von Steffen Neumann

Es ist warm in dem kleinen Zimmer und wenig Platz. An den Seiten sind Arbeitsflächen, im Raum stehen Rollregale. In der Mitte fließt aus der Abfüllanlage dick und sämig die Schokolade. Lenka Ticha hält eine Form mit halbrunden Vertiefungen darunter. Ist die Masse abgekühlt, werden die halbrunden Stücke herausgeschlagen und gefüllt: mit Nüssen, Kokos-, Kirsch- oder Kaffeemasse. Dann noch mit dem Schokoladenboden verschließen – und fertig sind die Pralinen, hergestellt in Decin (Tetschen). Und alles in Handarbeit.

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Lenka Ticha lässt warme Milchschokolade in die Form fließen. In beengten Räumen setzt die Deciner Firma mit dem klangvollen Namen Jordan & Timaeus eine Tradition fort, die vor fast 200 Jahren in Dresden begann.
Lenka Ticha lässt warme Milchschokolade in die Form fließen. In beengten Räumen setzt die Deciner Firma mit dem klangvollen Namen Jordan & Timaeus eine Tradition fort, die vor fast 200 Jahren in Dresden begann.

„Frau Ticha ist eine unserer zwei Mitarbeiterinnen und besonders wertvoll, da sie sich nichts aus Schokolade macht. Ganz im Gegenteil zu mir“, lacht Miroslav Vankat. Der kräftige Mann mit den halblangen Haaren hat sich seinen Traum erfüllt. Den ganzen Tag Pralinen naschen ist für den 49-Jährigen kein Problem. Denn er produziert sie selbst. Dick geworden ist er davon über die Jahre nicht. „20 Pralinen reichen mir pro Tag, aber mehr als früher esse ich auf jeden Fall“, gibt er zu. Schokolade sei ja nicht zum Sattwerden, sondern zum Kosten.

Anfangs nur Hobby

In einem unscheinbaren Haus im Stadtteil Boletice (Politz) hat er seine Schokomanufaktur eingerichtet. Von außen ist nicht zu ahnen, welch süße Verlockungen sich im Innern befinden.

In der Vorweihnachtszeit oder bei Großaufträgen wie den Absperrschiebern aus Schokolade, die eine Firma als Werbegeschenk bestellt hat, ist es eng in den zwei Arbeitsräumen. „Da brauchen wir hier jeden Zentimeter“, sagt Vankat.

Als er vor acht Jahren begann, Pralinen herzustellen, war nämlich nicht abzusehen, ob es bei einem Hobby bleibt. Eigentlich wollte er sich nur um Rezepte und Technik kümmern, die Produktion sollte seine Frau übernehmen. Aber dann bekamen sie noch ein Kind, und Vankat stellte die Pralinen selbst abends und am Wochenende her.

Tagsüber ging er seiner gewohnten Arbeit nach. „Ich wollte die Pralinen richtig gut machen und nicht primär mit ihnen Geld verdienen“, sagt er. Als er merkte, dass er sich zu hundert Prozent auf die Pralinenherstellung konzentrieren muss, gab er seinen Job auf. Es folgten harte Jahre. Erst seit zwei Jahren ernährt den früheren Bahnhofsvorsteher seine Leidenschaft. Inzwischen verarbeitet er viereinhalb Tonnen Schokolade pro Jahr.

Pralinen aus Decin? Da war doch mal was. Das böhmische Bodenbach (der frühere Name für den heutigen Stadtteil Podmokly) entwickelte sich im 19. Jahrhundert mit Dresdner Hilfe zu einer Hochburg der Schokoladenproduktion. Die Erfinder der Milchschokolade Jordan & Timaeus waren 1853 die Ersten, die in Bodenbach einen eigenen Betrieb eröffneten. Sie wollten sich damit den riesigen Markt der österreichisch-ungarischen Monarchie erschließen. Die Firmen Hartwig & Vogel sowie Otto Rüger folgten ihnen in den 1890er-Jahren nach. Die Tradition bestand auch in der Zeit des Sozialismus fort. Die bekannte Marke „Diana“ der Firma Hartwig & Vogel wurde weiterproduziert. Erst 1996 war es mit dem süßen Vergnügen in Decin vorbei. Das Werk mit fast eintausend Mitarbeitern wurde von dem Schweizer Süßwaren-Riesen Nestlé übernommen und sogleich geschlossen. Miroslav Vankat wollte, dass diese große Tradition in Decin bleibt. Seine Firma nannte er zunächst Jordan & Timaeus, will sie jetzt aber in Jordan umbenennen. Die Erwartungen, die mit dem Namen verbunden wurden, konnte seine Firma, die bis vor Kurzem noch ein Ein-Mann-Betrieb war, nicht erfüllen. Wichtiger als der Name sind aber die Rezepturen für seine Pralinen. Die bekam er von ehemaligen Arbeitern im Diana-Werk. Sie sind sein größter Schatz. Inzwischen stammen aber auch einige der 30 Rezepturen von ihm. Eine wichtige Inspiration war ihm dabei seine 1921 geborene Großmutter.

Deutsche mögen es süßer

Während er die Schokolade in Belgien einkauft, kann er die meisten Füllungen selbst machen. Nur Marzipan importiert er aus Deutschland. Woher seine Zutaten kommen, ist übrigens nicht unerheblich, denn die Geschmäcker sind von Land zu Land verschieden. „Ihr in Deutschland mögt es noch etwas süßer, deshalb ist die belgische Schokolade gerade gut für uns“, sagt der Schokoladenkenner.

Ausdrücklich für den deutschen Markt produziert er noch nicht, aber er hat inzwischen zwei Läden eröffnet, davon einen in Decin, natürlich im Stadtteil Podmokly, in guter Lage am Husovo namesti (Hus-Platz). Eine seiner größten Spezialitäten, den Original Prager Taler mit Pflaumen-Geschmack, gibt es dort aber nicht. Doch wer ein Souvenir aus Decin mitbringen will, wird hier fündig, wie bei den Pralinenschachteln mit dem Schloss Decin auf dem Deckel.

Miroslav Vankat möchte, dass seine Heimatstadt wieder wie früher mit Schokolade in Verbindung gebracht wird. Geschenkt wird ihm dabei nichts, obwohl er mit seinen Pralinen ja sogar Werbung für seine Stadt macht. „Hier fehlen einfach die Strukturen, die die Firmen unterstützen“, klagt er und nennt ein Beispiel: „Ich kann meine Schokolade nicht unter dem Label ,Regionales Produkt‘ verkaufen, weil mein Rohstoff natürlich nicht von hier ist.“

Doch Vankat geht unbeirrt seinen Weg, und der Erfolg gibt ihm recht. Sein nächster Schritt ist eine größere Produktionsstätte. „Ich weiß, dass ich nicht so groß werde wie Diana. Die haben ja sogar Schokolade selbst gemacht, aber 15 Mitarbeiter sollten es schon sein“, nennt er sein Ziel. Doch selbst wenn er seine Firma vergrößert, steht für ihn fest, dass seine Pralinen weiter alle in Handarbeit gefertigt werden.