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Süßer Sirup gegen die Sucht

Zgorzelec war eine Drogenhochburg. Heute sieht man kaum Junkies auf der Straße, doch Probleme gibt es noch immer.

Von Katarzyna Wilk-Sosnowska und Katrin Schröder

Es ist Dienstagmorgen. In der Drogenberatung in der Warszawska-Straße in Zgorzelec erscheint ein Patient. Dass der Mann krank ist, sieht die Krankenschwester auf den ersten Blick. Sie reicht ihm sein Medikament in einem Plastikbecher durch ein kleines Fenster in der Wand. Der Mann trinkt auf der Stelle.

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365 Tage für Patienten da
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In dem Becher ist Methadon, ein synthetisches Mittel, das zur Entwöhnung eingesetzt wird. „Methadon unterdrückt die Gier nach Drogen, hat aber keine berauschende Wirkung und ermöglicht es den Patienten, halbwegs normal zu funktionieren und zum Beispiel zur Arbeit zu gehen“, erklärt die Leiterin der Beratungsstelle, Maria Leszczynska. Es schmeckt wie ein süßer Sirup und wird von einer speziellen Maschine dosiert, die an einen Wasserautomaten erinnert. Aufbewahrt wird die Ersatzdroge in großen, braunen Flaschen in einem gepanzerten Schrank – für den Fall, dass jemand auf die Idee käme, das Mittel zu stehlen.

Als erste Methadon eingeführt

Krzysztof, der Patient, wirft den Becher in den Mülleimer. Gesprächig ist er nicht. „Ich habe mehrere Jahre lang gekifft. Seit 14 Jahren bin ich in Behandlung“, sagt der 50-jährige Zgorzelecer, der aussieht wie 60. Er kommt täglich in die Beratungsstelle, als einer von 60 Patienten, die in das Methadonprogramm aufgenommen wurden. „Wir haben als erste in Niederschlesien Methadon eingeführt“, sagt Maria Leszczynska. Das war 1998. Damals wurde kontrovers über die neuartige Methode diskutiert, mit einem synthetischen Mittel die Abhängigkeit von mohnbasierten Drogen wie Heroin zu behandeln.

In Zgorzelec sah man aber keine Alternative. Die Stadt war in den 90er Jahren ein Brennpunkt in Sachen Drogenkonsum. Laut Statistik nahm damals jeder zehnte Einwohner Drogen. Ob am Bahnhof, an der Bushaltestelle oder im Park – überall sah man Menschen, die sich kaum auf den Beinen halten konnten. Auf den Straßen lagen Spritzen herum, mit denen „Kompott“ injiziert wurde. Dies ist eine dem Heroin verwandte Droge, die in Polen lange Zeit populär war und zu Hause aus dem Sud von Mohnstroh unter Zugabe von Chemikalien wie Essig oder Ammoniak gekocht werden kann. Viele der Abhängigen waren zudem HIV-positiv. „Am Anfang waren mehr als hundert Personen in dem Programm“, erinnert sich Maria Leszczynska.

Die schmutzigen Junkies verschwanden mit den Jahren aus dem Stadtbild, doch das Drogenproblem ist nach wie vor aktuell, sagt die Leiterin der Beratungsstelle: „Heute sieht ein Abhängiger nicht mehr aus wie ein Obdachloser. Es kann auch ein elegant gekleideter Mann sein.“

Heute greifen die Leute verstärkt zu anderen Mitteln als Heroin, etwa zu Marihuana, Amphetamin, Kokain und Methamphetamin, auch als Crystal oder in Polen als „Piko“ bekannt. Der Stoff wird aus Tschechien nach Polen geschmuggelt. „Allerdings unterscheiden wir in der Beratungsstelle nicht zwischen harten und weichen Drogen“, betont Maria Leszczynska. Es fange scheinbar harmlos mit einem Joint in Gesellschaft an und ende oft beim Kokain. „Jede Abhängigkeit ist bedrohlich“, sagt sie.

Etwa 200 Menschen besuchen Woche für Woche die Beratungsstelle. Sie kommen wegen des Methadons nicht nur aus Zgorzelec, sondern auch aus Jelenia Gora (Hirschberg), Szklarska Poreba (Schreiberhau) oder gar aus der benachbarten Woiwodschaft Lubuskie (Lebuser Land). Die ältesten Patienten sind 60 Jahre alt, der jüngste, der von seinen Eltern hergebracht wird, ist noch keine 16.

Die Entwöhnung ist schwierig

Die Behandlung beginnt mit einer Visite beim Psychiater, der den Grad der Abhängigkeit feststellt. Der nächste Schritt ist eine ambulante Therapie vor Ort oder in einer geschlossenen Einrichtung. Die Entwöhnung ist sehr schwierig und nicht immer von Erfolg gekrönt, weiß Maria Leszczynska. Sie betreut die Beratungsstelle seit 20 Jahren, solange sie besteht.

Unter den Hilfesuchenden sind aber nicht nur Abhängige, sondern auch Familien, die Unterstützung brauchen. Die Zgorzelecer Therapeuten ermutigen die Eltern, ihre Kinder aufmerksam zu beobachten, beunruhigende Signale nicht zu bagatellisieren und sich ohne Scham mit ihren Sorgen und Nöten an die Beratungsstelle zu wenden. „Oft kommt eine Mutter erst zu uns, wenn der Sohn wertvolle Gegenstände aus dem Haus trägt oder aggressiv wird. Dann ist er meistens schon abhängig und hat eine langwierige Behandlung vor sich“, erklärt Maria Leszczynska.