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Liebesflaute im Swingerclub

Wo sich in Kamenz sonst Pärchen vergnügen, ist wegen Corona seit vier Monaten alles dicht. Der Betreiber kann dem sogar was Gutes abgewinnen.

Reinhard Bartels betreibt seit 1993 den Pärchenclub im Kamenzer Ortsteil Schiedel. Wegen Corona kann er seit vier Monaten keine Gäste empfangen.
Reinhard Bartels betreibt seit 1993 den Pärchenclub im Kamenzer Ortsteil Schiedel. Wegen Corona kann er seit vier Monaten keine Gäste empfangen. © René Plaul

Kamenz. Herr Schröder schlendert übers  Gelände. Schnuppert mal hier, bleibt am Naturteich stehen, nimmt ein Schlückchen. Der Riesenschnauzer liebt die Ruhe. Und natürlich sein Herrchen Reinhard Bartels. "Schröder - mach Platz", sagt der.  Auch Herrchen wippt träge mit den Badelatschen an diesem Freitagvormittag. Der Liegestuhl am Weiher ist einer seiner Lieblingsorte aktuell.

Zwei Ringelnattern ringeln derweil über die groben Steine. Die Sonne scheint, Frösche quaken, Bienen summen vor der Imker-Box im Garten. Idylle pur. Groß ist der Bambus geworden in den letzten Jahren, findet der Besitzer des Swingerclubs im Kamenzer Ortsteil Schiedel. Neun kleine Ferienhäuser stehen verlassen in der Gegend herum. Auch das Volleyballfeld für Nacktspieler ist leer. "Ich muss schon einiges tun an Haus und Hof, doch wenn keine Kundschaft da ist, hat das ja keine Eile", sagt Reinhard Bartels. 

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Nach kurzer Winterpause kam Corona

Seit Corona durch die Lande tobt, kann er das Grün, die Stille hinterm Haus genießen. Sachsens berühmtester Swingerclub ist seit 9. Februar geschlossen. "Wir wollten eigentlich nur unsere Winterpause durchziehen und sind für ein paar Wochen nach Thailand geflogen", erzählt Reinhard Bartels. Als man in die Heimat zurückkehrte, begann gerade der Lockdown. Er musste seine zwei Angestellten in Kurzarbeit schicken und den Club auf unbestimmte Zeit schließen. Das Wasser im Pool wurde nicht mehr aufgefüllt, Heizungen heruntergefahren und Saunen geschlossen. Auch das Hotel Sachsendreier blieb zu. 

Zurzeit ist alles verwaist - der neue Badezuber im Haus ebenso wie die Saunen, das Kino und das Hotel samt 13 Gäste-Hütten im Außenbereich .
Zurzeit ist alles verwaist - der neue Badezuber im Haus ebenso wie die Saunen, das Kino und das Hotel samt 13 Gäste-Hütten im Außenbereich . © René Plaul

Auf der Homepage schrieb der Chef im März: "Wir sind ein sozialer Hotspot. Zwei Meter Abstand und Begrüßung mit Ellenbogen sind bei uns der absolute Schwachsinn..." Die Fans und Stammkunden sind bis heute traurig darüber. Aber es nutzt alles nichts. "Es gibt klare Regeln, dass Swingerclubs noch nicht öffnen dürfen. Wir könnten die ganzen Konzepte niemals umsetzen", grinst Bartels, dessen Stammgäste ihn alle nur unter dem Spitznamen Schnuff kennen.

"Aber ganz ehrlich? Ich finde den temporären Zustand nicht schlecht", meint der 67-Jährige.  Endlich kann er liegengebliebene Arbeiten erledigen, baut Hochbeete und bessert vieles aus. Natürlich tut es ihm für seine Stammkundschaft leid. Die kommt aus ganz Deutschland in den Swingerclub. Diesen betreibt Reinhard Barthel seit 1993 in Schiedel. Das Dörfchen hat es auch durch den Club zu einiger Berühmtheit gebracht. "Ich war allein 24 Mal in verschiedensten Fernsehsendungen zu  Gast oder zu sehen", sagt Reinhard Bartels. Vom MDR bis zu Stefan Raab war alles dabei.

Über Aktfotografie zum eigenen Club

Früher war er einer der namhaftesten Akt-Fotografen der DDR.  Veröffentlichte Bücher und Bildbände, welche unter dem Namen „Die nackte Republik“, „Akt und Landschaft“ oder „Der nackte Osten“ für Auf- und Erregung sorgten. „Ich habe fürs Neue Leben oder Magazin gearbeitet. Auch darüber bin ich zu meinem neuen Job gekommen“, schmunzelt er. Genuss, schöne Frauen, Lebensfreude, die neue Freizügigkeit nach der Wende – er  kaufte in den Neunzigern das Grundstück im heutigen Kamenzer Ortsteil. 

Früher stand hier die Dorfkneipe, noch eher der Konsum. Die Einheimischen schauten zuerst zaghaft zu. Nannten das Haus „die rote Ecke“. Wenig später waren Familie Bartels und sie Freunde. „Das Zusammenleben klappt bis heute. Ich konnte mich nie beklagen“, sagt er. Vor allem Tage der offenen Tür öffneten die Herzen der Menschen. Tausende kamen in den Jahren neugierig schauen, was denn da so hinter den Mauern läuft. Die positiven Meinungen überwogen. Mittlerweile ist er Rentner und geht alles ruhiger an. Auch diese Krise.

Während der Stilllegung des Clubs wuchert der kleine Dschungel im Haupthaus vor sich hin.
Während der Stilllegung des Clubs wuchert der kleine Dschungel im Haupthaus vor sich hin. © René Plaul

Dennoch: Reinhard Bartels schuf in Schiedel etwas, das heute noch seinesgleichen in der Region sucht. Einen Pärchenclub gibt es zwar auch in Dresden. Dann kommt eine Weile nichts. „Jeder arbeitet nach seinem eigenen Konzept. Wir haben uns auf eine Komposition aus Erotik, tropischem Flair und rustikaler Natürlichkeit entschieden. Und das kommt an“, sagt er. Noch früher war er Maurer. Das war ihm irgendwann zu öde. Half später allerdings, seinen Garten Eden zu errichten. 

Beim Vorbeifahren an der Oßlinger Straße kann man kaum erahnen, welche Weiten sich hinter den Mauern verbergen. Ein kleiner Dschungel aus exotischen Pflanzen dominiert den Hauptbereich. Hier wachsen - momentan noch etwas ungehinderter - Feigenbäume, Palmen und Schlingpflanzen scheinbar willkürlich in die Höhe. 

Wären da nicht das bizarre Sexspielzeug, ein Pornokino, Themenzimmer, Pools und Saunen. Sie locken sonst um diese Zeit Gäste aus nah und fern an. Auch im Außenbereich ist  eigentlich mehr Bewegung. Im Garten wachsen aber 191 Obstbäume - Reinhard Bartels macht mittlerweile eigenen Wein daraus. Es gibt genug zu tun.

Neuer Betreiber wird gesucht

Herr Schröder, der Riesenschnauzer, hat das Reich fast für sich allein. Er muss es nur mit einem Pfauenpaar, den Laufenten und einem anderen Hund teilen. "Die nächsten Monate wird es ruhig bleiben bei uns. Ich denke, unsere Branche kann erst wieder arbeiten, wenn man einen Impfstoff gefunden hat", sagt Bartels. Die zwei im Januar gekauften Europaletten Sekt muss der Club-Inhaber irgendwie dringend anders vertun, ehe er verfällt. Das sei aber auch das einzige kleine Problem. 

Noch vor einem Jahr wollte der 67-Jährige seinen Swingerclub verkaufen und  das turbulente Nachtleben gegen einen ruhigen Lebensabend eintauschen. Zahlreiche Bieter aus ganz Deutschland gab es. Aber keinen, der halbwegs in die Nähe der  gewünschten Kaufsumme kam. Die 12.000  bebauten Quadratmeter will Reinhard Bartels aber nicht verschenken. "Jetzt bin ich froh, dass es nicht zum Verkauf gekommen ist. So habe ich einen wundervollen Rückzugsort." Viel besser  wäre, wenn er neue Betreiber finden würde. Und damit sieht es gar nicht so schlecht aus, verrät er nebenbei. Schiedel wird so schnell nicht Geschichte sein ...

Obwohl der Swingerclub derzeit geschlossen ist, hat Reinhard Bartels genug zu tun, vor allem mit Putzen und Bauen.
Obwohl der Swingerclub derzeit geschlossen ist, hat Reinhard Bartels genug zu tun, vor allem mit Putzen und Bauen. © René Plaul

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