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Wie ein Trip nach Lissabon im Chaos endet

SZ-Mitarbeiter Frank Thümmler über einen lange geplanten Urlaub zwischen Portwein, Tuk-Tuk und Corona. Und warum zwei Autos jetzt in Prag dauerparken.

Von Frank Thümmler
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Jenny und Autor Frank Thümmler vor dem Torre de Belém, einem der bekanntesten Wahrzeichen Lissabons an der Tejomündung. Als dieses Foto am Sonnabend entstand, schien noch alles klar mit dem Rückflug.
Jenny und Autor Frank Thümmler vor dem Torre de Belém, einem der bekanntesten Wahrzeichen Lissabons an der Tejomündung. Als dieses Foto am Sonnabend entstand, schien noch alles klar mit dem Rückflug. ©  Frank Thümmler

Die Vorfreude war riesengroß auf den jährlichen Städtetrip mit zwei befreundeten Paaren. Diesmal war die Entscheidung für Lissabon gefallen, die Flüge von Prag aus vor neun Monaten kostengünstig gebucht und bezahlt, ein Apartment für uns sechs mitten in der Lissaboner Altstadt gefunden, die Betreuung der Kinder dank Oma und Opa organisiert. Aber dann rückte Corona immer näher.

Gefahr scheint überschaubar

Losgehen sollte es am Mittwochabend (11. März), mit einer Zwischenübernachtung in Flughafennähe, Abflug am Donnerstagmorgen 6 Uhr in Prag. Natürlich wurde in unserer Whatsapp-Gruppe diskutiert, ob wir fahren oder nicht (und auf den Kosten sitzenbleiben). Die Meldungen zu diesem Zeitpunkt hießen: An den Grenzen zu Polen und Tschechien wird kontrolliert. Bilder von Kontrolleuren in Vollschutzanzügen machten die Runde, in Polen wurden Schulschließungen ab Montag angekündigt, andererseits spielte am Dienstagabend RB Leipzig noch vor 50.000 Zuschauern Fußball. Veranstaltungen mit über 1.000 Teilnehmern sollten möglichst abgesagt werden, lautete eine Empfehlung der Bundesregierung. Wir waren zu sechst, wollten nicht in ein Hotel oder auf ein Kreuzfahrtschiff, unsere Vermieterin Andreia in Lissabon schrieb uns: "Hier ist Corona kein Problem. Hier ist es warm, da breitet sich das nicht so aus." Unsere Entscheidung also:  Wir fahren. Falls wir auf dem Weg nach Lissabon aufgehalten werden, haben wir Pech und lassen den Urlaub sausen. Sind wir einmal dort, genießen wir die paar Tage in einem coronafreien Gebiet. Und zurück kommen wir immer. Schließlich wollen uns alle loswerden, selbst oder erst recht wenn wir Corona-Verdachtsfälle wären.

Null Kontrollen auf der Hinreise

Die erste Überraschung: An der deutsch-polnischen und der polnisch-tschechischen Grenze war wirklich niemand zu sehen, bis Prag nicht. Von Corona das erste Mal etwas gemerkt haben wir bei tschechischem Bier in der Kneipe. Aber nur, weil das Fußballspiel im Fernseher (Paris gegen Dortmund) leere Ränge zeigte. Genauso am Flughafen am nächsten Morgen: Keinerlei Kontrollen über das Übliche hinaus. Einzig aufgestellte Spender mit Desinfektionsmitteln in den langen Gängen deuteten darauf hin, dass es Corona gibt. Nach der Landung in Lissabon nicht mal das. Der (noch) unbeschwerte Urlaub konnte beginnen - mit Altstadtbesichtigung, frischer Sangria auf dem Praça do Comércio. Portwein im Szeneviertel Baixa und spät am Abend leckerem Essen in einer der vielen Restaurants. 

Zwischendurch gab es die erste uns betreffende Corona-Meldung: Am Nachmittag hatte Tschechien verkündet, dass man ab sofort Reisenden aus Deutschland die Einreise verwehrt. Unsere Reaktion zu diesem Zeitpunkt: "Da haben wir ja nochmal Glück gehabt. Einen Tag zeitiger und wir hätten nicht mehr fliegen können." Corona war inzwischen auch in Portugal angekommen, vor allem in den Medien und mit drastischen Empfehlungen der Regierung, soziale Kontakte einzuschränken. Gemerkt haben wir das bei der Bestellung unseres Tuk-Tuk-Stadtführers Francisco, der uns von unserer Vermieterin empfohlen wurde.

"Wollt Ihr immer noch?"

 Am Donnerstagabend freute er sich noch über den Auftrag, am Freitagmorgen wies er per Whatsapp darauf hin, dass Museen bereits geschlossen sind und fragte  vorsichtig an: "Wollt ihr immer noch. Wenn ja, werdet ihr meine letzte Tour vor meiner sozialen Quarantäne sein". Wir wollten natürlich. Es sollte ein wunderschöner Tag werden, mit viel Geschichte, einem charmanten Stadtführer und einem Abend in einem tollen Restaurant mit der berühmten wehmütigen Fado (portugiesischer Musikstil), vor deren Aufführung sich der Inhaber bei den Gästen bedankte, dass sie unter diesen besonderen Umständen gekommen waren. Unsere Sorgen, ob wir am Sonntagabend wie geplant zurückfliegen konnten, waren da schon deutlich größer.

Spät am Abend waren sie wieder weg: Tschechien hatte inzwischen bekanntgegeben, dass die Grenzen aus Nichtrisikogebieten für Rückreisende bis Sonntag-Mitternacht offen blieben. Portugal war kein Risikoland, wir sollten 23:55 Uhr landen. Also alles gut, zumal das Online-Einchecken am nächsten Morgen problemlos klappte und per E-Mail bestätigt wurde. Es folgte ein weiterer unbeschwerter Lissabon-Tag, unter anderem mit Besichtigung des berühmten Torre de Belem - allerdings nur von außen und Weinpausen am Tejo. 

Schock am Sonntagmorgen

Am nächsten Morgen, unser Flug sollte 19.30 Uhr gehen, dann der Schock: Sowohl der Lissaboner als auch der Prager Flughafen meldeten unseren Flug als gestrichen. Eine Information von der portugiesischen Fluggesellschaft an uns direkt (wie zuvor fünfmal geschehen) gab es zwar nicht, aber unsere Entscheidung jetzt lautete: sofort zum Flughafen, zwölf Stunden vor unserem geplanten Abflug. Wenig später kam eine SMS von "unserer Airline", die kurz und bündig eine Flugänderung bekanntgab, mit zwei neuen Flugnummern für Montagmorgen und Montagnachmittag, ohne Angabe von Gründen und Flugzielen! Internetrecherchen ergaben: wir sollten erst nach Amsterdam und von dort nach Prag, wobei Tschechien uns zu diesem Zeitpunkt ja nicht mehr einreisen lassen würde. 

200 Meter lange Schlange

Mit schnell etwas klären und jemand Kompetenten sprechen war nichts. Am Schalter der portugiesischen Airline saßen drei Damen: Die Schlange vor ihnen war geschätzte 200 Meter lang. In ihr standen Menschen aller Herren Länder: viele Brasilianer, viele Europäer und auch Amerikaner. Nach drei Stunden war die Hälfte der Schlange, die jetzt mindestens 250 Meter lang war, geschafft. Am Ende der Schlange standen die Leute anderen Flughafenbesuchern im Weg. Das Flughafenpersonal stellte daraufhin die üblichen Absperrbänder für die Schlangenlinien noch enger - Corona (Abstand halten!) ließ grüßen, zumal Desinfektionsmittel auf dem gesamten Flughafen nicht in Sicht waren. Nach vier Stunden ein Lichtblick: Die Portugiesen sammelten jetzt die Passagiere nach Zielländern und beschleunigten das Verfahren damit schnell. Ziemlich schnell war "Germany" dran. Wir bekamen Direktflüge für Montagmorgen nach Berlin angeboten und nahmen sie natürlich. Auch wenn zwei Autos in Prag standen und stehen. Erfahren, warum unser ursprünglicher Flug gestrichen wurde, haben wir nicht. Vermutlich wurde der Flieger einfach nicht mehr voll genug. Unser Appartement war auch die nächste Nacht frei (wie jetzt noch so viele folgende), es gab ein Abendessen mehr als geplant in Lissabon.

Die Busse, die die Fluggäste in Lissabon vom Gate zum Flugzeug brachten, wurden eng gefüllt wie immer. SZ-Autor Frank Thümmler mittendrin.
Die Busse, die die Fluggäste in Lissabon vom Gate zum Flugzeug brachten, wurden eng gefüllt wie immer. SZ-Autor Frank Thümmler mittendrin. © Frank Thümmler

Corona-Schutzmaßnahmen spielen keine Rolle

Am nächsten Morgen wieder auf dem Flughafen angekommen lief fast alles ganz normal. Es gab auf dem Flughafen weder Sonderkontrollen noch irgendwelche Maßnahmen, die ein Übertragungsrisiko einschänken: Spender mit Desinfektionsmitteln waren nicht zu sehen und die Busse vom Gate zum Flugzeug wurden nach wie vor vollgestopft. Nur im Flugzeug hieß es dann: Wegen der Corona-Gefahr gibt es nichts zu essen und zu trinken. Auf die Idee, einfach Wasserflaschen am Eingang oder zum Abholen bereitzustellen, war niemand gekommen. Völlig egal, dass man aller Viertelstunden etwas trinken soll, um das Übertragungsrisiko zu vermindern. Am Mittag sind wir erleichtert in Berlin gelandet. Wer dachte, dass es hier in Deutschland bei der Einreise extra Kontrollen oder gar Desinfektionsmittel-Spender geben würde, sah sich getäuscht. 

Einen neuen Städtetrip im kommenden Jahr planen wir trotzdem - wenn wir unsere Autos aus Prag wieder zurückbekommen.

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