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Tamtam beim Tuntenball

Miss Chantal, Tess Tiger und Wanda Kay lassen die Grenzen zwischen Frau und Mann verschwimmen.

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© Michael Tewes/PR

Von Nadja Laske

Beide lieben schillernde Kostüme. Beide genießen es, sich glitzernd verhüllt um sich selbst zu drehen. Beide haben schon auf denselben Bühnen gestanden. Und beide schreiben ihre bürgerlichen Namen nur ins Kleingedruckte der Internetseite. In ihren Künstlerleben heißen sie Ronny Robix und Tess Tiger.

Der Artist Ronny Robix zeigt seine Nummer am rotierenden Reifen und entzückt mit echtem Sixpack die damenlastige Ballgesellschaft.
Der Artist Ronny Robix zeigt seine Nummer am rotierenden Reifen und entzückt mit echtem Sixpack die damenlastige Ballgesellschaft. © privat

Dass sie nun gemeinsam an einem Tisch sitzen, ist trotz aller Übereinstimmung keine Selbstverständlichkeit. Ronny Große, genannt Robix, stehen Fragezeichen in den Augen, während Tess, eigentlich Jens Schmidt, mit weichen Handbewegungen vom Tuntenball erzählt: von Kerlen in Kleidern, Männern in Miedern, Herren in High Heels.

Nacht der Verwandlung

Boys posieren mit Brüsten: ausgestopfte, angeklebte, aus Gummi gegossene oder einfach nur geschickt geschminkte Oberweiten. Klingt nach Geschlechter-Chaos. Ist aber ein großer Spaß, für manche auch Ernst oder Teil ihres Lebens. Auf dem Tuntenball scheint nichts tabu zu sein, Hauptsache, mehr Schein als Sein. Kein Fasching. Die Gäste feiern die Freude am Femininen, und Jens Schmidt als Tess Tiger organisiert den Tanz der Travestie.

Ronny Robix tanzt da wohl nicht mit. Er ist Artist und braucht kein Ticket. Aber neugierig wird er: „Das ist völliges Neuland für mich“, sagt er, „Auf so einer Veranstaltung bin ich noch nie aufgetreten.“ In Varieté-Theatern hat Ronny normalerweise sein Publikum, Firmen buchen ihn für Produktpräsentationen, und Festivals laden ihn ein. Mit 15 Jahren stand der gebürtige Stolpener erstmals im Rampenlicht, nach jahrelangem Leistungssport als Turner und hartem Akrobatiktraining. Sein Vater, selbst Artist, hatte ihn trainiert. Nach der Schulzeit wollte Ronny sein Geld auf der Bühne verdienen wie er. „Aber meine Mutter wollte, dass ich ,etwas Richtiges’ lerne, bevor ich Künstler werde“, sagt Ronny Robix. Also wurde er Instandhaltungsmechaniker, ein Metier, das ihn nicht interessierte, mit einer Ausbildung, durch die er sich zwei Jahre lang quälte.

Dann versuchte Ronny sein Glück im Steintor Varieté Halle, der Künstlerschmiede der DDR. Dort gab es regelmäßig die Möglichkeit, sich von einer Kommission als freischaffender Künstler einstufen zu lassen. Der ersehnte Ausweis musste zwar noch warten, doch Ronny erhielt eine Art Stipendium, um sich an der Artistenschule Berlin ausbilden zu lassen. „Ich konnte durch die Förderung sofort meinen Job aufgeben und hatte mehrere Tage in der Woche Unterricht.“ Mit eigenen Nummern wurde er schließlich doch freischaffend und tourte als Handstandakrobat durch die Ostblockstaaten. Das ging gut bis zur Wende und dann fast noch besser. Der Manager des Traumtheaters Salome, das bis Ende der 90er-Jahre als fahrendes Märchen-Zirkus-Zelt auf dem Rhein unterwegs war, engagierte Ronny und verhalf ihm zum Sprung in eine neue Künstlerwelt.

Heute reist Ronny Robix als Solokünstler umher. Als Markenzeichen hat er sich eine Nummer am rotierenden Reifen erarbeitet. Er dreht sich ununterbrochen, rein durch den Schwung des Körpers, und ist in einer Höhe von 3,50 auf einer Stange gelagert. Die Konstruktion ließ er extra anfertigen. Wochenlang studierte Ronny seine neue Darbietung ein und hatte arg zu kämpfen: „Mir ist durch die dauernde Drehbewegung so schlecht geworden, dass ich schon dachte, ich muss aufgeben.“ Rund ein halbes Jahr konnte der Artist seinen Magen nur mit Tabletten unter Kontrolle halten. „Vor den ersten Vorstellungen hatte ich richtig Angst, aber dann war ich so angespannt und konzentriert, dass immer alles gut ging.“

Tess Tiger lacht hell auf. „Das möchte ich mir gar nicht ausmalen!“, ruft er und kichert in sich hinein. Ronny Robix lacht mit. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Inzwischen ist seine Reifennummer so lange unfallfrei erprobt, dass sich niemand Sorgen zu machen braucht. Das könnte Jens Schmidt auch gar nicht gebrauchen. Er ist froh, dass seine Ballplanung steht: Alle Künstler sind gebucht und beruhigend viele Karten verkauft, das Buffet ist besprochen und die Dekoration ausgewählt – und ein Gag eingeplant: Die Wahl der ersten Miss Tuntenball.

Echte Hüften und Mogelkurven

Durch das Programm wird Miss Chantal führen. Hinter der Kunstfigur steckt der Travestiekünstler Gorden Gatz, der inzwischen sein eigenes Theater in Radebeul betreibt und vier Alben veröffentlicht hat. Außerdem dabei sind die Abba Girls und die Sängerin Wanda Kay. „Sie sind großartig“, schwärmt Jens Schmidt. Auch er selbst wird in ein Abendkleid steigen, die Perücke aufsetzen, sich falsche Wimpern ankleben und mit Make up nicht geizen. Das kündigt er an und erzählt, wie die Sängerin Wanda Kay einst als Travestiekünstler verkannt wurde. Doch sie ist eine echte Diva mit echten Brüsten und Hüften und tut eins am Ende des Abends auf keinen Fall: Sich abschminken, Pumps und Korsage wegpacken und zeigen: Ich bin ein Mann.

Wer ist Frau und wer nicht? Wer trägt Kleider und Kurven nur für die Show, und wer vervollständigt damit seine Persönlichkeit? Genau das sei der Reiz, sagt Jens, der Tiger: „Die Grenzen sind fließend.“

3. Tuntenball, 20. Februar, Ballhaus Lindengarten, Hotel Quality Plaza, Karten zu 29 Euro (ohne Buffet) und 45 Euro (inklusive Buffet) im Café Valentino, Jordanstraße 2, oder im Internet unter www.tuntenball-dresden.com