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Tanne darf im Liegen träumen

Der Tannenbaum für den Obermarkt ist gestern per Polizeieskorte nach Görlitz gebracht worden. Doch aufgestellt wird er erst heute. Zwei Polizeiautos nähern sich gestern Nachmittag von Norden her der Stadt.

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Von Matthias Nicko

Der Tannenbaum für den Obermarkt ist gestern per Polizeieskorte nach Görlitz gebracht worden. Doch aufgestellt wird er erst heute.

Zwei Polizeiautos nähern sich gestern Nachmittag von Norden her der Stadt. Mit Blaulicht zuckeln sie die B 115 entlang. Im Schlepptau einen Tieflader, auf dem ein riesiger Tannenbaum ruht. Hinter dem nadligen Vier-Tonnen-Koloss, dessen Äste auf dem Asphalt schleifen, bildet sich eine Autoschlange. Die Fahrzeuge auf der Gegenseite drängen sich an den Straßenrand.

Die schwere Fracht rollt in Richtung Obermarkt. In Bewegung gesetzt wurde sie in Uhyst an der Spree, dem Heimatort von Enrico Kasper. Der Inhaber des Görlitzer Restaurants Salü kennt daheim eine Familie, in deren Garten eine 1928 gepflanzte Tanne steht. Doch seit gestern Morgen gilt: Er kannte. Denn zusammen mit Bekannten und Verwandten hat Kasper das Exemplar gefällt und in sechsstündiger Plackerei auf den Tieflader gehievt.

Äste ließen sich in Uhyst

nur mühsam verzurren

Der Zeitverzug beim Verzurren war enorm, denn die Äste der Tanne ließen sich kaum biegen. Und so erreichte der vom Salü gesponserte Transport statt um elf erst kurz vor 15 Uhr den Obermarkt. Hier wird der Baum nun zur Adventszeit das Stadtbild verschönern.

Allerdings reckt sich das Gehölz frühestens heute Vormittag in den Himmel. Denn auf Grund der Verzögerung bleibt dem Kranführer gestern keine Zeit, die Tanne aufzurichten. Sie kann lediglich noch vom Tieflader gehoben werden.

Bis es so weit ist, lösen der seit dem Morgen harzverschmierte Restaurantchef und Mitarbeiter des städtischen Betriebshofes erst einmal die Spanngurte. Nun kann der Baum seine vollen sieben Meter Spannweite entfalten. Aber nach wie vor liegt er. Und weil er in der Höhe selbst dann noch vier Meter misst, müssen Leitern her. Auf denen klettern die Männer nach oben und legen der Tanne im Kronen-Bereich ein Seil um den Stamm. In das greift wenig später der Kranhaken. Um den Fuß des Stammes krallt sich derweil die Zange des Tiefladers. Gemeinsam heben die Fahrzeuge das Gehölz in die Luft und lassen es in der Waagerechten auf den Obermarkt schweben. Dass einige Äste abbrechen, lässt sich bei aller Behutsamkeit nicht verhindern. Es schmerzt nicht nur Enrico Kasper, sondern auch das Dutzend Schaulustiger ringsherum.

Tieflader-Fahrer Detlef Lehnigk aus Weißkeißel und Kranführer Wolfgang Gäbler aus Löbau haben keine Zeit für Gefühlsduseleien. Gäbler muss sofort weiter nach Kollm, wo er in einer Werkhalle eine Presse auf einen Lkw befördern will. Und weil sich zum Stellen des Baums auf die Schnelle kein Ersatzkran beschaffen lässt, steht die Zapfen behangene Tanne in ihrer ersten Nacht nicht stolz und schön, sondern bettet sich etwas unbequem auf das Pflaster. So kann sie immerhin im Liegen träumen.

Zuvor setzt Klaus Boack vom Görlitzer Betriebshof am späteren Nachmittag aber die Säge an. Denn nachdem in Uhyst schon Kasper und seine Leute den Stamm von 18 auf 14 Meter gestutzt haben, kürzt ihn Boack um weitere zwei Meter.

Heute wird dicker Stamm

passend gemacht

Angespitzt wird die Tanne aber erst heute. Dieser Schritt ist erforderlich, damit der einen halben Meter dicke Stamm in die nur 30 Zentimeter breite Vertiefung passt, die in den Obermarkt eingelassen ist. Wann die Arbeiten beginnen, hängt davon ab, für wann die Leute vom Betriebshof einen Kran organisieren können. Von Kasper, auf dem Platz gewissermaßen der Bauherr, weicht zur Dämmerung hin die Anspannung. Mit Dreck verschmiertem Gesicht und den Arbeitshandschuhen an den Fingern schaut er auf den verlassen liegenden Baum. Er kann es kaum erwarten, ihn stehen zu sehen. Ist es erst so weit, hat sich der Transport gelohnt. Zumal der 30-Jährige einen Tannenbaum „einfach schön“ findet. Wenn die Landskron Brauerei nun noch für die Beleuchtung sorgt, ist Kasper restlos glücklich.