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Wie die Wartburg zum Mythos wurde

Die Wartburg inspirierte den Komponisten Richard Wagner keck zur Erfolgsoper „Tannhäuser“. Sie ist derzeit bei den Festspielen präsent und richtet eigene aus.

Die Wartburg bei Eisenach
Die Wartburg bei Eisenach ©  dpa

Seit einer Woche steht die Wartburg nicht nur in Eisenach, sondern auch in Bayreuth. Tags ab 16 Uhr prägt sie die Bühne im Festspielhaus der Richard-Wagner-Festspiele – wenn dort die romantische Erfolgsoper „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg“ gegeben wird. Und da die neue, diesjährige „Tannhäuser“-Inszenierung eine selten gelungene ist, die gute Laune macht, dürfte sie viele Festspiele laufen. Und auch die Zugriffe in der Mediathek, wo eine Aufzeichnung der Premiere bis zum 13. Oktober abrufbar ist, dürften ordentlich sein. Schon zur mächtig gewaltig aufwallenden Ouvertüre ist die Burg majestätisch ins Bild gerückt. Später dann in der Szene des Sängerkrieges ist die imposante Festhalle mit ihrem Balkon als ideales Bühnenbild zu erleben – der Zulauf an Besuchern des thüringischen Wahrzeichens dürfte anwachsen.

Dabei ist alles nur kecke Fantasie von Wagner. Denn seine Oper erzählt von einem Minnesänger, der nie die Wartburg betreten hat, erzählt von einem Wettsingen, das so kaum stattgefunden haben dürfte, und auch der Streitgrund ist aus keiner Überlieferung bekannt. Wagner (1813 – 1883) mixte sein fünftes Stück, an dem er drei Jahre arbeitete, aus zwei ursprünglich unabhängigen Sagen. Der von Heinrich von Ofterdingen und dem Sängerkrieg auf der Wartburg einerseits sowie der vom Tannhäuser, der für sein Verweilen im sündigen Venusberg Vergebung beim Papst suchte. 

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Mehr noch: Als Wagner ab 1842 am „Tannhäuser“ arbeitete, kannte er die Wartburg nicht. Lediglich vorbeigefahren ist er einmal im Frühjahr 1842, auch wenn ihn diese Begegnung tief beeindruckte, wie er in seiner Biografie beschrieb: „Der Anblick des Bergschlosses, welches sich, wenn man von Fulda herkommt, längere Zeit bereits sehr vorteilhaft darstellt, regte mich ungemein warm an. Einen seitab von ihr gelegenen ferneren Bergrücken stempelte ich sogleich zum Venusberg und konstruierte mir so, in dem Tal dahinfahrend, die Szene zum dritten Akte meines Tannhäusers, wie ich sie seitdem als Bild in mir festhielt.“ 

Die Wartburg war schon zu diesem Zeitpunkt ein Nationaldenkmal: Hier lebte im 13. Jahrhundert die später heiliggesprochene Elisabeth von Thüringen. Hier übersetzte Martin Luther 1521 das Neue Testament. Hier fanden im 19. Jahrhundert die studentischen Wartburg-Feste für einen Nationalstaat statt.  Dieses  so geschichts- und mythenreiche Gebäude erstmals leibhaftig vor sich, war Wagner von diesem Eindruck „so innig erwärmt“, dass er den Rest der Reise trotz schlechter Straßen und schlimmen Wetters „glücklich und wohlbehalten“ bis Dresden absolvierte. Freilich war gut, dass er keinen Zwischenaufenthalt nahm, denn die meisten Gebäude der um 1067 gegründeten Burg, die als Zentrum des hochmittelalterlichen Dichtens und Minnegesangs galt, waren zu diesem Zeitpunkt eher ruinös. Ob das inspirierender gewesen wäre?

Die Oper, die den Zwiespalt zwischen heiliger und profaner Liebe und die Erlösung durch Liebe thematisiert, kam im Oktober 1845 in Dresden heraus und wurde ein Erfolg, auch wenn Wagner stetig Änderungen vornahm. Vor allem Franz Liszt als Leiter der Hofoper zu Weimar setzte sich ab 1949 für die Popularisierung des „Tannhäusers“ ein. Weil er darin einen neuen Typ der deutschen Oper sah, der Stoffe der Weltliteratur mit großer Sinfonik verband. Liszt war es auch, der Mäzene für Wagner gewann, darunter Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach und dessen Mutter Maria Pawlowna.

In der neuen Bayreuther „Tannhäuser“-Inszenierung spielt die Wartburg mit: Sie ist im Video im Bild, ihre Festhalle stand Modell für das Bühnenbild der Szene vom Sänger-Wettstreit. 
In der neuen Bayreuther „Tannhäuser“-Inszenierung spielt die Wartburg mit: Sie ist im Video im Bild, ihre Festhalle stand Modell für das Bühnenbild der Szene vom Sänger-Wettstreit.  © Enrico Nawrath/Festspiele Bayreuth/dpa

Nur dreimal war der Wartburg-Komponist auf selbiger. 1849, als er nach dem Dresdner Mai-Aufstand steckbrieflich gesucht wurde und fliehen musste, kam er zunächst nur bis Eisenach. Die Bahnstrecke endete hier. Das liberale Großherzogtum, das auf Anregung Goethes die Burg sanierte, gab ihm Asyl. Da schwärmte der Komponist, sein Ohr nehme die nun in der Burg „lebendig gewordenen Klänge meines Tannhäusers“ wahr. Kein Wunder, dass der Bayern-König Ludwig II. und Wagner-Verehrer den Sängersaal für sein Neuschwanstein eins zu eins kopierte.

1862 hatte Wagner nur wegen eines Missgeschicks Zeit für einen Besuch. Sein Zug, aus dem er kurz ausgestiegen war, fuhr ihm davon. Also wanderte er hoch und bekam einen Schock. Auf einem der Wandgemälde war der Sängerwettstreit thematisiert. Der Maler integrierte prominente Geistesgrößen wie Goethe und Schiller als Minnesänger. So gab Franz Liszt einen respektablen Wolfram von Eschenbach ab, während Wagner – der klein und hässlich war – sich wenig vorteilhaft als Heinrich der Schreiber identifizierte. „Ich fand mich von allem sehr kalt berührt.“ 

Ab da konnte sich Wagner nicht mehr mit der Wartburg anfreunden. Ein Grund: Großherzog Carl Alexander wollte ihn ursprünglich an Weimar binden und erwog die Vereinsgründung für ein Festspielhaus. Doch alle zur Verfügung stehenden Mittel, auch aus der Privatschatulle des Großherzogs, flossen in die Wiederherstellung der Wartburg. Ergo, schließen Eisenacher Historiker: „Wäre die Restaurierung der Burg unterblieben, könnte man mutmaßen, stünde das Festspielhaus nicht in Bayreuth, sondern in Weimar. Doch dann erwartete hier womöglich den Besucher nur eine romantische Ruine.“

Das Archivbild zeigt Richard Wagner 1877. 
Das Archivbild zeigt Richard Wagner 1877.  ©  dpa

Auch wenn Wagner sogar versuchte, die originale Burg mit Saal in Bühnenbildern verhindern – beide sind längst als authentische „Tannhäuser“-Orte festgeschrieben. Seit 1891 läuft die Oper auch in Bayreuth. Und seitdem in aller Welt – nur eben lange nicht am Originalschauplatz, von wenigen Teil- und konzertanten Aufführungen zu DDR-Zeiten abgesehen.

Seit 2003 endlich veranstaltet die Wartburg-Stiftung mit den Theatern der Region eigene Festspiele im Früh- und Spätsommer mit halbszenischen „Tannhäusern“ und „Tannhäuser für Kinder“. Die Akustik sei genial, schwärmen Künstler, der authentische Charme sei unbezahlbar, so Wagnerianer. Die Karten für die gut 300 Plätze sind mittlerweile begehrter als die fürs Bayreuther Festspielhaus und um ein Vielfaches preiswerter. Für 2020 startet der Vorverkauf am 15. Oktober.

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