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Tanzpop als Therapie

Mit „Chromatica“ kehrt Lady Gaga zurück in die Disco. Doch nicht nur mit neuer Musik macht die US-Sängerin von sich reden.

Die theatralische Selbstinszenierung gehört bei Lady Gaga immer dazu.
Die theatralische Selbstinszenierung gehört bei Lady Gaga immer dazu. © Universal

Bill Gates, der Mann, der angeblich die Menschheit mittels eines fiesen Chips gefügig machen will, bekommt Beistand aus dem Herzen der Pop-Szene. Ausgerechnet Stefani Joanne Angelina Germanotta, besser bekannt als Lady Gaga, sucht den Schulterschluss mit dem einstigen Software-Mogul und macht sich damit zumindest zum Nebenziel respektive Hassobjekt für Verschwörungstheoretiker.

Verdächtig ist schon mal, dass Gates wie Gaga Linkshänder ist. Und: Beide engagieren sich gerade dafür, dass ein Impfstoff gegen Corona entwickelt und der ganzen Welt zur Verfügung gestellt wird. Bill Gates gibt Millionen, Lady Gaga Wohnzimmer-Benefizkonzerte. Jetzt hat die Frau, die in ihren Songs schon diverse Traumata verarbeitete, zudem ein neues Album veröffentlicht, das jedoch mitnichten zum Soundtrack einer Impfbefürworter-Kampagne geriet.

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Die 34-jährige US-Popmusikerin handelt dafür Mobbing, Depressionen, chronische Schmerzen und eine Vergewaltigung ab. Ziemlich dunkle Themen, die man beim flüchtigen Hören kaum mit dem fluffigen Elektropop in Verbindung bringt. Da ist beispielsweise „Rain on Me“, eine Zusammenarbeit mit Ariana Grande. „I’d rather be dry, but at least I’m alive“ singen die Musikerinnen und tanzen im Musikvideo durch den Regen, der als Metapher für ihre vergossenen Tränen dient. Grande hat selbst schlimme Erfahrungen machen müssen. Dass „Rain on Me“ am dritten Jahrestag des Selbstmordattentats veröffentlicht wurde, bei dem am 22. Mai 2017 auf einem Konzert von Grande in Manchester 22 Menschen und der Attentäter starben, ist kaum ein Zufall.

Cleveres Recycling-Prinzip

Mit diesem Song ist der Grundstein gelegt für das Motto, das „Chromatica“ unausgesprochen zu bestimmen scheint: Tanz mit dem Schmerz und mache ihn dadurch erträglich! Ein Album wie eine Therapie. Musikalisch kehrt Lady Gaga nach ihren Folk-Ausflügen zu dem zurück, worauf sie ab 2008 ihre weltweite Popularität gründete: Pop mit einfachen Melodien auf stampfenden Beats. „Stupid Love“ etwa, die erste Single-Auskopplung aus ihrem sechsten Studioalbum, ist eine für sie typische Tanznummer mit dominanten Synthesizerakkorden. Viele der neuen Songs erinnern an Dance-Pop aus den 90er-Jahren, was wiederum im Werk von Lady Gaga Tradition hat. Viele ihrer heutigen Fans waren damals noch keine aktiven Musikhörer und empfinden diesen Sound daher als durchaus innovativ. Doch mit ihren früheren, ebenfalls nach diesem cleveren Recycling-Prinzip gebauten Hits wie „Bad Romance“ oder „Born This Way“ kann wenig vom neuen Stoff konkurrieren. Nicht einmal das Duett mit Elton John („Sine from Above“) hat vergleichbares Potenzial.

Die Theatralik gehört zu Lady Gaga als Gesamtkunstwerk, und so ist es neben der Botschaft auch das Visuelle, das „Chromatica“ letztlich doch charmant macht. In den bisher veröffentlichten beiden Clips feiert Gaga die 90er-Jahre-Ästhetik mit Neonfarben, Plateaustiefeln und Latex. „Stupid Love“ sieht aus wie ein Retro-Videospiel. Ein rotes und blaues Team kämpfen in der Wüste gegeneinander, bis Gaga sie mithilfe ihrer pinkfarbenen „Kindness Punks“ zum Schweigen und letztlich zum gemeinsamen Tanzen bringt. Das könnte man durchaus als politischen Kommentar sehen, sagte Gaga im Interview mit dem Apple-Music-DJ Zane Lowe. „Die Art, wie ich die Welt sehe, ist, dass wir gespalten sind, und das sorgt für eine sehr angespannte, sehr extremistische Umgebung.“

Interessant ist auch hier die Verarbeitung von Traumata, die noch durch die schmissigsten Beats dringt. „Gotta quit this cryin‘, nobody’s gonna heal me if I don’t open the door“, heißt es in „Stupid Love“ an einer Stelle (etwa: Ich muss mit dem Weinen aufhören, niemand wird mich heilen, wenn ich es nicht selbst mache).

In „911“ singt Gaga, wie sie ebenfalls im Interview mit Lowe erläuterte, über die antipsychotischen Medikamente, die sie nimmt. Dahinter stecke das Konzept der „radikalen Akzeptanz“, so die Musikerin: „Ich weiß, dass ich mentale Probleme habe, ich weiß, dass diese manchmal dazu führen, dass ich nicht funktioniere als Mensch, aber ich akzeptiere, dass das geschieht.“ Folglich feiert sie in „Free Woman“ die Wiedererlangung ihrer Selbstkontrolle, was natürlich mit einem Tänzchen verbunden wird. Wörtlich heißt es: „This is my dancefloor I fought for.“

Lady Gaga betont in Interviews immer wieder, dass Selbstliebe und Güte sie zu ihrer Musik motivieren würden. Nebenher betreibt ihre „Born This Way“-Stiftung neuerdings eine digitale Plattform, auf der junge Menschen etwa Erfahrungen mit Mobbing schildern können. Dahinter mag Marketing-Kalkül stecken. Doch es gibt wenige Popmusikerinnen, die so offen Themen wie Psychopharmaka, psychische Gesundheit oder sexuelle Gewalt ansprechen. In Zeiten, in denen etwa Mobbing im Internet erschreckend weit verbreitet ist, ist es deshalb mehr als nur eine Geste, wenn Popstars ihrem Millionenpublikum sichere digitale Räume schaffen oder ermächtigende Botschaften auf den Weg geben. Nicht auszuschließen, dass Verschwörungstheoretiker wiederum auch das uminterpretieren. Lady Gaga dürfte das jedoch herzlich egal sein. (mit dpa)

Das Album: Lady Gaga, Chromatica. Universal

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