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Meterweise Lebensretter

Sachsens Corona-Zentrallager für Schutzausrüstung ist in Leipzig. Einige Transporte bekommen sogar Polizeischutz.

Beim Logistikunternehmen Kühne und Nagel in Leipzig werden seit Ende März Schutzmasken, -brillen, -kittel und Einmalhandschuhe zentral gesammelt und nach Bedarf etwa an Krankenhäuser, Schulen, Polizei sowie Pflegeheime in ganz Sachsen verteilt.
Beim Logistikunternehmen Kühne und Nagel in Leipzig werden seit Ende März Schutzmasken, -brillen, -kittel und Einmalhandschuhe zentral gesammelt und nach Bedarf etwa an Krankenhäuser, Schulen, Polizei sowie Pflegeheime in ganz Sachsen verteilt. © dpa

Von Sven Heitkamp

Sachsens wichtigstes Regal ist elf Meter hoch, 40 Meter lang und bietet Platz für 400 Paletten. Der Logistikkonzern „Kühne + Nagel“ hat an seinem Standort im Leipziger Nordwesten nicht weit vom Porsche-Werk diese Regalzeile für den Freistaat freigeräumt. Inhalt des Heiligtums: Schutzmasken und Einmalhandschuhe, Schutzanzüge, Kittel, Brillen und OP-Masken. Ein buntes Sammelsurium an Kisten und Kartons, manche eingeschweißt, manche einfach nur zugeklebt.

Schilder "Gesperrt bis TÜV-Freigabe" kleben auf Kartons mit unzertifizierten Schutzmasken aus China.
Schilder "Gesperrt bis TÜV-Freigabe" kleben auf Kartons mit unzertifizierten Schutzmasken aus China. © dpa

Täglich kommen zwischen drei und 15 Lkws, um die medizinisch wertvolle Fracht anzuliefern, erzählt Michael Krönlein, der Logistikchef des Standorts. Binnen eines Tages werden die meisten Waren aus dem Zentrallager an Krankenhäuser, Rettungsdienste, Polizei Alten- und Pflegeheime, Arztpraxen, Gesundheitsämter und andere Empfänger im ganzen Freistaat weiterverteilt.

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Während die meisten anderen Hochregale des Leipziger Drehkreuzes für Aspirin-Tabletten aus Bitterfeld genutzt werden, lagert auf den heiligen Metern eine besonders schützenswerte Fracht. Die großen, voll beladenen Vierzigtonner, die Ladungen mit Millionenwerten transportieren, werden eigens von zwei Streifenwagen der Polizei eskortiert, erzählt der verantwortliche Polizeidirektor Jens Naumann. Und auch die Leipziger Lagerhalle steht unter Polizeischutz. Die Laster kommen meist aus Stuttgart, wo die lebensrettende Ware aus China verteilt und dann nach Sachsen gefahren wird.

Ein Polizist steht vor Kartons mit Schutzmasken aus China.
Ein Polizist steht vor Kartons mit Schutzmasken aus China. © dpa

Ein weiterer Teil der Schutzgüter komme auch aus Sachsen – von der heimischen Textilindustrie, erzählt Naumann. Er leitet seit 20. März im Innenministerium eine neue „Task Force Beschaffung“, die mit Beginn der Corona-Pandemie flugs aus dem Boden gestampft wurde und heute elf Fachleute aus mehreren Ministerien und Berater vereint. Leicht ist die zentrale Beschaffung aber noch immer nicht.

„Wir haben Defizite in der ganzen Bandbreite der Schutzausrüstungen, bei Masken ebenso wie bei Schutzkitteln, Overalls und anderem“, erzählt Naumann und rechnet ein Beispiel vor: Für ein Halbjahr brauche Sachsen etwa 15 Millionen medizinische Schutzmasken vom Typ FFP2, bestellt habe man vorsichtshalber bereits 16,5 Millionen. Gekommen sei bisher eine Million, obwohl der Freistaat Aufträge bei mehreren Großproduzenten in China platziert habe. „Der Bedarf ist immer noch größer als die Lieferungen“, sagt Naumann. „Das ist ein tägliches Bangen.“

Ein Mitarbeiter des Logistikunternehmens Kühne & Nagel prüft einen Karton mit Schutzmasken aus China.
Ein Mitarbeiter des Logistikunternehmens Kühne & Nagel prüft einen Karton mit Schutzmasken aus China. © dpa

Ein Team von zehn bis 15 Mitarbeitern arbeite an der Annahme, Registrierung, Qualitätsprüfung und Kommissionierung der Schutzausrüstungen, auch an Wochenenden und Ostertagen, unterstützt auch mit Prüfungen des TÜVs und der Landesdirektion. Den Konzern, der 1.400 Niederlassungen in mehr als 100 Ländern und 83.000 Mitarbeiter zählt, stelle die Corona-Hilfe dabei manchmal vor ganz neue Herausforderungen. „Wenn ein Fahrer aus Italien in Vollschutz aus dem Lkw steigt, müssen wir erst mal gucken, wie wir für ihn extra Umkleideräume, Duschen und extra Kleidung stellen können“, erzählt Krönlein. Kühne + Nagel leiste diese Hilfe aber fast zum Selbstkostenpreis: „Wir möchten nicht an der Not verdienen.“

Ein chinesischer Stempel prangt auf einem Karton mit Schutzmasken.
Ein chinesischer Stempel prangt auf einem Karton mit Schutzmasken. © dpa

Unterstützt werden der Freistaat und das Land Baden-Württemberg bei der Beschaffung auch von Porsche, dem Logistiker DB Schenker und Lufthansa Cargo. Bis zu sechs Flüge mit Material würden jede Woche aus Shanghai nach Frankfurt und München gehen und von dort zu einem Zwischenlager am Stuttgarter Flughafen gebracht. Dabei würden auch Passagiermaschinen als Frachter eingesetzt, sagt Dorothea von Boxberg, Vorstandsmitglied bei Lufthansa Cargo.

Mitarbeiter des Logistikunternehmens Kühne & Nagel sortieren im Wareneingang Kartons mit Schutzmasken.
Mitarbeiter des Logistikunternehmens Kühne & Nagel sortieren im Wareneingang Kartons mit Schutzmasken. © dpa

Bis voraussichtlich Ende Mai sollten Schutzmaterialien im Wert eines dreistelligen Millionenbetrages über diese Luftbrücke transportiert werden, teilt Porsche mit. „Das gemeinsame entschlossene Handeln trägt entscheidend mit dazu bei, dass sich die Situation bei der Bereitstellung von medizinischem Schutzmaterial in den nächsten Tagen und Wochen auch in Sachsen weiter verbessern wird“, sagt Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). Sachsen profitiere dabei von der großen Erfahrung Porsches im chinesischen Markt. „Verantwortung und Zusammenhalt zeigen sich hier ganz konkret.“

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Ob aber immer auch geliefert wird, was auf den Paketen steht oder auf der Strecke Schwund entsteht, dazu wollte sich Polizeidirektor Naumann noch nicht äußern. „Das beantworte ich im Herbst. Bisher bekommen wir aber geliefert, was wir bestellt haben.“

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