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Tat ohne Erinnerung

In Görlitz hat der Prozess gegen einen Mann aus Weißwasser begonnen. Er soll im Mai vergangenen Jahres seine Frau mit einem Hammer erschlagen haben.

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Von Susan Ehrlich

Sichtlich berührt saß der 59-jährige Angeklagte gestern im Saal des Görlitzer Landgerichts. Während der Zeugenbefragung holte er immer wieder sein Taschentuch hervor und wischte die Tränen weg. Auch im Zeugenstand und auf den Besucherstühlen wurde viel geschluchzt. Denn keiner schien eine Erklärung für das Unfassbare zu haben, das sich da in einer Wohnung im Neubaugebiet am Boulevard in Weißwasser am 29.Mai vorigen Jahres gegen 1.15 Uhr ereignet hatte – selbst der Angeklagte nicht.

Gegen den Mann, der laut Anklageschrift mit einem 600 Gramm schweren Zimmermannshammer mindestens viermal auf den Kopf seiner 51-jährigen Ehefrau eingeschlagen haben soll, begann gestern der Prozess. Die Anklage lautet auf Totschlag, denn die Frau erlag am 5.Juni ihren Verletzungen.

Der Zeugenbefragung vorausgegangen war eine Aussage des Angeklagten. Detailreich beschrieb er die Stunden vor dem Geschehen, sprach vom Besuch, den man hatte, davon, noch den Hund ausgeführt zu haben, dass er gegen 23Uhr ins Bett gegangen, gegen Mitternacht aber noch einmal aufgestanden sei. Dabei sei ihm seine Frau torkelnd entgegengekommen – nachdem sie reichlich Schnaps getrunken haben soll. Während sie ins Bett gegangen sei, habe er sich noch einmal angezogen, um auf dem Balkon eine Zigarette zu rauchen, so der 59-Jährige, der selbst eine Art Abscheu vor Alkohol habe.

Als ihn der Vorsitzende Richter Uwe Böcker daraufhin fragte, was dann passiert sei, antwortete der Mann: „Dann ist es schwarz.“

Mysteriöse Tatumstände

An die Tat selbst könne er sich nicht erinnern. Das nächste Bild aus jener Nacht, das in ihm auftaucht, sei der Moment, als er sich im Türrahmen des Schlafzimmers wiederfindet, seine Frau blutüberströmt auf dem Bett liegen sieht und plötzlich weiß, dass etwas Schreckliches geschehen sein muss. Die Aussagen fielen dem Angeklagten sichtlich schwer, so, als könne er gar nicht glauben, was er getan haben soll. Doch in jener Nacht rief er die Polizei mit den Worten: „Ich habe meine Frau erschlagen.“ Die Tatumstände sind mysteriös. Laut Zeugenaussagen haben die Eheleute eine gute Ehe geführt, in der es so gut wie nie Streit gab. Sowohl die Tote als auch der Angeklagte seien freundliche, hilfsbereite – eben ganz normale – Leute gewesen, hieß es einhellig von den geladenen Verwandten und Freunden der Familie. Allerdings habe sich die Ehefrau meist gegen ihren Mann behauptet, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Unter anderem habe sie darauf gedrängt, zu ihrer Schwester nach Rheinland-Pfalz zu ziehen, wo der Angeklagte am 1.Juni 2011, also nur drei Tage nach der Tat, eine Arbeitsstelle hätte antreten sollen. Die Hinfahrt war wohl für den 30.Mai geplant.

„Meine Freundin und ich haben Vater angemerkt, dass er eigentlich gar nicht weg wollte“, sagte der Sohn des Angeklagten vor Gericht. Denn dann hätte er auch seine kleine Enkeltochter, die kurz zuvor geboren war, kaum noch sehen können. „Das ging alles von Mutter aus“, so der junge Mann weiter. Dass die Mutter ein Alkoholproblem hatte, habe er gewusst und auch, dass die Eltern finanziell nicht gut dastanden.

Ob all diese Dinge letztlich dazu geführt haben, dass der Weißwasseraner im Unterbewusstsein zum Hammer gegriffen hat, bleibt abzuwarten. Bis zum 9.März sind weitere vier Verhandlungstage am Landgericht angesetzt.