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Tatort Gimmlitztal

Der Kriminalist Ralf Hubrich hat in über 34 Berufsjahren viel erlebt. Aber nur ein einziges Mal ging es um Kannibalismus.

© Daniel Förster

Von Regine Schlesinger

Der Fall liegt fast zehn Jahre zurück. Doch Ralf Hubrich hat die Bilder von der kleinen Zweizimmerwohnung in einem Heidenauer Plattenbau sofort vor Augen. Eine tote, mit Wunden übersäte Frau auf dem Boden. Die linke Brust fehlt. Sie liegt in einem Kochtopf. Ihr Freund hatte die junge Frau, die im vierten Monat schwanger war, so zugerichtet. Er behauptete, seine Freundin hätte von ihm verlangt, sie zu töten und ihre Brust zu essen.

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Blick auf die Ferienpension im Gimmlitztal, die zum Tatort wurde. Die Wiese gleicht mittlerweile einem Sturzacker, weil die Polizei hier nach den sterblichen Überresten eines 59-Jährigen sucht. Getötet, zerstückelt und vergraben haben soll ihn der Pension
Blick auf die Ferienpension im Gimmlitztal, die zum Tatort wurde. Die Wiese gleicht mittlerweile einem Sturzacker, weil die Polizei hier nach den sterblichen Überresten eines 59-Jährigen sucht. Getötet, zerstückelt und vergraben haben soll ihn der Pension © Robert Michael

Der aus Schmiedeberg stammende und heute als Pensionär in Pirna lebende Ex-Polizist hat in über 34 Jahren Berufsleben viel erlebt und gesehen. Doch mit Kannibalismus hatte er es nur in diesem einen, dem Heidenauer Fall zu tun. Jetzt soll sich womöglich Ähnliches im Gimmlitztal bei Reichenau abgespielt haben. Seit Tagen sucht die Polizei hier auf dem Grundstück einer Ferienpension nach den sterblichen Überresten eines 59-jährigen Unternehmers aus Hannover. Er soll Anfang November ins Gimmlitztal gekommen sein, um sich hier von dem Polizeibeamten Detlev G., dem Pensionsbetreiber, auf eigenen Wunsch hin töten zu lassen. Detlev G. gesteht die Tötung auf Verlangen und führte die Polizei im Grundstück an die Stellen, an denen er die zerstückelte Leiche vergraben hat. Dass auch Kannibalismus oder sexuelle Motive bei dieser Tat eine Rolle gespielt haben, bestreitet er jedoch.

Doch kennengelernt haben sich die beiden Männer laut Polizei Anfang Oktober über ein Internetforum, dessen Nutzer kannibalistische Neigungen haben. Außerdem soll der Getötete schon sehr früh, bereits in seiner Kindheit, den Wunsch geäußert haben, dass er mal getötet und aufgegessen werden will. Parallelen zum Heidenau-Fall sieht Ralf Hubrich jedoch nicht. „Schon von den Persönlichkeiten her waren das damals eher einfach strukturierte Leute“, sagt er. Auch wollte die junge Frau keinesfalls getötet werden. Sie hat sich auf ihr Kind gefreut, war voller Pläne, erinnert Ralf Hubrich sich an Aussagen von Bekannten des Opfers. Der Fall endete für den Täter mit zwölf Jahren Haft und der Einweisung in ein psychiatrisches Krankenhaus. Dabei rückte er auch im Prozess kein Stück von seiner Schilderung des Tatmotivs ab.

Ob Detlev G. womöglich nur den ersten Teil der Abmachung mit seinem Internetpartner erfüllte oder doch weiterging, wird schwierig zu beweisen sein, wenn er das auch weiterhin verneint, vermutet Ralf Hubrich. Ebenso schwer dürfte es sein, zu ermitteln, ob der Unternehmer aus Hannover in dem Moment, als es passierte, wirklich sterben wollte. Immerhin sei er mit seinen Fantasien fast 60 Jahre alt geworden, ohne sie auszuleben, sagt Hubrich. Für welchen Schock das Geschehen im Gimmlitztal gesorgt hat, das er selber von Wanderungen und Mühlentagen kennt, kann er sich vorstellen. Das war in Heidenau damals nicht anders. Doch trotz des krassen Tathergangs sei dieser Fall nicht sein schrecklichster gewesen. „Es gab emotional Schlimmeres“, sagt der erfahrene Kripomann. Dazu gehört für ihn der Fall des sechsjährigen Joseph, Sohn einer deutsch-irakischen Familie, der im Sommer 1997 tot aus einem Sebnitzer Schwimmbad geborgen wurde. Er starb an Herzversagen. Doch die Rede war langer Zeit von Mord, verübt durch eine Horde von Nazis. Über Monate hinweg standen Hubrichs Kriminalisten damals deutschlandweit am Pranger, weil sie angeblich schlampig ermittelt hätten.

Die Erinnerungen des pensionierten Kriminalpolizisten Ralf Hubrich an 22 besonders spannende Fälle aus dem Osterzgebirge und der Sächsischen Schweiz hat der SZ-Redakteur Jörg Stephan Stock aufgeschrieben. Seit Kurzem sind sie in dem Buch „Der Kannibale von Heidenau“ nachzulesen. Erhältlich ist es in allen SZ-Treffpunkten zum Preis von 12,50 Euro.