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Tatort Oktoberfest

TV-Kommissarin Maria Furtwängler kann sich vor Gericht kaum an ein Essen mit Christian Wulff erinnern.

© action press

Von Marco Hadem

Als kühle „Tatort“-Kommissarin ist Charlotte Lindholm – gespielt von Maria Furtwängler – bei der Verbrecherjagd auf Zeugenaussagen angewiesen. Energisch und akribisch holt sie in der ARD-Krimiserie längst vergessene Details aus ihren Gesprächspartnern heraus. So will es das Drehbuch, denn um spätestens 21.45 Uhr muss das Verbrechen aufgeklärt sein. Doch in der Realität ist es anders, wie sich gestern im Korruptionsprozess gegen Ex-Bundespräsident Christian Wulff im Landgericht Hannover gezeigt hat.

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Furtwänglers geringe Erinnerungsfetzen an den Oktoberfest-Besuch 2008 mit dem Ehepaar Wulff hätten wohl auch Charlotte Lindholm an den Rand der Verzweiflung gebracht. „Fünf Jahre sind lange her“, sagt die 47-Jährige fast entschuldigend an die Adresse von Richter Frank Rosenow. Dieser hatte zuvor mit präzisen Fragen zum Zusammentreffen im Käfer-Festzelt Licht ins Dunkel bringen wollen.

Doch Furtwängler weiß „beim besten Willen nicht“, wer am Abend die Rechnung bezahlt hat, oder wer außer ihrem Mann Hubert Burda und Bettina Wulff da war, geschweige denn, was die Wulffs gegessen haben. „Ich dachte, mein Mann lädt ein, weil er das eigentlich immer macht“, betont sie. Sie selbst habe nichts bezahlt. Auf Nachfragen reagiert sie genervt.

Doch eigentlich, so weiß die ganz in Schwarz gekleidete Furtwängler zu berichten, seien Wiesn-Besuche so gar nicht ihr Ding: „Da ist es unendlich voll, stickig und dampfig.“ Da sie nicht „scharf auf einen Wiesn-Besuch“ war, sei sie „auch bald gegangen“. Dies sei nach eineinhalb Stunden gewesen.

Nach der Vernehmung blitzt für einen Moment die bisweilen forsche, von schleppenden Ermittlungen genervte TV-Kommissarin Lindholm auf: „Was kann meine Aussage eigentlich im allerbesten Fall zur Klärung beitragen?“, fragt Furtwängler. Schmunzelnd kontert Rosenow: „Das werden Sie bei der Urteilsverkündung erfahren.“ Mit dem munteren Gruß „viel Erfolg noch“ verlässt sie den Saal.

Das Urteil könnte entgegen früherer Zeitpläne bereits vor Weihnachten verkündet werden. Für den 8. Prozesstermin am 19. Dezember kündigte Rosenow gestern überraschend ein Zwischenfazit an. Ein für große Prozesse nicht unüblicher Vorgang – doch was es in diesem Fall konkret bedeutet, lässt er offen. Eigentlich sind 22 Verhandlungstage bis April 2014 angesetzt. Erwartungsgemäß wollen weder Verteidigung noch Staatsanwaltschaft den Vorgang kommentieren. Denkbar sei „das gesamte Spektrum“, betonen Juristen: Freispruch, Fortsetzung des Verfahrens oder Abschluss gegen Geldauflage.

Und Wulff? Den Ex-Bundespräsidenten dürfte der bisherige Verlauf durchaus optimistisch stimmen. Immer wieder nickt er einigen Zeugen bei der Vernehmung zustimmend zu. Kein Wunder, denn wichtige Zeugen wie Mitarbeiter des Hotels „Bayerischer Hof“ und Verleger Hubert Burda stützen mit ihren Aussagen die Argumentation der Verteidigung.

„Der Wulff hat’s kapiert“

So habe Wulff – wie er selbst behauptet – nichts von der Übernahme der Hotelkosten von rund 720 Euro durch den Filmfinanzier David Groenewold mitbekommen müssen. Auch das – mit vier bis fünf Sätzen allerdings sehr kurze – von Burda am gestrigen Verhandlungstag bestätigte Dienstgespräch über den Rundfunkstaatsvertrag auf der Wiesn spricht für Wulff, den für Medienpolitik zuständigen damaligen Ministerpräsidenten. Denn so hätte er sich die Hotelkosten vom Land zahlen lassen können, also keinen Grund gehabt, sich einladen zu lassen. Burda betonte, er habe mit Wulff in seiner Eigenschaft als Präsident der Zeitschriftenverleger über den Rundfunkstaatsvertrag reden wollen. Die öffentlich-rechtlichen Sender hätten 2008 ihr Online-Angebot so ausbauen wollen, dass es für die Verleger hätte wirtschaftlich gefährlich werden können, sagte Burda. „Der Wulff war jemand, bei dem wusste ich, der hat’s kapiert.“ Ein Treffen mit ihm vor dem Oktoberfest im Hotel „Bayerischer Hof“ habe Wulff kurzfristig abgesagt, sodass es nur zu der kurzen Begegnung am Rande der Wiesen gekommen sei.

Wulff wird vorgeworfen, dass er sich den Hotelaufenthalt in München teilweise von Groenewold bezahlen ließ. Er selbst betonte, er habe davon erst Anfang 2012 erfahren. Hingegen geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass Wulff sich wissentlich einladen ließ, also einen verbotenen Vorteil angenommen hat. Denn im Gegenzug soll er später für einen Film seines Freundes Groenewold bei Siemens um Geld geworben haben.

Trotz des Zwischenfazits geht es in der kommenden Woche mit der Vernehmung von Wulffs inzwischen getrennt lebender Ehefrau Bettina weiter. (dpa)