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Tatwerkzeug Gartenschere

Grenze. Die Bundespolizei ist in WM-Zeiten verstärkt in der Region unterwegs. Die SZ begleitete eine Streife von Hirschfelde bis Hartau.

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Von Matthias Klaus

Wo will der denn hin? Mit kühnem Schwung biegt der Kompaktwagen, ein Golf, vorm Grenzübergang Hartau ab, rollt am Parkplatz vorbei und weiter gen Waldrand. „Seltsam“, findet Reinhold Wick. Der Oberkommissar kraucht durch ein paar Sträucher und schaut dem Auto nach. „Gucken wir doch mal, wo er hin will“, entscheidet er dann. Vorbei die beschaulichen Minuten am Touristen-Übergang: Rein ins Bundespolizei-Mobil und hinterher.

Die Bundespolizei ist in diesen Tagen mehr als sonst in der Gegend unterwegs. Kein Urlaub, keine freien Tage – die Zahl der Streifen erhöht sich zwangsläufig. „Der Fußball-Weltmeisterschaft wegen“, sagt Volker Freiwald. Er ist bei der Inspektion Zittau für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Weil heute ein Pressemensch mitfährt, muss auch er mit. Volker Freiwald trägt’s mit Fassung, ebenso, wie seine schusssichere Weste. Die ist Pflicht für Streifengänger in Zeiten der WM, in der Hitze aber nicht sonderlich angenehm. Wild gewordene Fans oder gar Hooligans hat Volker Freiwald allerdings noch nicht erlebt. „Ein paar Tschechen, die als Brasilien-Anhänger über die Grenze kamen und ein Bus mit Fans aus der Ukraine, allerdings älteren Semesters“, zählt er seine Erfahrungen auf.

Verdächtige Erdbeeren

Am Übergang Ludwigsdorf, sagt Volker Freiwald, sah es da etwas anders aus. Auch wenn es an der grünen Grenze derzeit ein bisschen ruhiger zugeht, die Bundespolizei bleibt natürlich wachsam – wie eben bei jenem Fahrzeug, dass gerade den Waldrand bei Hartau erreicht und auf einem holprigen Weg den Blicken entschwindet. „Das tut man seinem Wagen eigentlich nicht an“, sagt Mario Schmidt. Er ist Bundespolizei-Angestellter und lenkt den VW-Bus, einen neuen, blauen mit Allrad-Antrieb, um Schlaglöcher und Wurzeln herum. Am Wegweiser für den „Ernst-Gäbler-Weg“ stoppt er. Ein Plastebeutel baumelt am Schild. Streifenführer Reinhold Wick zieht Handschuhe an, äugt vorsichtig in das Behältnis. „Verfaulte Erdbeeren“, erschnüffelt er. Der Beutel, er hätte ein Zeichen sein können. „Manche Schleuser hängen zum Beispiel Flaschen an Bäume oder stellen Coladosen als Wegweiser hin“, erläutert der Oberkommissar.

1991 kam er nach Zittau. Aus dem Westen. „Nein“, korrigiert Reinhold Wick, „aus dem Süden.“ Südwesten also. Seinen ersten illegal Eingereisten schnappte er nächtens auf dem Frauenfriedhof in Zittau. „Es war ein Rumäne. Er hatte sich hinter einem Grabstein versteckt. Wir haben den Friedhof zu zweit abgesucht und hätten ihn wohl nie entdeckt. Aber dann musste er niesen, sein Pech“, erzählt der Bundespolizist.

Inzwischen ist der vorhin in Grenznähe entschwundene Golf wieder aufgetaucht, in vielleicht 200 Metern Entfernung. Reinhold Wick beobachtet wieder. „Da zeigt nur einer seinem kleinen Mann die große Welt“, schmunzelt er. Aber wo ist der zweite Insasse? Und warum sollte jemand zum Wasserlassen soweit in den Wald fahren? Es hilft nichts: Wir müssen hin.

Aufgeschüttete Erdwälle sollen hier am Wald bei Hartau Autoschiebern das Leben schwer machen.

Sofortiges Geständnis

Vor Jahren war gar die Bahnbrücke bei Hirschfelde für Autoüberfahrten beliebt – bis der Bundesgrenzschutz, wie die Bundespolizei damals hieß, Nageleisen zwischen die Schienen schraubte. „Sind keine Gummireste von Reifen dran, da ging schon seit Längerem kein Auto mehr rüber“, sagt Reinhold Wick. Überhaupt, die Brücken, ob am ehemaligen Kraftwerksgelände, in Drausendorf, Zittau-Ost oder anderswo: Sie werden von der Bundespolizei gründlich kontrolliert. Immer wieder nutzen Schleuser, aber auch Schmuggler die Bauwerke – trotz Absperrungen.

Da ist er, der verfolgte Golf. Steht am Wegesrand, ein bisschen auf der Wiese. Ein älterer Herr ist ausgestiegen, schaut der Bundespolizei erwartungsvoll entgegen. Reinhold Wick stellt sich vor. Immer freundlich bleiben ist sein Motto. Vom zweiten Mitfahrer ist nichts zu sehen – bis er aus dem Wald tritt: ebenfalls ein älterer Herr, bewaffnet mit Gartenschere. „Ich wollte mir nur ein paar Äste abschneiden“, gesteht er sofort. „Doch hoffentlich von gefällten Bäumen?“, fragt der Oberkommissar streng. Nein, sagt der Ertappte, eigentlich nicht. Aber er sei Fachmann, wisse, welche Äste er nehmen könne. „Na gut, ich verpetze Sie nicht beim Förster“, seufzt Reinhold Wick. „Ach, dass wäre ja nett“, sagt der Scherenmann erleichtert.

Die Bundespolizei verabschiedet sich von den „Waldarbeitern“. „Was soll man in so einem Fall machen?“, fragt sich Reinhold Wick lächelnd. Anzeigen? Eigentumsdelikt? Er winkt ab: „Es gibt viel schlimmere Burschen!“