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Tauschgeschäfte der besonderen Art

Wer Kindersachen in Rietschen abgibt, darf auch welche mitnehmen. Nun stehen Veränderungen bevor.

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© André Schulze

Von Carla Mattern und Katja Schlenker

Hier werden keine Unterschiede gemacht. Bei der Kindersachentauschbörse in Rietschen kann jeder Kleidungsstücke abgeben. Egal, ob derjenige eine Arbeit vorweisen kann oder viel Geld auf dem Konto hat – oder eben nicht. „Ich tausche selber gerne“, sagt Diana Mehmel. Sie betreut im Namen des Weißwasseraner Vereins Schlupfwinkel und der Lausitzer Bildungsgesellschaft das Projekt. Viele Leute bringen auch Sachen vorbei, weil diese zu schade sind, um sie wegzuwerfen. Immerhin wachsen Kinder in den ersten Jahren ihres Lebens sehr viel. Manchmal vergehen nur wenige Wochen und die Hose oder das T-Shirt passt nicht mehr.

Dienstag von 9 bis 11 Uhr und Freitag von 14 bis 16 Uhr hat die Kindersachentauschbörse an der Muskauer Straße 12 geöffnet. Doch nicht nur die Rietschener besuchen die Räume. „Eine Frau aus Cottbus hat schon einmal angerufen, ob wir auch wirklich geöffnet haben, ehe sie hergefahren kommt“, erzählt Antje Schulz, die ebenfalls das Projekt betreut. Außerdem helfen zwei ehrenamtliche Damen aus Rietschen. Sie sind eine große Hilfe.

In der Vergangenheit hat es aber auch Überlegungen gegeben, die Kindersachentauschbörse zu schließen. Denn die Kosten für die Räume sind relativ hoch und müssen vom Verein aufgebracht werden. Und die Zimmer haben ein entscheidendes Manko: Es fehlt ein separater Beratungsraum. Die Zimmer werden nämlich auch genutzt, um Familien oder einzelne Personen zu unterstützen – bei allem, was die Betroffenen gerade bedrückt. Da ist Privatsphäre gefragt. Die gibt es aber nicht. Stattdessen wird in einer Nische beraten, in der zwei Sofas stehen. Das ist auf die Dauer nicht angenehm. Deswegen wird die Kindersachentauschbösde auch bald umziehen. Schräg gegenüber auf die andere Straßenseite ins Haus Nummer 9. Hier gibt es passende Räume. Und sogar eine Toilette sowie einen Balkon. Im September soll umgezogen werden.

Dann steigt auch die Miete um rund hundert Euro, welche der Verein pro Monat zusätzlich zahlen muss. Da die Fördermittel des Landkreises Görlitz für das Projekt knapp bemessen sind, hat Diana Mehmel jüngst im Rietschener Gemeinderat angefragt, ob nicht eine Möglichkeit gefunden werden kann, die Kindersachentauschbörse finanziell zu unterstützen. Um 150 Euro geht es. Die würde die Gemeinde zur Miete und zu den Nebenkosten beisteuern. Aber die Räte haben noch andere Ideen. „Das ist eine schöne Einrichtung“, sagt Tilmann Havenstein. Und beginnt sofort zu überlegen, wo in der Gemeinde die Tauschbörse noch untergebracht werden könnte. Vielleicht sogar in einem kommunalen Gebäude?

Doch das möchte Bürgermeister Ralf Brehmer nicht. Denn die Kindersachentauschbörse hat einen positiven Nebeneffekt auf die Gemeinde: Dadurch ist ein Schaufenster weniger an der Bundesstraße 115 leer. Ein weiteres Hemmnis ist, dass das Geld eigentlich nicht im laufenden Haushaltsjahr eingeplant ist. „Aber das werden wir finden“, sagt Ralf Brehmer. Am Ende einigen sich die anwesenden Räte darauf, dass das Projekt ab dem 1. Juli monatlich mit 150 Euro unterstützt wird. Bis Ende 2016 ist diese Zusage zunächst befristet. Auch darauf einigen sich die Räte. Danach soll erneut darüber entschieden werden. Diana Mehmel ist ebenfalls bei der Sitzung dabei. Und hat sich dort durchaus wohlgefühlt. „Die Gemeinderäte sind sehr interessiert gewesen und haben Fragen gestellt“, sagt die 38-jährige Diplom-Heilpädagogin. Derzeit macht sie noch eine Ausbildung zur Systemischen Familientherapeutin.

Das Projekt mit der Kindersachentauschbörse ist ursprünglich in Boxberg entstanden, erzählt Antje Schulz. Später folgt der Umzug nach Rietschen. „Da wir für den gesamten Altkreis Weißwasser zuständig sind, wollten wir auch anderswo präsent sein“, sagt die 42-jährige Sozial- und Sexualpädagogin. Seit sechs Jahren ist das Team nun in den Räumen an der Muskauer Straße 12 zu finden. Die Tauschbörse soll den Kontakt erleichtern. Die Probleme sind vielfältig. Manchmal kommen Eltern, die suggeriert bekommen haben, dass mit ihrem Kind etwas nicht stimmt. Dass es Verhaltensauffälligkeiten hat. Auch bei der Trennung der Eltern oder Anträgen der Behörden helfen die Berater.