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Tausend Teile Krieg

Zwei Männer haben jahrelang wie besessen Relikte des Krieges gesammelt. Am 8. Mai öffnen sie ihr Privatmuseum für alle.

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© Egbert Kamprath

Von Jörg Stock

Über den Müllhaufen der Geschichte wird viel geredet. In Altenberg kann man ihn anfassen. Er liegt im alten Empfangsgebäude der Müglitztalbahn, gleich gegenüber vom Bahnhof, auf dem Fußboden: Stahlhelme, Gasmaskenbüchsen, Bajonette, Essgeschirre, Feldflaschen, Patronenkästen, der Tarnscheinwerfer eines Kübelwagens, die Sehschlitzverglasung eines Panzers, vermutlich durch Sprengung desselben in die Botanik geschleudert.

Stefan Schirm, Ende vierzig, Installateurmeister aus Altenberg, lehnt in seiner blauen Latzhose am Geländer neben der Schrottladung. „So sah es am Kriegsende in den Wäldern aus“, sagt er. Ausgerechnet, als die Rote Armee vom 8. zum 9. Mai 1945 in Altenberg einmarschierte, wurde es Frieden. Jeder Soldat wollte sein Kriegsgerät umgehend loswerden. Nicht nur die deutschen. Horst Giegling, 77, ehemaliger Ingenieur aus Geising, zeigt auf zwei sich kreuzende Jaucheschöpfer – Stahlhelme an langen Stangen, ein deutscher und ein russischer. „Das ist unsere Deutsch-Sowjetische Freundschaft“, sagt er und lacht ein wenig.

Schirm und Giegling haben sich nicht gesucht und trotzdem gefunden. Jahrelang sammelten sie jeder für sich Relikte, die der Zweite Weltkrieg in ihrer Heimat hinterlassen hatte. Im Schützenverein lernten sie sich schließlich kennen. Herausgekommen ist eine einmalige Sachzeugenkollektion zum Thema Kriegsende im Osterzgebirge, speziell in Altenberg.

Die Sammlung gibt es schon seit 2009. Damals wurde sie über der Werkstatt eines Altenberger Autohauses aufgebaut. 2013 musste das Museum weichen. Eine endgültige Bleibe sollte her. Stefan Schirm verfiel auf das verwaiste Häusel am Bahnhof und schaffte es nach zähen Verhandlungen mit der Bahn, die Hütte zu kaufen. Seitdem hat er mit Kompagnon Giegling und einer Handvoll weiterer Enthusiasten an der Renovierung gearbeitet und die eingemottete Kriegsausstellung neu arrangiert. Alles mit eigener Kraft und mit privatem Geld, sagt der Handwerker nicht ohne Stolz.

Wie viele Stücke in den Vitrinen liegen und die Wände bedecken, ist unklar. Es müssen Tausende sein, sagt Herr Schirm. Jedes Stück erzählt eine Geschichte. Zum Beispiel die Schmuckdose, die ein russischer Gefangener schnitzte. Das hohle Gesangbuch, in dem Kostbares vor der Roten Armee versteckt wurde. Der Amboss einer Altenberger Schlosserei, der eigentlich ein Stück Kanone ist. Die Karnickelfutterkiste, deren Alublech zu einem US-Bomber, einer „Fliegenden Festung“, gehörte.

Das meiste haben die beiden Sammler selber entdeckt, manches hartnäckig den Besitzern abgeschwatzt. Doch immer öfter bringen Menschen jetzt von sich aus Exponate herzu. Es sind Erinnerungsstücke, die mit Herzblut aufbewahrt wurden, sagt Stefan Schirm. Er sieht das als Kompliment. „Die Leute wissen, dass ihre Sachen bei uns besser aufgehoben sind als bei Ebay.“