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Tausende Flüchtlinge haben Arbeit in Sachsen

Restaurants und Fahrradwerkstätten profitieren von den Neuen. Die Ausbildung ist allerdings schwierig.

Sächsische Gastwirte und Leiharbeitsfirmen haben in den vergangenen Jahren Tausende Geflüchtete eingestellt.
Sächsische Gastwirte und Leiharbeitsfirmen haben in den vergangenen Jahren Tausende Geflüchtete eingestellt. © Oliver Killig/dpa

Dresden. Flüchtlinge sollten in Deutschland nicht herumhängen und nicht dem Staat auf der Tasche liegen. Das hat Hamidreza Ameli schon vor zwei Jahren gesagt und jungen Leuten eine Qualifizierung in seinem Fahrrad-Logistikzentrum in Wilsdruff angeboten. Heute beschäftigt Amelis Unternehmen namens Fahrrad XXL Emporon 20 Flüchtlinge, darunter zwei selbst ausgebildete. Der Geschäftsführer ist selbst in den 1980er-Jahren aus dem Iran nach Deutschland gekommen. Doch er nennt ökonomische Gründe dafür, dass er Menschen aus Syrien, Afghanistan, Iran und Irak beschäftigt: Fahrradmonteure seien sonst auf dem Markt nicht zu bekommen. Als Verkäufer könne er diese Flüchtlinge allerdings kaum einsetzen, weil sie die Sprache nicht gut genug beherrschten.

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Flüchtlinge als Arbeitskräfte zu finden, sei für ihn „ein Wettbewerbsvorteil“, sagt Geschäftsführer Ameli. Sächsische Gastwirte und Leiharbeitsfirmen haben in den vergangenen Jahren Tausende Geflüchtete eingestellt. Vier arbeiten im Dresdner Awo-Seniorenzentrum Professor Rainer Fetscher, einem der größten Altenheime in Sachsen mit Beschäftigten aus zwölf Nationen. Ein Iraker mit Grundkenntnissen in der Altenpflege durfte dort nach zwei Wochen Probezeit als Teilzeit-Pflegehelfer anfangen und besuchte nebenbei Deutschkurse. Dann begann er dort eine Ausbildung. Inzwischen ist er im dritten Lehrjahr – und damit einer von rund 10.000 Geflüchteten, die in Sachsen Arbeit haben.

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Sachsen-Statistik: 4.032 Syrer haben Arbeit im Freistaat

Die Bundesagentur für Arbeit zählt in Sachsen 9.645 sozialversicherte Beschäftigte sowie 1.781 Minijobber, die wahrscheinlich Flüchtlinge sind – denn sie stammen aus den acht Staaten Syrien, Afghanistan, Irak, Iran, Pakistan, Eritrea, Somalia und Nigeria. In dieser Statistik mit Stand Dezember 2019 sind zwar auch Ausländer mitgezählt, die schon Jahrzehnte in Sachsen leben. Doch im Dezember 2014 waren erst 1.208 Menschen in Sachsen beschäftigt, die aus den acht Staaten stammen. Rund 10.000 haben also in den vergangenen fünf Jahren hier Arbeit gefunden. Alleine aus Syrien arbeiten 4.032 Menschen in Sachsen. Die zweitgrößte Gruppe sind Afghanen.

Laut Frank Vollgold, Sachsens Arbeitsagentur-Sprecher, haben sich seit der statistischen Erfassung 12.344 Geflüchtete aus der Arbeitslosigkeit in Arbeit abgemeldet. 58.079 haben seit Sommer 2016 mit Förderlehrgängen begonnen. Das sind viel mehr als die jetzt Beschäftigten, denn die meisten haben Sachsen inzwischen wieder verlassen. Laut Landesregierung lebten Ende Januar 2020 in Sachsen 22.268 Asylbewerber. Weniger als die Hälfte von ihnen hatten Arbeit. In den ersten drei Monaten in Deutschland dürfen Asylbewerber allerdings nicht arbeiten, danach brauchen sie eine Genehmigung und müssen in der Regel zunächst Kurse besuchen. Anerkannte Flüchtlinge brauchen keine Genehmigung zur Arbeit mehr.

Deutschland-Zahlen: Jeder Zweite ist nach fünf Jahren beschäftigt

In Deutschland insgesamt sind 382.382 Menschen sozialversichert beschäftigt, die aus den acht Herkunftsländern stammen. Sie verteilen sich auf viele Branchen: Im Jahr 2017 beispielsweise sind laut Bundesagentur rund 18.000 Flüchtlinge in Deutschland als Leiharbeiter eingestellt worden, 8.000 in der Gastronomie, 4.800 in der Industrie. Von den sächsischen Minijobbern unter den Flüchtlingen ist bekannt, dass 43 Prozent in der Gastronomie arbeiten und 13 Prozent im Handel.

Die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt gelang in den vergangenen Jahren schneller als zuvor, schreibt der Nürnberger Experte Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Sein Fazit: Rund die Hälfte der Geflüchteten, die seit 2013 nach Deutschland gekommen sind, geht fünf Jahre nach dem Zuzug einer Erwerbstätigkeit nach. Vier Jahre nach dem Zuzug waren es gut zwei Fünftel. Im zweiten Halbjahr 2018 waren 60 Prozent der Geflüchteten in Deutschland entweder erwerbstätig, in Bildung oder in Integrationsmaßnahmen.

Regionale Unterschiede: In Dresden viele Jobs, im Kreis Görlitz kaum

Der sächsische Anteil an den Geflüchteten mit Arbeit in Deutschland beträgt nur 2,6 Prozent. Viele sind also zur Arbeit in andere Bundesländer weitergezogen. Alleine im Jahr 2015 wurden rund 69.900 Menschen in den Erstaufnahme-Einrichtungen in Sachsen registriert. Die meisten sind nicht mehr hier. Aber auch innerhalb Sachsens gibt es große Unterschiede bei der Beschäftigung von Geflüchteten: Die meisten haben in Leipzig und Dresden Arbeit gefunden, jeweils etwa 2.600.

Im Kreis Mittelsachsen zeigt die Statistik vom Dezember 358 Beschäftigte aus den acht Herkunftsstaaten. Im Kreis Görlitz sind es die wenigsten: nur 135. Dort konkurrieren sie bei der Suche nach Arbeit mit polnischen Pendlern, die in der Gastronomie und in den Fabriken für Sandaletten, Kleinmöbel und Autofelgen arbeiten. Dass Flüchtlinge vor allem in den Großstädten beschäftigt sind, liege auch an Verkehrsverbindungen und Wohnungs-Angebot, sagt Lars Fiehler, Sprecher der Industrie- und Handelskammer Dresden (IHK). Auf dem Lande seien viele Arbeitsplätze nicht so leicht erreichbar. Viele Geflüchtete zögen auch lieber zu einer vorhandenen Gemeinschaft von Landsleuten in westdeutschen Großstädten.

Frauen: Viel weniger Arbeitsverträge, mehr Kinderbetreuung nötig

Rund 1.100 Frauen aus den acht Flüchtlingsländern haben Arbeit in Sachsen. Doch 89 Prozent der Beschäftigten sind Männer. Die Berliner Bildungsexpertin Professor Katharina Spieß vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sieht einen Grund darin, dass die geflüchteten Frauen häufig in ihrer Heimat weniger Schulbildung bekamen – und sich in Deutschland häufig um kleine Kinder kümmern und daher auch weniger Deutschkurse besuchen konnten. Ohnehin seien Männer häufiger alleine nach Deutschland gekommen, Frauen eher im Familienverbund. Die Bildungsexpertin empfiehlt, die Frauen stärker zu unterstützen, auch mit Kinderbetreuung. Die sei auch wichtig für die Kinder. Viele fühlten sich laut Umfrage ihren Schulen stärker verbunden als andere Kinder.

Ausbildung: Berufsschul-Unterricht als große Herausforderung

1.327 Flüchtlinge gingen im Dezember in Sachsen in die Lehre. Fürs neue Lehrjahr hatten im Juli weitere 442 einen Platz. Laut IHK-Sprecher Lars Fiehler sind Vorurteile in den Belegschaften gegenüber Flüchtlingen häufig schnell abgebaut, wenn sie erst mal kennengelernt wurden. Mancher Chef habe gesagt, er wünsche sich den Elan seines afghanischen Lehrlings auch von den einheimischen. Doch der Berufsschulunterricht sei die größte Herausforderung für die Geflüchteten, vor allem vom zweiten Lehrjahr an. Dann stelle sich oft heraus, dass Sprachkenntnisse und Vorkenntnisse aus dem deutschen Schulsystem fehlten. 

Arbeitsagentur-Sprecher Frank Vollgold betont, dass die Agentur bei Schwierigkeiten an der Berufsschule Nachhilfeunterricht außerhalb der Arbeitszeit bezahle, als „ausbildungsbegleitende Hilfen“. Die lange Dauer der Lehre im dualen System ist für viele ausländische Bewerber dennoch eine Hürde. Vor allem für ältere Flüchtlinge, die in ihrer Heimat schon einen Beruf erlernt haben, ist ein Job mit Mindestlohn häufig attraktiver als drei Jahre Ausbildung mit Lehrlingsentgelt. Schweißlehrer Harald Mogel aus dem Bildungszentrum der Handwerkskammer Dresden wies daher bei Presseterminen darauf hin, dass statt einer kompletten Ausbildung auch Etappen wie eine Schweißerprüfung nützlich seien.

Qualifikation: Mehr als die Hälfte arbeitet auf Fachkräfte-Niveau

Können Flüchtlinge gegen den drohenden Fachkräftemangel helfen? Arbeitsagentur-Chefs haben häufig betont, Flüchtlinge seien zwar nicht die Fachkräfte von morgen, aber von übermorgen. Noch gebe es den Mangel ohnehin erst in wenigen Berufen, darunter Altenpfleger. Von den 9.645 beschäftigten Flüchtlingen in Sachsen werden 4.125 als „Helfer“ bezahlt, gelten also nicht als ausgebildete Fachkräfte. Das sind weniger als die Hälfte.

Doch mehr als die Hälfte wurde von den Arbeitgebern als Fachkraft, Spezialist oder Experte eingestellt. Entscheidend ist dabei nicht die mitgebrachte Qualifikation aus dem Heimatland, denn laut IHK-Sprecher Fiehler sind die Abschlüsse selten vergleichbar. Fiehler sagt: „Wer in der heißen Phase aus Aleppo geflohen ist, hat nicht unbedingt einen Ordner mit Bewerbungsunterlagen.“ 344 der Beschäftigten aus Fluchtländern in Sachsen haben das Niveau eines Meisters oder Technikers, 1.025 sind als Experten mit akademischem Wissen beschäftigt. 4.139 stehen als Fachkräfte in der Statistik der Arbeitsagentur. Dazu zählen aber auch die 1.327 Auszubildenden, die erst noch auf ihren Abschluss hinarbeiten.

www.asylinfo.sachsen.de

Dem fünfjährigen Jubiläum von Angela Merkels inzwischen berühmten Ausspruch "Wir schaffen das", widmet sächsische.de eine Serie: Wir schaffen das - fünf Jahre danach. Wie geht es Flüchtlingen in Sachsen? Was läuft immer noch falsch? Und: Haben wir es geschafft?

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