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Tausende haben schon gewählt

Die Zahl der Briefwähler im Landkreis Görlitz steigt. Wissenschaftler suchen nach Gründen. Einwohnermeldeämter haben da ihre Ideen.

Immer mehr Menschen entscheiden sich für die Briefwahl.
Immer mehr Menschen entscheiden sich für die Briefwahl. © Patrick Pleul/dpa

Ganz neu ist der Trend nicht. Schon bei den Kommunalwahlen am 26. Mai war die Zahl der Briefwähler im gesamten Landkreis sehr hoch. Doch jetzt, zur Landtagswahl an diesem Sonntag, setzt er sich nicht nur fort, sondern verstärkt sich noch einmal – und das überall im Kreis.

„Bis jetzt haben wir 8 00 Wahlscheine ausgegeben“, sagt Sylvia Otto von der Görlitzer Stadtverwaltung. Im Mai waren es 6 100 – bei 46 100 Wahlberechtigten. Zur Landtagswahl 2014 hingegen wurden lediglich 3958 Wahlscheine ausgegeben. Diese Zahl hat sich jetzt also mehr als verdoppelt. Zur Ursache, woran das liegen könnte, hat Sylvia Otto keine Antwort parat. Andere haben das schon, zum Beispiel Siegfried Schoof von der Stadtverwaltung Niesky: „Ich denke, viele Leute haben am Sonntag etwas anderes vor, wollen das schöne Wetter nutzen oder zum Nieskyer Stadtfest gehen.“ Hinzu komme, dass viele Leute bei der Kommunalwahl im Mai Schlange stehen mussten. „Das wollen sie sich nicht noch einmal antun und haben sich deshalb für die Briefwahl entschieden“, sagt Schoof. Unter 8 096 Wahlberechtigten gibt es in Niesky diesmal bisher 1 305 Briefwähler. „Bei anderen Wahlen waren es im Durchschnitt 950“, so Schoof.

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Urlaubszeit könnte Grund sein

In der Verwaltungsgemeinschaft Reichenbach, zu der auch Vierkirchen und Königshain gehören, haben sich bisher 943 von 6 415 Wahlberechtigten für die Briefwahl entschieden. Das sind besonders viele. Zur Kommunalwahl waren es 774. „Anfang September ist noch Urlaubszeit, das könnte der Hauptgrund sein“, sagt Catrin Richter vom Reichenbacher Einwohnermeldeamt. In Rothenburg und Hähnichen gibt es zusammen 5 700 Wahlberechtigte, davon haben bisher 530 per Brief gewählt. „Bei anderen Wahlen waren es 300 bis 350“, sagt Petra Ay vom Pass- und Meldewesen. Neben der Urlaubszeit vermutet sie bei den Bürgern auch ein besonders großes Interesse an der Landtagswahl.

Im Verwaltungsverband Weißer Schöps/Neiße, zu dem die Gemeinden Horka, Kodersdorf, Neißeaue und Schöpstal gehören, leben 6 772 Wahlberechtigte. Davon haben sich bisher 887 für die Briefwahl entschieden. „Das sind noch einmal mehr als bei der Kommunalwahl, wo die Zahl mit reichlich 700 schon recht hoch lag“, heißt es aus dem Einwohnermeldeamt. Ein Grund könnte sein, dass in den Gemeinden viele ältere Menschen leben. Für sie sei es bequemer, zu Hause zu wählen. Der Stimmzettel ist schließlich sehr groß, zu Hause können sie ihn sich in Ruhe durchlesen. In Markersdorf schließlich haben sich 529 von 3 228 Wahlberechtigten für die Briefwahl entschieden. Auch dort heißt es, dass es besonders viele seien, allerdings kennt hier keiner die Ursache.

So sehen die Stimmzettel aus: Wahlkreis 57 im Norden des Landkreises, ...
So sehen die Stimmzettel aus: Wahlkreis 57 im Norden des Landkreises, ... © Vorlage: Landkreis Görlitz
... und hier Wahlkreis 58 mit Görlitz, Reichenbach und umliegenden Dörfern. Allerdings sind die Stimmzettel noch viel länger: Insgesamt 19 Parteien und Wählervereine treten an.
... und hier Wahlkreis 58 mit Görlitz, Reichenbach und umliegenden Dörfern. Allerdings sind die Stimmzettel noch viel länger: Insgesamt 19 Parteien und Wählervereine treten an. © Vorlage: Landkreis Görlitz

In Löbau sind aktuell 1 616 Briefwähler zu verzeichnen, so Pressesprecher Marcus Scholz. Von über 12 000 Wahlberechtigten sei das ein beträchtlicher Anteil. In Zittau haben 2 030 Bürger Briefwahl beantragt, davon haben etwa 200 ihre Stimme direkt im Wahlscheinbüro abgegeben, sagt Thomas Mauermann von der Stadtverwaltung.

Inzwischen haben auch Politikwissenschaftler der TU Dresden das Phänomen Briefwahl untersucht und herausgefunden: Es handelt sich um einen allgemeinen Trend, die Kreuze zu Hause zu machen. „In unserer Gesellschaft nimmt der Anteil älterer Menschen zu, die weniger mobil sind“, sagt Dr. Christoph Meißelbach von der TU. Und: Die Menschen wollten flexibel bleiben, sich nicht auf den Wahltag festlegen.

Auch viele Parteien haben dazu aufgerufen, wählen zu gehen – am Wahltag oder schon vorher per Briefwahl. Sie hoffen auf eine hohe Wahlbeteiligung. Sie ist von 1990 (72,8 Prozent) bis 2014 (49,2 Prozent) fast jedes Mal zurückgegangen. Einzige Ausnahme war das Jahr 1999, wo sie um knapp drei Prozent höher lag als 1994. Jetzt hoffen die Parteien auf eine Trendwende – und darauf, dass wieder deutlich mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten tatsächlich ihre Kreuzchen setzt. Einige Parteien wollen die Ergebnisse dann auch gleich am Sonntagabend in Görlitz bejubeln oder beweinen – und laden zu Wahlpartys ein.

Unter anderem sind das CDU (ab 18 Uhr, Restaurant Da Vinci, Demianiplatz), AfD (ab 18 Uhr, Zeltgarten, Zittauer Straße), Bündnisgrüne (ab 17 Uhr, Café Kugel, Weberstraße) und Die Linke (ab 17 Uhr, Parteibüro, Schulstraße). CDU-Spitzenkandidat Michael Kretschmer wird den Wahlabend in Dresden verbringen, die Direktkandidaten Sebastian Wippel, Franziska Schubert und Mirko Schultze werden auf den Görlitzer Wahlpartys anwesend sein. „Ich lade aber später noch einmal alle ein, die mit mir in Görlitz feiern wollen“, verspricht Michael Kretschmer. (mit SZ/rok)

Die SZ begleitet den Ausgang der Landtagswahl am Sonntag, ab 18 Uhr, im Landkreis mit einem Live-Ticker.

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