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Freital

Tauziehen auf dem Freitaler Neumarkt

Die Stadt hat bei Olaf Stoy eine Skulptur aus Bronze bestellt. Schon über den Entwurf wird kontrovers diskutiert. Doch der Künstler hat eine Antwort.

Olaf Stoy arbeitet in seinem Atelier in Dorfhain an der Skulptur „Tauziehen“ für den Neumarkt in Freital.
Olaf Stoy arbeitet in seinem Atelier in Dorfhain an der Skulptur „Tauziehen“ für den Neumarkt in Freital. © Egbert Kamprath

Was für ein Gezerre: Sechs Menschen hängen an einem Seil, drei auf jeder Seite, und versuchen, den Widerstand der anderen Gruppe zu brechen. Hin und her geht es, der eine hat seinen Fuß bereits über der Linie, da kniet sich die Nummer drei am langen Ende noch mal richtig rein, um die Niederlage zu verhindern. Die beiden vor ihm tragen derweil einen internen Zwist aus, der Mittlere flüstert dem Vordermann irgendetwas ins Ohr, was diesem sichtlich nicht schmeckt. Gegenüber wird nicht gestritten, dafür geht es eher theatralisch zu. Während die Hinterbänkler ziehen wie verrückt, tut Nummer eins nur so als ob, obwohl sie beinahe waagerecht am Seil hängt, den Mund weit offen.

„Das wird eine schöne Vogeltränke“, sagt Olaf Stoy und lacht, während er mit einem Spatel letzte Hand an seine rund anderthalb Meter lange und fünfzig Zentimeter hohe Skulptur legt. „Tauziehen“ heißt die Figurengruppe, die derzeit in Dorfhain im Atelier des Porzellankünstlers entsteht. Allerdings arbeitet der 60-jährige Rabenauer diesmal nicht mit Porzellan, sondern mit Ton. Aber auch das ist nur ein Zwischenzustand: Am 23. September, sagt Olaf Stoy, soll das Modell in die Kunstgießerei Gebrüder Ihle in Dresden transportiert und dann in Bronze gegossen werden.

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Mit Metall arbeitet Olaf Stoy sehr selten. Als Ihle noch in Rabenau war, hat er gelegentlich kleine Objekte gießen lassen. „Eine so große Bronze aber habe ich noch nie gemacht“, sagt er. Das „Tauziehen“ ist ein Auftragswerk der Stadt Freital, die damit den Neumarkt schmücken will. Die Skulptur soll im Herbst auf einem neunzig Zentimeter hohen Sockel unter der Pergola aufgestellt werden, die den Parkplatz von der Wiese Richtung Weißeritz trennt.

Aus Richtung Dresdner Straße gesehen, wird dahinter eine Wand aus Beton als Sichtblende gebaut, damit sich die Figuren nicht im Hintergrund verlieren. Auf der Rückseite sollen Pläne aus den Zwanzigerjahren gezeigt werden, wie der Neumarkt bebaut werden sollte. Unter anderem mit einem Rathaus und unterm Windberg mit einem Krematorium. Weltwirtschaftskrise und Zweiter Weltkrieg verhinderten die Umsetzung, nur zwei Gebäude wurden gebaut, Freital blieb ohne Zentrum.

Olaf Stoy musste nicht lange überlegen, ob er den Auftrag annimmt. Immerhin hatte er fünf Jahre lang im Technologiezentrum seine Werkstatt und den Neumarkt ständig im Blick. Im Frühsommer ist er ins Georado in den Tharandter Wald gezogen, dort entsteht nun seine Reminiszenz an die Stadt Freital. Das Thema war ihm schnell klar: „Vieles in unserem Leben ist ein Tauziehen, gerade auch in der Politik, wo es mal nach links und mal nach rechts geht“, sagt Stoy. Das ist in der Welt nicht anders als in Freital. Außerdem ist Tauziehen ein Sport für alle Menschen, da gibt es seit 1975 sogar Weltmeisterschaften.

Ein Tauziehen im übertragenen Sinne, besonders auf politischer Ebene, kann Olaf Stoy in diesen Tagen hautnah in der Türkei studieren. Der Künstler nimmt am Art Event Otonom in Istanbul teil, einem Projekt der Metallwerkstatt Tacheles mit mehr als einhundert Künstlern. Otonom findet begleitend zur Contemporary Istanbul und zur 16. Istanbul Biennial statt. Stoy, eingeladen von dem türkischen Bildhauer Hüseyin Arda, der in Berlin, Istanbul und Dorfhain lebt und arbeitet, hat in der Metropole am Bosporus für eine Woche ein Quartier in der Pop-Up-Gallery, wo er Kleinplastiken zeigt. Darunter ist ein rundes Porzellanrelief des Lächelns der Mona Lisa, eine Hommage an Leonardo da Vinci, der im Mai seinen fünfhundertsten Todestag hatte.

Das Relief ist so neu, dass es keinen Eingang mehr in sein neues Buch fand. In „summa 2“ fasst Olaf Stoy seine plastischen Arbeiten von 2015 bis 2019 zusammen, ergänzt um eigene Texte. Die Broschüre hat er mit in die Türkei genommen, es ist eine ansprechende Werbung für seine Kunst. Freilich bleibt er skeptisch, ob sich dort überhaupt einer für seine Objekte aus Porzellan interessiert. Aber das weiß er natürlich nie, wie er auch nicht weiß, ob die Freitaler sein „Tauziehen“ gut finden werden.

Immerhin gibt es von Besuchern, die sein Tonmodell in Dorfhain sahen, schon erste Bemerkungen dazu. Unter anderem wurde kritisiert, dass es nur Männer seien, die da am Seil ihre Kräfte messen, da müssten doch auch Frauen dabei sein. Olaf Stoy zog seinen Kopf ganz diplomatisch aus der Schlinge des Genderwahns: „Ich habe Figuren geformt, die haben kein Geschlecht.“

www.olafstoy.de

www.facebook.com/Otonomistanbul

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