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Teigwaren-Arbeitskampf erscheint als Buch

Mit harten Bandagen war in Riesa um einen Tarifvertrag gekämpft worden. Während dieses Kapitel nun abgeschlossen ist, geht es anderswo weiter.

Mit einem halben Dutzend Streiks hatten Mitarbeiter der Teigwaren Riesa für einen Tarifvertrag gekämpft. Mittlerweile ist er unterschrieben - und der Arbeitskampf wurde zum Thema eines Buchs.
Mit einem halben Dutzend Streiks hatten Mitarbeiter der Teigwaren Riesa für einen Tarifvertrag gekämpft. Mittlerweile ist er unterschrieben - und der Arbeitskampf wurde zum Thema eines Buchs. © Sebastian Schultz

Riesa. Mittlerweile läuft sie wieder, die Produktion: Die Corona-Krise hatte den Teigwaren Riesa einen abrupten Absatzschub beschert, das hallengroße Warenlager war zum ersten Mal seit Jahren auf einen Schlag wie leer gefegt. Und auch jetzt versprechen der Trend zum Urlaub im eigenen Land, zum Zelten und Campen gute Absatzzahlen für Nudeln aus Riesa.

Von all dem war vergangenes Jahr noch nichts zu ahnen: Da wurde dort um einen Tarifvertrag gekämpft, mit mehrfachen Streiks, zähen Verhandlungen, gegenseitigen Vorwürfen. Wie Belegschaft, Gewerkschaft und Unternehmen um eine Lösung rangen, davon erzählt jetzt ein Buch. Es erinnert an das erste heimliche Treffen von Teigwaren-Mitarbeitern und Gewerkschaft im Mai 2018, das im Döbelner McDonalds stattfand.

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Damals waren ganze vier Kollegen in der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Die hatten herausgefunden, dass ihre Kollegen beim Schwester-Unternehmen Albgold in Schwaben 800 Euro mehr als in Riesa verdienen - für die gleiche Arbeit. Drei Monate später steht die erste Betriebsratswahl an, das hatte es bei den Teigwaren seit der Wendezeit nicht mehr gegeben. Im September 2018 ist bereits jeder Zweite der Mitarbeiter NGG-Mitglied, im Oktober tritt der 100. Kollege ein.

Das Erfolgsrezept aus Sicht der Gewerkschaft sind dabei persönliche Ansprachen, auch "ein bisschen Schubsen und Drängeln", keine politischen Grundsatzvorträge: Am Ende sind mehr als 120 Mitarbeiter in der Gewerkschaft, 85 Prozent der Belegschaft. Sie fordern Nachtzuschläge, einen Lohn von mehr als zehn Euro die Stunde, mehr Weihnachtsgeld, mehr Urlaub, bessere Schichtpläne. 

Wenig später kommt der erste Warnstreik, weil die Geschäftsleitung nicht mit "Dritten" - gemeint ist die Gewerkschaft - verhandeln will. Am Anfang bleibt es bei zwei Stunden Streik, daraus werden bald vier Stunden, im Januar 2019 erstmals 24 Stunden. Da hatte die Geschäftsleitung bereits erklärt, eine siebenprozentige Lohnerhöhung auch ohne Tarifvertrag umzusetzen.

Doch die Gewerkschaft erhöht weiter den Druck: Binnen weniger Tage kommen weitere jeweils 24-stündige Warnstreiks, ein sechster Warnstreik wird kurzfristig abgesagt, nachdem Geschäftsleitung und NGG aufeinander zugehen.

Doch die Entspannung ist von kurzer Dauer: Nachdem das Unternehmen ankündigt, das Nudelcenter aus wirtschaftlichen Gründen ausgliedern zu wollen, folgen zwei weitere ganztägige Warnstreiks. Zwischenzeitlich schaltet die Unternehmensleitung das Arbeitsgericht ein, um einen weiteren Streik zu verhindern: Allein ein 24-stündiger Streik würde zu einem wirtschaftlichen Schaden von 300.000 Euro führen.

56 Seiten hat das gebundene Buch über den Riesaer Arbeitskampf, das von der Gewerkschaft NGG herausgegeben wurde. Es ist auch komplett online erhältlich.
56 Seiten hat das gebundene Buch über den Riesaer Arbeitskampf, das von der Gewerkschaft NGG herausgegeben wurde. Es ist auch komplett online erhältlich. © NGG

Bei einer Urabstimmung stimmen 96 Prozent im April 2019 für einen unbefristeten Streik - worauf Bewegung in die Sache kommt: Ein Manteltarifvertrag wird unterzeichnet, was eigentlich mit einem Fest gefeiert werden soll. Das fällt aber aus, als die geplante Ausgliederung des Nudelcenters bekannt wird. Beide Seiten verhandeln über einen Rahmen- und Entgelttarifvertrag, für die nächsten Monate gilt deshalb eine Friedenspflicht.

Gleichzeitig wechseln bei den Teigwaren die Geschäftsführer: Teilten sich bis 2018 noch Irmgard Freidler und Sohn Oliver Freidler von der Eigentümerfamilie die Geschäftsführung, folgt dann ein externer Geschäftsführer, der nur zwei Monate bleibt. Dann steht Irmgard Freidler wieder im Handelsregister, bevor im April 2019 der andere Sohn André in die Geschäftsführung eintritt und seit Februar 2020 durch Mike Hennig ergänzt wird.

Mittlerweile ist nun der erste Tarifvertrag der Firmengeschichte unterschrieben: die Mitarbeiter erhalten 100 bis 200 Euro mehr im Monat, Schichtzulagen, drei Tage mehr Urlaub, besseres Weihnachtsgeld. Der jetzige Tarif gilt bis zum Sommer 2021 - dann werde man weiter sehen, heißt es vom Betriebsrat.

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Und während bei den Teigwaren jetzt wieder Ruhe eingekehrt ist und man sich der Produktion Riesaer Spezialitäten widmet, kamen die Streikwesten, Trillerpfeifen, Transparente jetzt in anderen Unternehmen der Region zum Einsatz: Aktuell verhandelt die NGG mit den Betreibern des Riesaer Ölwerks und mit Frosta in Lommatzsch.

Das komplette Buch findet sich online.

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