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Terrazzo aus dem Kuhstall

Flexibilität im Berufsleben ist nicht erst seit heute wichtig, sie war es auch schon vor über 50 Jahren. Ruth Klugmann kann ein Lied davon singen. Die 75-Jährige und ihr Mann Rudolf wohnten damals in Kamenz, Rudolf Klugmann arbeitete als Fleischer.

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Von Melanie Ermscher

Flexibilität im Berufsleben ist nicht erst seit heute wichtig, sie war es auch schon vor über 50 Jahren. Ruth Klugmann kann ein Lied davon singen. Die 75-Jährige und ihr Mann Rudolf wohnten damals in Kamenz, Rudolf Klugmann arbeitete als Fleischer. Und eigentlich sollte es auch dabei bleiben. Doch in der Nachkriegszeit lief vieles nicht so wie geplant. Rudolf Klugmann musste umlernen, wurde im Betrieb seines Vaters Ernst 1949 Ofenbaumeister und schließlich auch neben seinem Bruder Walter dritter Teilhaber der Firma.

„Aber dann kam das Jahr 1952“, erinnert sich Ruth Klugmann. Eine erneute Umorientierung stand ins Haus: „Die Steuern wurden hochgesetzt, es wurden uns die Lebensmittelkarten entzogen.“ Drei Teilhaber einer Firma waren nicht mehr gestattet. Die Ereignisse, die im Volksaufstand vom 17. Juni 1953 endeten, ließen dem Ehepaar keine Wahl: Rudolf Klugmann musste aus dem Unternehmen aussteigen.

Es begann die Suche nach einem Sitz für die eigene Firma. Schließlich ließ sich das Ehepaar 1953 in Elstra nieder: Rudolf Klugmann gründete in der Straße der Befreiung, in der ehemaligen Töpferei Barchmann, ein Fachgeschäft für Ofenbau und Fliesenverlegung. Zwölf Beschäftigte zählte der Betrieb bei seiner Gründung. 1957 wurde dieser um die Herstellung, den Verkauf und die Verlegung von Terrazzoplatten erweitert.

Abermals umziehen musste die Firma 1961, diesmal jedoch mit einem erfreulichen Hintergrund: Rudolf Klugmann kaufte das Grundstück in der Pfarrgasse 11, wo bis heute der Sitz des Unternehmens ist. Umfangreiche Renovierungs- und Umbauarbeiten standen an: „Der ehemalige Kuhstall wurde umfunktioniert zum Produktionsraum für Terrazzoplatten“, erinnert sich Ruth Klugmann. „Ich war dicke in der Produktion dabei, habe die Platten mit Zementschlemme gespachtelt und außerdem auch die Buchhaltung gemacht.“ 1976 modernisierte die Firma ihre Produktionstechnik, „da fiel mein Spachteln weg“, sagt Ruth Klugmann.

Ihr Sohn Ernst-Otto, der in der Firma Ofenbaumeister gelernt und ein Fernstudium zum Ingenieur-Ökonom absolviert hatte, übernahm 1981 das Geschäftsfeld Ofenbau von seinem Vater. Als dieser 1984 verstarb, übernahm zunächst Ruth Klugmann die Leitung der Firma, später ihr Sohn Ernst-Otto. Da Schwiegertochter Gisela in ihrem Beruf als Grundschullehrerin weiter arbeitete, half Ruth Klugmann aber in der Firma weiter mit. 1990 stellte das Unternehmen die Terrazzoherstellung ein. Nach der Wende war statt Ofenbau vor allen Dingen Fliesenverlegung gefragt. Die letzte große Änderung war die Umwandlung des Einzelunternehmens 1993 in die Fliesenfachgeschäft Ernst-Otto Klugmann GmbH.

Aktuell zählt die Firma 40 Mitarbeiter. Auch wenn Gisela Klugmann angesichts der wirtschaftlichen Lage sagt: „Heute geht es darum, den Kopf aus dem Wasser zu halten“, soll die Feier zum 50-jährigen Bestehen heute Abend dennoch ein großes Ereignis werden.