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Selbsttest: So funktioniert die Corona-Warn-App

Mitmachen oder nicht? Die digitale Kontaktverfolgung ist umstritten. Wir haben die App einige Tage lang ausprobiert.

SZ-Redakteur Andreas Rentsch hat die Corona-App ausprobiert.
SZ-Redakteur Andreas Rentsch hat die Corona-App ausprobiert. © Jürgen Lösel

Nicht gemeckert ist genug gelobt: Als die Corona-Warn-App vergangene Woche vorgestellt wurde, hatte nicht einmal der Chaos Computer Club etwas an ihr auszusetzen. Inzwischen haben über zwölf Millionen Menschen in Deutschland die App heruntergeladen. Viele sind aber nach wie vor skeptisch. Zu Recht? Ein Selbstversuch.

Tag 1

Um die Corona-Warn-App installieren zu können, muss ich zunächst das Betriebssystem meines vier Jahre alten Smartphones aktualisieren. Die Installation der App dauert keine fünf Minuten. Deutlich länger brauche ich zum Lesen der Datenschutzerklärung, die mehr als zehn A4-Seiten füllt.

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Danach aktiviere ich die Funktion „Risikoermittlung“ und das „Covid-19-Kontaktprotokoll“. Ab jetzt fungiert mein iPhone als eine Art mobiler Bluetooth-Leuchtturm. Im Abstand von maximal fünf Minuten funkt es zufällig erzeugte Identifikationsnummern (ID) in die Umgebung. Parallel versucht es, Signale von anderen Smartphones mit der Corona-Warn-App zu empfangen. Sollte mir ein anderer Nutzer über einen gewissen Zeitraum näher als zwei Meter kommen, tauschen unsere Geräte ihre IDs aus. Falls sich dieser Nutzer in den nächsten Tagen infiziert und das in der App vermerkt, bekäme ich eine Warnung – und umgekehrt.

Wie gut das Schätzen von Entfernungen via Bluetooth in der Praxis funktioniert, muss sich allerdings erst noch zeigen. Bei letzten Testreihen seien 80 Prozent der Begegnungen korrekt erkannt worden, hat SAP-Vorstand Jürgen Müller bei der App-Premiere am 16. Juni gesagt. Mit anderen Worten: Auf die Warn-App ist nicht immer Verlass. Nicht so schlimm, meint das Robert-Koch-Institut (RKI): Die App sei ja nur ein Baustein von vielen im Kampf gegen Sars CoV-2 – genauso wie Händewaschen, Abstand halten und Mund-Nase-Bedeckungen. Leider erlebe ich die Realität anders. Als ich am frühen Nachmittag einen Döner-Imbiss betrete, bin ich der Einzige mit Alltagsmaske. Selbst das Ladenpersonal verzichtet auf diesen Schutz.

Tag 2

Irgendwann bemerke ich, dass ich vergessen habe, Bluetooth einzuschalten. Die Macht der Gewohnheit: Wie jeden Abend hatte ich vorm Zubettgehen mein Smartphone über das iOS-Kontrollzentrum in den Flugmodus versetzt. Nach dem Aufstehen aktiviere ich dann nur die mobilen Daten und WLAN. Auf einem Fachportal lese ich später, dass das Kontaktprotokoll dabei gar nicht abgeschaltet war. Dafür hätte ich Bluetooth in den Systemeinstellungen komplett deaktivieren müssen. Puh. Doch nichts falsch gemacht. Um 12.36 Uhr erscheint ein grün unterlegter Hinweis in der App. „Niedriges Risiko“, steht da. „Bisher keine Risikobegegnung.“

Irgendwie fühlt es sich seltsam an, die App laufenzulassen. Galt Bluetooth nicht als anfällig für Hackerangriffe? Tatsächlich, so Katja Henschler von der Verbraucherzentrale Sachsen, sei Bluetooth immer wieder Ziel von Attacken gewesen. „Das betraf zum Beispiel vernetztes Spielzeug.“ IT-Fachleute betonen aber, dass der für die Corona-App verwendete Standard Bluetooth Low Energy (LE) von diesen Problemen nicht betroffen sei. Bleibt noch die Frage nach dem Strombedarf. Hier erklären die App-Entwickler, Bluetooth LE sei sehr sparsam und keinesfalls mit „normalem Bluetooth“ zu vergleichen. Schau’n wir mal.

Tag 3

Wieder keine längeren Begegnungen. Ich gehe zum Einkaufen, bringe meinen Sohn in die Kita und hole ihn wieder ab. Die übrige Zeit verbringe ich im Home Office. Gegen Mittag kommt die tägliche Statusmeldung. Alles im grünen Bereich. Erst am Abend erhöhe ich mein persönliches Risiko, indem ich zur Geburtstagsfeier meines Bruders fahre. Signifikant höheren Stromverbrauch durch permanentes Bluetooth kann ich bisher nicht feststellen. Dafür aber etwas anderes: In den Systemeinstellungen des iPhones gibt es eine Liste, die die Batterienutzung pro App ausweist. Heutiger Spitzenreiter ist Twitter, danach folgt Apples Health-App mit dem Covid-19-Kontaktprotokoll. Was das bedeuten mag? Die Corona-Warn-App selbst zählt dagegen nicht zu den großen Akkufressern.

Bemerkenswert finde ich die wachsende Verbreitung. Meldete das RKI gestern 6,5 Millionen Downloads für Android und iOS, sind es heute 9,6 Millionen. Das ist erstaunlich viel Vertrauensvorschuss für die App. Eine spontane Mail-Umfrage unter Verwandten, Bekannten, Freuden und Kollegen ergibt ein anderes Bild: Kaum einer nutzt die App schon. Einige Ältere meinen, sie hätten kein geeignetes Smartphone oder ihren Aktionsradius noch so stark eingeschränkt, dass ihnen die App nichts bringe. Andere meiden Google-Dienste und verzichten damit auf den Zugang zur Android-App. Wieder andere sind skeptisch und wollen „erste Erfahrungen abwarten“.

Fragen wie „Warum installierst du die App nicht?“ könnten künftig im Freundes- oder Kollegenkreis häufiger gestellt werden, meint Verbraucherschützerin Henschler. Damit drohe eine Stigmatisierung all jener, die die App nicht installieren wollen. Vertreter des Deutschen Anwaltvereins fordern inzwischen ein Gesetz, um zu verhindern, dass die App irgendwann Zugangsvoraussetzung fürs Restaurant oder zur Bedingung fürs Diensthandy wird.

Tag 4

Auch heute: keine Warnmeldung. Aber was passiert eigentlich, wenn ich tatsächlich jemandem begegnet bin und den rot unterlegten Risikohinweis erhalte? Eine Sprecherin des Sächsischen Sozialministeriums erklärt mir, dass ich dann Anspruch auf einen Corona-Test hätte – entweder beim Hausarzt oder bei einem Testarzt, der mir unter der Nummer 116117 genannt würde. Im Einzelfall wäre auch die Testung durchs Gesundheitsamt möglich.

Falls der Test positiv ausfällt, kann ich das Ergebnis in die Corona-Warn-App einspeisen, um meine Kontakte nachträglich zu warnen. Dazu braucht es noch einen QR-Code auf den Unterlagen oder eine TAN. Das Problem: Laut RKI sind viele Testlabore noch nicht digital an die App angebunden. In diesem Fall müsste ich eine RKI-Hotline anrufen, um die TAN zu bekommen. Klingt umständlich – und gilt auch als datenschutzrechtlich heikel.

Nachdem ich am frühen Nachmittag meinen Risikostatus gecheckt habe, schaue ich auf dem Twitter-Profil des RKI nach den Downloadzahlen: 10,6 Millionen. „Das wird aber nix mehr mit 50-60 Prozent der Nutzer“, spottet ein offensichtlicher Gegner der App.

Tag 5

Unser lange geplanter Sommerurlaub im Ausland fällt aus. Stattdessen werden wir Ende Juli eine Woche in unserem Kleingarten verbringen. Also schwinge ich schon mal die Sense durchs kniehohe Gras. Von den Nachbarn lässt sich niemand blicken. Mein Smartphone vermeldet das Übliche: „Niedriges Risiko“. Wie oft wurde eigentlich schon das Protokoll mit den Zufalls-IDs gecheckt? Ich schaue in den Systemeinstellungen nach. Fehlanzeige: „In den letzten 24 Stunden 0-mal überprüft.“

Was wäre eigentlich gewesen, wenn wir ins Ausland gefahren wären? Grundsätzlich, erklärt mir Verbraucherschützerin Katja Henschler, lasse sich die App auch in den Nachbarländern einsetzen. „Technisch ist das aber bisher nicht umgesetzt.“ Einige Wochen dürfte es noch dauern, bis die deutsche Corona-Warn-App auch in Österreich, der Schweiz oder Italien funktioniert. Schwieriger wird das mit Frankreich. Denn die Regierung in Paris hat entschieden, Nutzerdaten zentral zu speichern. Deutschland und viele andere Länder setzen dagegen auf einen dezentralen, datenschutzfreundlicheren Ansatz.

Tag 6

Vormittags steht ein Arztbesuch an. Zum Glück sitze ich nur zehn Minuten im Wartezimmer. Alle Mitpatienten tragen Masken. Das RKI meldet 11,8 Millionen Downloads, mein Risikostatus ist nach wie vor niedrig. Auf Twitter diskutieren die Leute, warum sich noch kein einziger App-Nutzer als infiziert gemeldet hat. Eine offizielle Erklärung gibt es dafür noch nicht. 

Nur wenige Tage werden doch die ersten App-User alarmiert. Nach Informationen des Spiegel hat die Software gut eine Woche nach Einführung die ersten Kontaktpersonen informiert, nachdem sich etwa zwei Dutzend Nutzer als infiziert registriert hatten. 

Fazit

Die App lässt sich leicht installieren und handhaben. Deutlich höherer Stromverbrauch durch Bluetooth ist bisher nicht festzustellen. Ob die App das leistet, wozu sie entwickelt wurde, bleibt erst mal offen.

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Nachtrag: Inzwischen haben erste Nutzer ihre Corona-Infektion in der App gemeldet. Damit werden erstmals Warnungen an andere Nutzer ausgespielt.

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