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Teuflische Pilze und kein Ende

Wegen einer kleinen Formalie muss sich das Landgericht nun wieder ein etwas bizarres Drogenverfahren vornehmen. 

Blick auf den Eingang des Dresdner Landgerichts
Blick auf den Eingang des Dresdner Landgerichts © Symbolfoto: Fabian Deicke

Es begann mit Brandgeruch in einem Wohnhaus in der Bautzner Straße im Oktober 2017 – und noch immer beschäftigt diese Nacht die Dresdner Justiz. In der Neustädter Einraumwohnung hat „jemand“ am offenen Fenster mithilfe eines Holzkohlegrills Pilze getrocknet. Dabei handelte es sich jedoch nicht um einen kleinen Snack, um ein Tofu-Würstchen aufzuwerten, sondern ganz offensichtlich um die Herstellung von halluzinogenen Drogen. Von dem Holzkohleduft aufgeschreckte Nachbarn hatten die Feuerwehr alarmiert, weil sie einen Brand im Haus befürchtet hatten. Die Einsatzkräfte mussten die Tür eintreten, weil niemand die verdächtige Wohnung im ersten Stock geöffnet hatte. Drin gab es nichts zu löschen. Der Grill stellte keine Gefahr da. Offensichtlich jedoch könnte jemand fluchtartig aus dem Fenster gesprungen sein.

Dafür sprachen nicht nur die Pilze auf der qualmenden Glut, sondern auch noch weitere Funde. Als die Polizei in der karg eingerichteten Wohnung nach einer Adresse des Mieters suchte, um ihn über den Einsatz und die demolierte Tür in Kenntnis zu setzen, öffneten sie zwei Koffer. Auch darin gab es keinen Hinweis auf den Wohnungsinhaber, doch einige Kilo Haschisch. Die Beamten mussten daher die Wohnung über Nacht bewachen, erst am nächsten Morgen kamen dann die Kollegen vom Drogenkommissariat und stellten die Wohnung vollends auf den Kopf. Sie fanden mehr als fünf Kilo Haschisch, 250 Gramm Kokain und 180 Gramm Pilze.

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Kaum sind die ersten Meter zurückgelegt, ertönt lautstark diese Frage. Denn so schön das Wandern ist, ohne Picknick ist der Spaß nur halb so groß.

Über dort sichergestellte DNA-Spuren kam die Polizei auf einen 29-jährigen Algerier, Miloud B., der in der Nähe wohnte. Er wurde im Juni 2018 am Landgericht Dresden wegen Handels mit Drogen und Fahrens ohne Fahrerlaubnis zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren und sieben Monaten verurteilt. Doch die Entscheidung hielt den Anforderungen des Bundesgerichtshofs (BHG) nicht stand. In dem Revisionsverfahren kritisierten die Richter, dass die Kammer in ihrer schriftlichen Urteilsbegründung nicht auf die Einzigartigkeit der dem Angeklagten zugeordneten DNA-Spur eingegangen sei. Die Sache wurde im November 2018 zur erneuten Verhandlung an das Landgericht zurückgewiesen.

Verteidiger Karsten Brunzel forderte zum Auftakt des zweiten Verfahrens, dass die Kammer erneut zu prüfen habe, ob die Durchsuchung der Wohnung rechtens war. Entscheidend sei, was die Zeugen heute dazu aussagen, so Brunzel, nicht was sie damals gesagt hatten. Die aus Sicht der Verteidigung widerrechtliche Durchsuchung war schon im ersten Verfahren ein Thema. Dem widersprach jedoch der Staatsanwalt entschieden. Die BGH-Richter hätten in ihrer Entscheidung ausdrücklich festgestellt, dass die bei der Durchsuchung sichergestellten Spuren keinem Beweisverwertungsverbot unterlägen.

Das Gericht war schon froh, dass der Prozess überhaupt beginnen konnte. Denn das Oberlandesgericht hatte den Angeklagten im Mai aus der Untersuchungshaft entlassen – wegen überlanger Verfahrensdauer. Trotz der drohenden Straferwartung ist Miloud B. jedoch nicht geflüchtet.

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