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Teure Klospülung

Die Einwohner müssen sehr viel bezahlen, um ihr Abwasser zu entsorgen. Zu viel, sagen sie und gründeten eine Bürgerinitiative.

Von Mandy Schaks

Seyde, hoch oben im Osterzgebirge, ist ein beschaulicher Ort. Doch die Idylle wird getrübt – durchs Dreckwasser. Das machen notgedrungen auch die rund 160 Einwohner des Ortsteiles von Hermsdorf/Erz. Aber sie wissen nicht so recht, wohin damit und wer das alles noch bezahlen soll. Und jeden Tag wird die Sorge größer.

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Denn bis Ende nächsten Jahres müssen auch sie nachweisen, dass sie ihr Abwasser ordnungsgemäß und nach allen Regeln der Technik entsorgen. Da der für den Ort zuständige Wasserzweckverband Freiberg für Seyde eine dezentrale Lösung favorisiert, bleibt den Grundstückseigentümern nur, Kleinkläranlagen vollbiologisch umzurüsten bzw. zu bauen. Oder abflusslose Gruben zu errichten bzw. so zu sanieren, damit sie absolut wasserdicht sind. Seyde ist aber nicht ein Ort wie jeder andere. Das macht eine Lösung des Problems schwierig und sagenhaft teuer. Denn das Gebirgsdorf liegt im Trinkwasserschutzgebiet des Talsperrensystems Klingenberg-Lehnmühle. Damit Hunderttausende Menschen aus diesen Speichern täglich sauberes Nass bekommen, müssen sich die Seyder an strenge Auflagen halten.

Was das bedeutet, erklärt Marion Rast, die Referatsleiterin für Gewässerschutz im Landratsamt. So dürfe das gereinigte Abwasser nicht direkt ins Gewässer eingeleitet werden. „Es muss über entsprechende Anlagen ins Grundwasser versickert werden“, erläutert sie. Aber auch das ist in Seyde nicht so einfach, wenn nicht gar unmöglich. Denn der Ort ist auch nicht ans zentrale Trinkwassernetz angeschlossen und versorgt sich über Hausbrunnen. Die dürfen natürlich nicht verschmutzen. Das bedeutet weitere Einschränkungen, sodass laut Landratsamt in vielen Fällen die ordnungsgemäße Abwasserentsorgung nur durch abflusslose Gruben infrage kommt. Das hat aber schon heute seinen Preis und treibt die Seyder inzwischen auf die Barrikaden. Um sich Gehör zu verschaffen, haben sie vor knapp einem Jahr eine Bürgerinitiative gegründet. Denn sie glauben inzwischen, sie wurden da oben auf dem Kamm vergessen und werden im Stich gelassen.

Ralf Bernhard gehört dazu. Er sagt: „Die Gebühren für die dezentrale Entsorgung des Abwassers sind auf ein unerträgliches und unzumutbares Niveau gestiegen“. Die Seyder fühlen sich massiv benachteiligt. Wenn sie das häusliche Abwasser aus abflusslosen Sammelbehältern entsorgen lassen, kostet sie das bereits heute 21,07 Euro pro Kubikmeter, also etwa das Fünffache gegenüber einer zentralen Lösung. Durchschnittlich fallen im Wasserzweckverband Freiberg nach eigenen Angaben 25 Kubikmeter Abwasser pro Einwohner und Jahr an. Hochgerechnet muss eine vierköpfige Familie in Seyde 2 107 Euro jährlich berappen. Und das wird künftig nicht reichen, ist Ralf Bernhard klar. „Denn dann muss alles Abwasser eingeleitet werden“, sagt er. Noch seien manche Gruben undicht. „Wir sterben dann an den Gebühren.“

Die Seyder, so betont Bernhard, sind durchaus bereit, für sauberes Wasser zu sorgen. Nur bezahlbar müsse die Lösung sein. Sie fordern den Anschluss an die zentrale Entsorgung und bessere Fördermöglichkeiten. Die Bürgerinitiative hat inzwischen auch eine Petition an den Landtag geschrieben. Eine Antwort steht noch aus. Die Vorzeichen sehen aber nicht gut aus.

Es gibt ein Abwasserbeseitigungskonzept, das von den Mitgliedern des Wasserzweckverbandes 2010 beschlossen wurde und eine dezentrale Lösung in Seyde vorsieht – beraten mit Gemeinde und Behörden. Daran kann sich der Geschäftsführer des Verbandes Christian Neubert genauso erinnern wie die CDU-Landtagsabgeordnete Andrea Dombois, die ebenfalls um Hilfe gebeten wurde. „Für die Betroffenen tut es mir sehr leid“, sagt Neubert ehrlich. Doch er sieht keine andere Chance. Eine zentrale Lösung würde rund 2,6 Millionen Euro kosten. Das sei gemessen an der geringen Einwohnerzahl nicht wirtschaftlich. Das sehe die Landesdirektion Sachsen auch so, weiß Andrea Dombois. Sie kann sich nur vorstellen, dass der Verband vielleicht zu einem Solidarpreis findet für zentrale und dezentrale Entsorgung. Doch Neubert winkt ab. Das werde von der Solidargemeinschaft nicht mitgetragen, sagt er.