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Textilbranche setzt auf Zuwanderer

Lehrstellen und Arbeitsplätze bleiben frei. Firmen finden keine Fachleute – und schauen auch nach Asien.

Der Großröhrsdorfer Textil-Unternehmer Andreas Thieme hat Abdul Maruf Tajik und einen weiteren jungen Mann aus Afghanistan eingestellt. Allerdings legt die Bürokratie Steine in den Weg.
Der Großröhrsdorfer Textil-Unternehmer Andreas Thieme hat Abdul Maruf Tajik und einen weiteren jungen Mann aus Afghanistan eingestellt. Allerdings legt die Bürokratie Steine in den Weg. © René Plaul

Großröhrsdorf. Der Rat der Oma ist schon wichtig – aber immer hat sie auch nicht recht. Zum Beispiel, wenn sie dem Enkel von einer Ausbildung und Arbeit in der Textilbranche abrät. Geschäftsführer Peter Werkstätter vom Verband der Nord-Ostdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie (VTI) kann durchaus verstehen, warum ältere Oberlausitzer so reden. Sie haben nach 1990 den Niedergang der Textilbetriebe miterlebt.

Aber der Branche geht es wieder gut, von einem drohenden Absturz kann keine Rede sein. Eher von neuen Nöten. Zum Beispiel von der Not, freie Stellen zu besetzen. Diese Sorge teilen die Chefs von Textilbetrieben mit vielen Kollegen praktisch aller Branchen. Bautzens Landrat Michael Harig (CDU) fasste das am Mittwoch beim jährlichen Branchentag der Lausitzer Textil- und Bekleidungsindustrie in Zahlen: Bis 2030 gehen im Landkreis doppelt so viele Arbeitnehmer in den Ruhestand, wie junge nachwachsen. Wenn die hiesigen Firmen weiter auf dem Markt bestehen wollen, werden sie früher oder später um die Einstellung von Ausländern gar nicht umhinkommen: „Das ist kein Wollen, sondern ein Müssen.

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Für Jobs in der Textil- und Bekleidungsindustrie hat der Branchenverband VTI schon eine Werbekampagne im Inland gestartet – mit mäßigem Erfolg, wie Peter Werkstätter berichtete. „Es gibt mal einen oder zwei Bewerber für eine Lehrstelle, aber das reicht einfach nicht aus. Viele Ausbildungs- und Arbeitsplätze bleiben unbesetzt.“

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Gravierender Fachkräftemangel

Andreas Thieme kann das bestätigen. Der 44-Jährige führt in Großröhrsdorf das von seinem Urgroßvater Richard Thieme gegründete Textilunternehmen weiter. Zur Thieme-Gruppe gehören heute zwei Firmen, die mit insgesamt 48 Mitarbeitern einen jährlichen Umsatz von rund fünf Millionen Euro erwirtschaften. Die Thieme Fashion GmbH produziert Unterwäsche für Damen, Herren und Kinder. Die Schwesterfirma E. Richard Thieme GmbH hat sich auf technische Textilien spezialisiert und produziert zum Beispiel Spezialanzüge für Feuerwehrleute. Thieme findet den Mangel an Fachleuten „gravierend“. Deshalb freut er sich, dass mehrere Näherinnen aus Polen bei ihm arbeiten. „Außerdem haben wir zwei junge Männer aus dem arabischen Raum in Näherei und Zuschnitt eingearbeitet“, berichtete Thieme. „Sie sind gut motiviert, von den Kollegen anerkannt und beleben den Alltag bei uns.“ Nur verweigern die zuständigen Behörden den beiden Afghanen die Aufenthaltserlaubnis für Deutschland. Obwohl sie die nötigen Dokumente vorweisen können und mit ihren Familien in der Nähe der Arbeitsstelle wohnen. Häufig würden die Afghanen zu verschiedenen Ämtern vorgeladen – wie unlängst in Dresden, um dort auf der Ausländerbehörde ein Papier abzugeben. „Es wird Zeit, dass die Politik endlich aufwacht, reagiert und Prozesse vereinfacht“, fordert Thieme. „Die Politik“ hieß beim Textil-Branchentag in Bautzen Petra Köpping. Die sächsische SPD-Ministerin für Gleichstellung und Integration sprach sich für ein Zuwanderungsgesetz aus, das Zuständigkeiten klar regelt. Die Landesregierung in Dresden habe jetzt ein Programm aufgelegt, um junge Flüchtlinge so zu schulen, dass sie in Deutschland eine Ausbildung antreten können.

Angebot und Nachfrage passen nicht zusammen

Ilona Winge-Paul führt die operativen Geschäfte der Arbeitsagentur Bautzen und hatte aktuelle Zahlen mit zum Branchentag gebracht. Fast 18 000 Oberlausitzer sind arbeitslos gemeldet, nahezu 5 000 Stellen frei. „Aber Angebot und Nachfrage passen nicht zusammen“, konstatierte die Vize-Chefin der Agentur und kam zu dem Schluss: „Wir brauchen bedarfsgerechte Zuwanderung.“

Dass sich dabei der Blick nach Asien lohnen kann, erklärte Uwe Kruschwitz. Der deutsche Textilingenieur hatte 1994 einen Konfektionsbetrieb im tschechischen Novy Bor gegründet, die Bohemia-Fashion. Auch er fand zuletzt in der Region keine Fachkräfte mehr und nutzte eine Unternehmerreise nach Asien, um dort Kontakte zu knüpfen. Jetzt zählen zu den 35 Mitarbeitern eine Frau und drei Männer aus Indonesien.