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Warum war der Theatersommer nicht zu retten?

Der Bautzener Theaterintendant über die Folgen des Spielzeit-Abbruchs, die Rolle des Theaters in der Krise und die Hoffnung auf eine kleine Freiluft-Saison 2020.

Lutz Hillmann ist Intendant des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters Bautzen.
Lutz Hillmann ist Intendant des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters Bautzen. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Ab 18. Mai dürfen die Theater in Sachsen wieder öffnen, doch in Bautzen bleiben die Türen beider Theaterhäuser geschlossen. Die Spielzeit wird vorzeitig beendet, auch der Theatersommer auf der Ortenburg ist abgesagt. Wie kam es zu dieser Entscheidung? Und warum fällt sie gerade jetzt, wo in vielen anderen Lebensbereichen langsam wieder Normalität einzieht?  Sächsische.de hat darüber mit dem Intendanten des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters gesprochen. 

Leicht fiel Lutz Hillmann das Interview nicht. Denn er hätte sich eine andere Lösung gewünscht. Über Wochen hat er dafür gekämpft, doch noch spielen zu dürfen. Vor allem den Theatersommer auf der Ortenburg wollte er retten - mit weniger Zuschauern, mit einem kürzeren Stück und einer Fortsetzung im kommenden Jahr. Stattdessen verlängert sich die Zwangspause für das Bautzener Theater nun voraussichtlich bis zum Herbst. 

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Sie sind noch auf der Suche nach einem neuen Ausflugsziel in der Region? Wie wäre es denn mit Großenhain?

Herr Hillmann, kein Theater von März bis September - können Sie sich überhaupt an eine vergleichbare Situation erinnern?

Nein, persönlich habe ich so etwas noch nicht erlebt. Eine so lange Schließzeit, mehr als ein halbes Jahr, gab es wahrscheinlich zuletzt während des Zweiten Weltkriegs.

Die Theater in Sachsen dürfen ab 18. Mai wieder öffnen, wenn auch mit Einschränkungen. Warum bricht das Theater Bautzen gerade jetzt die Spielzeit ab?

Wir könnten ab 18. Mai mit kleinen Formaten öffnen. Doch wegen der Corona-Auflagen dürften wir nur einen Teil der Zuschauerräume und der Theatersommer-Traverse nutzen. Die Folge sind Einnahmeverluste. Als Bautzener Theater erwirtschaften wir einen hohen Teil unseres Etats aus Einnahmen – nämlich 20 bis 22 Prozent. Das ist der höchste Eigenanteil aller Theater in Sachsen. Entsprechend groß ist die Auswirkung auf unseren Haushalt, wenn wir pro Vorstellung nur die Hälfte der Karten verkaufen können.

War der Spielzeit-Abbruch also letztlich eine wirtschaftliche Entscheidung?

Ja, ich habe in den vergangenen Tagen viele Gespräche geführt – mit dem Ziel, den Spielbetrieb unter Corona-Bedingungen wieder aufzunehmen und als Theater für die Zuschauer wieder sichtbar zu werden. Der Landkreis als Rechtsträger des Theaters sah aber keine andere Möglichkeit, als die Spielzeit zu beenden und für die Mitarbeiter Kurzarbeit zu beantragen.

Freiluft-Programm im Theatergarten

Nun ist der Landkreis damit nicht allein, auch viele andere Theater in Sachsen haben die Spielzeit vorzeitig beendet …

Und wollen jetzt doch wieder spielen! Nach der Entscheidung der Staatsregierung herrscht eine gewisse Euphorie in der sächsischen Theaterlandschaft. Viele Häuser prüfen jetzt, was ab dem 18. Mai wieder möglich ist – das reicht von der kleinen Form bis zur Premiere. Auch wir hoffen ja, dass es wenigstens ein kleines Freiluft-Angebot in diesem Sommer geben kann.

Woran denken Sie da konkret? 

Wir könnten uns vorstellen, im Juni und Juli den Theatergarten zu bespielen – mit Soloprogrammen, Musik, Puppenspiel für Kinder und Erwachsene. Ich denke an ein leichtes Programm mit Gastronomie, das zum Sommer und zur Atmosphäre des Ortes passt. Hier gibt es gerade viele Ideen aus dem Ensemble heraus. Denn niemand, der mit dem Herzen Theater macht, ist glücklich mit der aktuellen Situation.

Ein großer Einschnitt ist der Ausfall des Theatersommers, mehr als 10.000 Karten waren schon verkauft. Gerade bei Vorstellungen im Freien sollte es doch möglich sein, die Corona-Auflagen einzuhalten. War der Theatersommer wirklich nicht zu retten?

Da gilt dasselbe wie für das Theater insgesamt: Nach den aktuellen Vorgaben dürften wir pro Vorstellung nur 490 Karten verkaufen. Das heißt: Wir haben bei gleichen Kosten maximal 50 Prozent der Einnahmen.

Eintrittspreise steigen

Sie sprachen es bereits an, Sie haben sich in den vergangenen Wochen sehr um eine Wiedereröffnung des Theaters bemüht. Warum ist Ihnen das so wichtig, dass das Theater gerade jetzt - in dieser Krisenzeit - präsent ist?

Weil das die Aufgabe des Theaters ist: In leichten Zeiten sorgen wir für etwas mehr Nachdenklichkeit. In einer depressiven Phase - wie jetzt - können wir den Menschen Mut machen. Theater ist Daseinsvorsorge, Theater arbeitet nicht kostendeckend. Der Mehrwert, den wir schaffen, ist ideell. Wobei der Theatersommer schon ein Wirtschaftsfaktor für Bautzen ist. Der Gastronomie, die gerade sehr darben muss, hätte dieser Impuls sicher gut getan.

Hat die Zwangspause Folgen für die künstlerische Arbeit, ändert sich zum Beispiel das Programm für die kommende Spielzeit?

Sechs Premieren sind ausgefallen. Diese verschieben wir in die neue Spielzeit, zum Teil sogar ins nächste Jahr. Denn bei einigen Stücken ist eine Inszenierung unter Corona-Bedingungen nicht möglich, da wir auch auf der Bühne bestimmte Abstands- und Hygiene-Regeln einhalten müssen. Neu in den Spielplan aufgenommen haben wir ein Stück zum Thema Sterbehilfe: „Gott“ von Ferdinand von Schirach. Dieses Thema gewinnt durch die aktuelle Situation nochmals an Brisanz und wird sicher für Diskussionen sorgen.

Am Montag wird der Kreistag über eine Erhöhung der Eintrittspreise für die nächste Spielzeit entscheiden, ist das bereits eine Reaktion auf die aktuelle Situation?

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Gutschein, Spende oder Rückzahlung - das Bautzener Theater bietet den Zuschauern mehrere Möglichkeiten an.

Nein, dieser Schritt war schon länger geplant. Die Preise sind zum letzten Mal vor fünf Jahren erhöht worden. Seitdem sind Kosten gestiegen, zum Beispiel die Löhne und Gehälter. Ich will nicht verschweigen, dass diese Preiserhöhung für uns im denkbar ungünstigsten Augenblick kommt. Ich hoffe aber auf die Treue unserer Zuschauer und Abonnenten.

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