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Theater für die Ohren

Für blinde Zuschauer kommentiert Eveline Günther im Theater Bautzen die Vorstellung wie ein Fußballspiel.

Von Miriam Schönbach

Eine kleine Lampe wirft Licht auf das Textbuch. Unter Kopfhörern mit dem Mikro vor dem Mund sitzt Eveline Günther in der Tonkabine des Bautzener Theaters und blickt auf die Bühne. Dort nimmt die Geschichte des Dirigenten Daniel Dareus ihren Lauf. „Wie im Himmel“ heißt die Vorstellung des Abends. Die Dramaturgin kommentiert die Handlung wie ein Radiomoderator ein Fußballspiel. Sie spricht über Funk zu 18 Blinden und Sehbehinderten im Saal. Über Kopfhörer hören diese ihre Beschreibung und können so das Geschehen auf der Bühne miterleben.

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Für die Mitarbeiterin des Theaters bedeutet das: zwei Stunden höchste Konzentration. Immer wieder schaut sie im Wechsel auf die Bühne und in das Textbuch. Dort stehen am Rand ein paar Notizen: „Darius legt sich wieder auf die Trage“ oder „er dirigiert“. Es sind Situationen, die die Blinden nicht sehen können.

In Vorbereitung dieses besonderen Theaterabends geht Eveline Günther vorher meistens dreimal in das Stück. „Ich muss wissen, wo Pausen sind, um nicht das gesprochene Wort zu verderben. Diese Lücken kann ich nutzen, um Situationen oder Gesten zu erläutern.“ Die heutige Vorstellung ist der zweite Versuch des Bautzener Theaters, Schauspiel für Blinde und Sehbehinderte erlebbar zu machen. Premiere hatte das Hör-Theater vor einem Jahr beim Kammerspiel „Die Chance nach der letzten“.

Die Zusammenarbeit zwischen Deutsch-Sorbischem Volkstheater und dem Bautzener Ableger des Blinden- und Sehbehindertenverbandes hat aber schon längere Tradition. Beim Sommertheater erhalten die Zuschauer, die nicht selbst sehen können, zum Beispiel schon seit zehn Jahren eine gesonderte Stückeinführung. Bei der „Chance nach der letzten“ standen drei Darsteller auf der Bühne, an diesem Abend wirken 13 Schauspieler plus zwei Chöre mit. Die Vielzahl von Figuren, ihre Gesten und ihre Charaktere fordern Aufmerksamkeit. Auf der Bühne kommt gerade der Dirigent – gespielt von Marian Bulang – nach einem Zusammenbruch in seinem Heimatdorf an. Weiße Flocken fallen. Die Bild-Übersetzerin wartet eine Pause ab und sagt: „Daniel trägt eine Reisetasche, er breitet die Arme aus und genießt den Schnee. Jetzt schaut er nach einem Hasen, den wir aber nicht sehen.“ Es folgt die Beschreibung der Bühne und der auftretenden Protagonisten. Erste Erfahrungen mit dem „Sehen durch die Ohren“ stammen übrigens aus Amerika. Gregory Frazier, Professor der amerikanischen San Francisco State Universität, hatte miterlebt, wie die Frau eines blinden Freundes Filme „synchronisierte“. So entwickelte er 1975 die Idee von der Audiodeskription. Erst 1993 strahlte das deutsche Fernsehen den ersten Hörfilm aus. Inzwischen gibt es etwa 300 solcher TV-Angebote für Blinde und Sehbehinderte pro Jahr. In Theatern steckt die Hörbeschreibung noch in den Kinderschuhen. Sogar aus Dresden reisen Besucher dafür an.

Nach 100 Minuten ist eine Atem-Pause für Eveline Günther in Sicht. Ihre Stimme wird leiser. Sie sagt: „Es wird dunkel. Nachher hören wir uns wieder“ und nimmt einen Schluck Wasser aus der Flasche.

Die Blinden und Sehbehinderten sind ganz beschwingt. „Das ist wunderbar. Heute hat mal mein Fernglas Pause“, sagt Petra Schmidt aus Grubschütz. Die 46-Jährige sieht nur noch wenig, geht aber trotzdem mindestens einmal pro Monat ins Bautzener Theater. Dann begleitet sie ihre Cousine Ilona Aedtner. Sie souffliert ihr normalerweise die lustigen oder traurigen Geschehnisse. Oftmals kommt dann genervtes Zischen aus den hinteren Reihen. Auch deshalb fühlen sich heute Abend die blinden Besucher „wie im Himmel“.

Der Gong ruft wieder in den Zuschauersaal. Petra Schmidt und die anderen greifen nach ihren Kopfhörern. Die Handlung nimmt nun dramatische Züge an. Schließlich bringt Daniel Dareus sein Heimatdorf und den Kirchenchor ganz schön durcheinander. Im letzten Bild stirbt der Dirigent.

Eveline Günther sagt: „Er kämpft in Lenas Armen um sein Leben. Tot. Ende. Vorhang.“ Der Applaus will gar nicht aufhören. Die Blinden und Sehbehinderten stehen klatschend auf. Ihr Beifall gilt auch der Stimme aus der abgedunkelten Tonkabine.