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Bautzen

„Rückblick ohne falsche DDR-Romantik“

Der Film war Kult, das Buch ein Bestseller. Jetzt bringt das Bautzener Theater die „Sonnenallee“ auf die Freiluft-Bühne. Der Intendant sagt, was ihm dabei wichtig ist.

Kein Fenster ohne Gardine: Der Bautzener Theatersommer 2019 spielt „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“. Intendant Lutz Hillmann führt Regie.
Kein Fenster ohne Gardine: Der Bautzener Theatersommer 2019 spielt „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“. Intendant Lutz Hillmann führt Regie. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Das Bautzener Theater dreht am Rad der Geschichte. Mit der Komödie „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ landen die Zuschauer während des Theatersommers in den 1970er Jahren in Ostberlin. Auf unterhaltsam-ironische Art wird eine Geschichte vom Erwachsenwerden im Schatten der Mauer erzählt. Die SZ spricht mit Theaterintendant Lutz Hillmann über seine DDR-Erfahrungen und Geschichtsunterricht auf der Theaterbühne.

Herr Hillmann, welche Erinnerungen haben Sie selbst an die DDR in den 70er Jahren?

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Bis 1976 bin ich in Neukirch auf die Polytechnische Oberschule gegangen. Danach habe ich beim Fortschritt-Kombinat gelernt. Klar hängen damit die meisten Erinnerungen zusammen – meistens gute. Ich habe während der Schulzeit schon angefangen, Laientheater zu spielen. Die evangelische Kirche in Sachsen hat dafür wunderbare Angebote gemacht. Ich bin mit aufregenden Theaterleuten zusammengekommen und mit Stoffen, die in der DDR eigentlich verboten waren. Das sind wunderbare Erinnerungen! Dann habe ich mich während der Lehre an der Schauspielschule beworben und bin sofort genommen worden – auch gute Erinnerungen. Vor dem Studium musste ich noch zur Armee – und das sind furchtbare Erinnerungen!

Der Bautzener Theatersommer 2019 spielt in den 70-er Jahren in Ost-Berlin.
Der Bautzener Theatersommer 2019 spielt in den 70-er Jahren in Ost-Berlin. © Foto: SZ/Uwe Soeder

Welche Gefühle verbinden Sie mit dieser Zeit?

Ich habe die Dinge immer so genommen, wie sie waren, und versucht nicht zu jammern, aber auch jeden Freiraum genutzt. Ich fühlte mich nicht schlecht. Andererseits störte mich, dass man nicht reisen durfte. Ich weiß noch, als ich in Sassnitz am Fährhafen stand. Da schaute man von oben in den Transitbereich. Ich habe geheult – und dachte: Wieso darf ich da nicht mitfahren, nach Trelleborg, nach Schweden, in die Welt? Das Fernweh war groß. Beim Trampen hat uns mal ein belgischer Diplomat nach Warschau mitgenommen. Das waren sagenhafte Erlebnisse. Die Sehnsucht durch den Mangel war groß und die Befriedigung umso größer, wenn man vielleicht etwas bekommen hat. Daran denke ich manchmal. Ich will das nicht wiederhaben, aber merke: Wer alles hat, schätzt die Dinge geringer.

Diese Sehnsüchte beschäftigt auch die Clique in der „Sonnenallee“.

Ja, es werden im ersten Moment ganz alltägliche Geschichten erzählt, die aber einen großen Bogen aufreißen. Michael Kuppisch ist 16 Jahre, wohnt in einem typischen DDR-Neubau und hat ganz normale Eltern. Der Vater ist Straßenbahnfahrer, die Mutter möchte, dass ihr Sohn in Moskau studiert, und dass aus ihm mal was Besseres wird. Es ist eine Geschichte vom Erwachsenwerden. Alle aus der Straße sind in ein schönes Mädchen verliebt. Sie hören Musik, verbotene Musik, denken über die Zukunft nach und leben dazu noch im Grenzgebiet. Dieser Kunstgriff verschärft die dramatische Situation.

In den vergangenen Jahren gab es beim Theatersommer dreimal mit der „Olsenbande“ einen DDR-Klassiker. Auch die „Sonnenallee“ bedient diese Sehnsucht nach der guten alten Zeit, oder?

Sicherlich hatte die Olsenbande mit einem gewissen Gefühl zu tun, mit dem man an die Vergangenheit denkt. Unsere Aufgabe war es deshalb, zu überlegen: Was kommt nach dieser sehr erfolgreichen Produktion? Wir haben versucht, einen gemeinsamen Nenner zu finden und trotzdem etwas Anderes zu machen. Ja, vielleicht ist diese Sehnsucht nach der guten, alten Zeit die Verbindung, die es da gibt. Nächstes Jahr wird es wieder ganz anders.

Was wird denn die Zuschauer an die alten Zeiten erinnern?

Wir haben Pionier- und Militärlieder, Schlager, die man mitpfeifen kann, typische Autos und Mopeds gibt es, eine schöne Schrankwand im Bühnenbild – und für jedes Fenster eine Gardine. In der DDR gab es kein Fenster ohne Gardinen. Die Werbung „Plaste und Elaste aus Zschkopau“ steht an der Wand, über die Mauer lockt die Westwerbung als Pendant.

Eine Mini-DDR auf der Ortenburg also?

Das Wesen von Theater ist, dass es nicht den Anspruch auf allgemeine historische Wahrheit erhebt, sondern – und in dem Stück besonders – dass es eine subjektive Erinnerung, eine subjektive Rückblende des Haupthelden, von Michael Kuppisch ist. In Erinnerungen kann alles passieren, da können kleine Dinge groß werden, Angst zu Horror und so weiter. Aber manche Dinge egalisieren sich auch im zeitlichen Abstand. Einiges wird vielleicht übertrieben wirken, anderes nicht vorkommen. Jeder hat andere Erinnerungen. Was mir wirklich fern liegt, ist die unkritische Glorifizierung oder Romantisierung der DDR.

Auf der Bautzener Ortenburg entsteht eine Mini-DDR - inklusive Grenzkontrolle. 
Auf der Bautzener Ortenburg entsteht eine Mini-DDR - inklusive Grenzkontrolle.  © SZ/Uwe Soeder

Was setzen Sie dagegen?

Es wird nichts ausgespart, die Stasi kommt vor, der Druck auf die jungen Leute und die jungen Männer, die genötigt waren, drei Jahre bei der NVA zu dienen, um einen ordentlichen Studienplatz zu bekommen. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen, das war eine richtige Armee, das war kein Spaß. FDJ-Wahlversammlungen. Wie taktete man sich ein in dieses System? Viele haben sich wohlgefühlt, weil es geordnet war. Unsere große Aufgabe ist, einerseits die DDR nicht zu glorifizieren und andererseits zu sagen: Das ist unsere Vergangenheit!

Warum?

Bei aller Differenziertheit dürfen wir uns doch nicht die persönliche Vergangenheit, die vielleicht aufregendsten Jahre kaputt reden lassen. Wir müssen sagen: Das ist mein Leben mit allen Schwierigkeiten und Widersprüchen. Da kann man ein Selbstbewusstsein haben, ohne die Zeit zurückdrehen zu wollen. Die Menschheitsgeschichte hat bewiesen, dass solche Versuche immer zum Scheitern verurteilt waren. Meist hat das zu größerem Leid geführt.

Trotzdem hat man gerade das Gefühl, dass es wieder mehr Menschen gibt, die gern die Zeit zurückdrehen würden, die Gräben zwischen Ost und West wieder größer werden.

Der Autor Thomas Brussig formuliert es so: „Es ist ein komisches Ding mit der Erinnerung. Sie vollbringt beharrlich das Wunder, einen Frieden mit der Vergangenheit zu schließen, indem sich jeder Groll verflüchtigt und der weiche Schleier der Nostalgie über alles legt, was mal scharf und schneidend empfunden wurde. Glückliche Menschen haben ein schlechtes Gedächtnis und reiche Erinnerungen.“ So ist der Stoff gemeint. Zugleich bin ich ein Verfechter des Gedankens, dass wir nur mit dem Bewusstsein der Geschichte Zukunft machen können. Die Komödie „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ ist unsere – ein stückweit deutsche – vielleicht sogar europäische Vergangenheit.

Theater wird also zum Geschichtsbuch 30 Jahre nach der Wende?

Ich denke, die Inszenierung bietet einen guten Anlass für unterschiedliche Generationen, sich gemeinsam das Stück anzuschauen. Ich weiß, dass viele junge Leute ihre Eltern und Großeltern fragen: Wie war das eigentlich damals? Da muss man nicht viel erzählen, man geht einfach gemeinsam in eine Vorstellung der „Sonnenallee“. Nicht um zu mystifizieren oder zu verklären, aber um zu sagen: „Ja, das haben wir alles erlebt und vieles fand ich geil!“ Und vielleicht kann die „Sonnenallee“ auch ein bisschen dazu beitragen, von der Pauschalisierung der Ossis wegzukommen. Ich hätte 1989 nicht geglaubt, dass wir 30 Jahre nach der Wende noch Ost-West-Diskussionen führen werden.

Tickets & Termine

Termine: "Am kürzeren Ende der Sonnenallee" - Premiere am 20. Juni. Bis 28. Juli sind 35 Vorstellungen geplant. Vorstellungstage sind in der Regel Mittwoch bis Sonntag.

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Vorverkauf: an der Theaterkasse, Seminarstraße, oder im SZ-Treffpunkt Bautzen, Lauengraben 18

Kartentelefon: 0 35 91 / 584-225, 

Online-Buchung: www.theater-bautzen.de

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