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Der dienstälteste Stadtrat tritt ab

Thomas Leder saß 30 Jahre lang für die CDU im Rat. Anfangs oft bis Mitternacht.

Thomas Leder steht an der Stadthalle. Für sie wird er sich weiterhin einsetzen, auch wenn er jetzt nach 30 Jahren aus dem Stadtrat ausscheidet.
Thomas Leder steht an der Stadthalle. Für sie wird er sich weiterhin einsetzen, auch wenn er jetzt nach 30 Jahren aus dem Stadtrat ausscheidet. © nikolaischmidt.de

An die Anfänge kann sich Thomas Leder noch gut erinnern. Als 29-Jähriger war er im Herbst 1989 bei den Friedensgebeten in der Frauenkirche dabei. Und im November dann im Kleinen Sitzungssaal des Rathauses bei Gesprächen mit dem Chef der Nationalen Sicherheit und dem Dezernenten für Inneres. Da ging es auch um die Stasi. „Dort habe ich ganz offen gesprochen und auch das Protokoll gefertigt“, erinnert sich der heute 59-Jährige: „Da hatte ich erstmals etwas mit Politik zu tun.“

Einen Monat später habe die (Ost-)CDU das Wort Sozialismus aus ihren Zielen gestrichen. Daraufhin sei er in die Partei eingetreten und habe sich im Februar 1990 auch für die Stadtratswahl am 4. Mai aufstellen lassen. Leder wurde prompt gewählt – und zog als einer von damals noch 69 Stadtverordneten, wie die Stadträte anfangs hießen, in den Rat ein. Die CDU war damals auf Anhieb die stärkste Kraft.

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Später sechsmal wiedergewählt

Das war sie auch bei vier von sechs späteren Stadtratswahlen. Nur 2004 musste sie sich den Bürgern für Görlitz geschlagen geben – und 2019 der AfD. Einer indes wurde bei diesen sechs Wahlen stets wiedergewählt: Thomas Leder. Allerdings, auch das gehört zu der Geschichte: Er konnte zuletzt immer weniger CDU-Wähler überzeugen. 2009 erhielt er noch 900 Stimmen und landete damit unter allen CDU-Kandidaten auf Platz 4, 2014 dann mit beachtlichen 1.009 Stimmen nur noch auf Platz 6 und 2019 mit 745 Stimmen auf Platz 9. Das reichte gerade noch so für den Einzug in den Rat – die CDU bekam genau neun Sitze.

Aber immerhin: Leder schaffte es noch einmal – und ist damit der einzige, der von 1990 bis 2020 ununterbrochen im Stadtrat saß. Rolf Weidle (Bürger für Görlitz, früher SPD) sowie Dieter Gleisberg (CDU) haben zwischendurch mal pausiert, Gottfried Semmling (Bündnisgrüne) schaffte 29 Jahre, wurde 2019 aber nicht mehr wiedergewählt. Doch nach 30 Jahren hat Thomas Leder genug. In der Stadtratssitzung vorige Woche gab er seinen Abschied bekannt. Das Datum hatte er mit Bedacht ausgewählt: Nachdem er am 4. Mai 1990 gewählt worden war, absolvierte er am 23. Mai 1990 seine erste Stadtratssitzung. Vorige Woche waren also die 30 Jahre genau voll.

Gleichzeitig Stadthallen-Vereinschef

Es waren 30 Jahre, in denen er sich nicht nur Freunde machte. Das hat oftmals damit zu tun, dass Leder, der gleichzeitig Vorsitzender des Stadthallen-Fördervereins ist, sich in den vergangenen Jahren fast nur noch beim Thema Stadthalle zu Wort meldete. Viele hatten das Gefühl, dass er eigentlich nur noch wegen der Stadthalle im Rat sitzt. Der 1998 abgewählte frühere CDU-Oberbürgermeister Matthias Lechner warf Leder in einer E-Mail an die SZ vor, dass er für den Deponieverkauf, die Schließung der Stadthalle und den Verkauf der Stadtwerke gestimmt habe. „Alles Entscheidungen zum Nachteil der Bürger“, sagt Lechner. Niemand habe diesen Schaden jemals unter die Lupe genommen.

Und weiter: „Der Mit-Schließer der Stadthalle macht heute einen auf großer Retter, so etwa wie der Brandstifter, der das Feuer löscht.“ Leder will solche Vorwürfe nicht auf sich sitzen lassen. Ja, er habe für die Schließung gestimmt, sagt er: „Aber nur, weil uns damals gesagt wurde, dass die Halle in zwei Jahren saniert werden soll.“ Als das nicht passierte, sei er zunehmend enttäuscht gewesen – und habe mit dem bereits kurz vor der Schließung gegründeten Stadthallenverein für die Wiedereröffnung gekämpft. Das will er auch weiterhin tun, denn diesen Posten behält er.

Fraktionsvorsitz 2004 abgegeben

Einen anderen Posten hat er schon nach der Wahlniederlage 2004 nach sechs Jahren an den Nagel gehängt: Den des CDU-Fraktionschefs. Damals übernahm Michael Hannich den Vorsitz, Leder war nur noch einfacher Stadtrat. Allerdings habe es nicht an der Wahlniederlage gelegen: „Ich habe es abgegeben, weil es mir als Selbstständiger zu viel geworden war“, sagt Leder, der als Bausachverständiger arbeitet. Seit 1. Juni 1990 ist er selbstständig, vorher war er Bauingenieur im damaligen Centrum-Warenhaus. Ansonsten sei sein Leben zu DDR-Zeiten recht normal gewesen: Mit 22 wurde er zum ersten Mal Vater, mit 28 schon zum dritten Mal. Die Familie lebte damals in der Innenstadt. Leder war Gemeindemitglied in der Katholischen Kirche, aber ohne aktive Funktion.

1990 änderte sich viel. Ganz am Anfang sei die Stadtratsarbeit am intensivsten gewesen: „Da gingen Sitzungen oft von 16 bis 23 oder 24 Uhr“, erinnert er sich. Die ersten zwei Stunden seien häufig komplett für Grundstücksfragen draufgegangen, von denen es in den Anfangsjahren viele zu klären galt. Nebenbei wirkte er stets in Sparkassen-Gremien mit: Zuerst im Zweckverband Sparkasse, später im Kreditausschuss und schließlich im Verwaltungsrat der Sparkasse. Auch im Technischen Ausschuss war er lange vertreten. Bis zur Aufgabe der Kreisfreiheit 2008 sei die Arbeit im Stadtrat viel zeitaufwendiger gewesen als danach.

Ein Jüngerer rückt nach

Und in Zukunft? Für Leder rückt Matthias Schöneich in den Stadtrat nach. Er ist 39 – und damit 20 Jahre jünger als Leder. Doch er ist ebenfalls Vorstandsmitglied im Stadthallenverein. Leder wird sich im Verein weiter um die Stadthalle kümmern. Doch es wird auch mehr Zeit für Haus und Garten in Biesnitz bleiben, für seine drei erwachsenen Kinder und die ersten zwei Enkel in Dresden. Daneben will sich Leder vielleicht auch anderen Hobbys zuwenden: „Langweilig wird mir definitiv nicht.“

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