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Wie eine Verräterin zur Kino-Heldin wird

Der Thriller „Official Secrets“ erinnert an die Zeit, als die USA auf Basis falscher Informationen in den Irak-Krieg zogen.

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Katharine Gun (Keira Knightley) wird Zeugin eines Erpressungsversuchs von UNO-Abgeordneten durch die USA.
Katharine Gun (Keira Knightley) wird Zeugin eines Erpressungsversuchs von UNO-Abgeordneten durch die USA. © Paramount

Von Martin Schwickert

Das derzeitige Amtsenthebungs-Verfahren gegen den US-Präsidenten Donald Trump hat erneut gezeigt: Die Demokratie ist nur dann in der Lage, sich gegen den Amtsmissbrauch ihrer gewählten Regierungsvertreter zu wehren, wenn es Menschen innerhalb des Machtapparates gibt, die das eigene Gewissen vor die Loyalität zu ihrem Arbeitgeber setzen. Man könnte auch sagen: Die Demokratie ist nur so stark wie ihre Whistleblower, ihre Geheimnis-„Verräter“.

Das Kino interessiert sich schon seit Jahrzehnten an für diese renitenten Helden interessiert. In Sidney Lumets „Serpico“ zog Al Pacino 1973 als aufrechter Cop gegen den korrupten Polizeiapparat ins Feld. In Michael Manns „The Insider“ von 1999 deckte Russell Crowe die Vertuschungspolitik und massiven Einschüchterungsversuche der amerikanischen Tabakindustrie auf. Laura Poitras „Citizenfour“ setzte sich 2014 und Oliver Stones „Snowden“ zwei Jahre später im Spiel- und im Dokumantarfilmformat mit dem prominentesten Whistleblower unserer Zeit auseinander. Nun lenkt Gavin Hood mit „Official Secrets“ die Aufmerksamkeit auf eine engagierte Geheimnisverräterin, die bereits zehn Jahre vor Edward Snowden die illegalen Machenschaften des US-Geheimdienstes NSA im Zuge des Irakkriegs öffentlich gemacht hat.

Als Übersetzerin arbeitet Katharine Gun (Keira Knightley) für die staatlich britische Abhöragentur „Goverment Communications Headquarters“ (GCHQ), als am 31.Januar 2003 die E-Mail eines NSA-Mitarbeiters in ihrem Posteingang landet. Darin werden die britischen Kollegen aufgefordert, kompromittierendes Material über UNO-Abgeordnete von Angola, Kamerun, Chile, Bulgarien und Guinea zu sammeln. Mit diesen Informationen sollen die Parlamentarier unter Druck gesetzt werden, damit sie dem US-Antrag für einen Einmarsch in den Irak zustimmen.

Die politische Debatte um die Invasionspläne George W. Bushs, die der britische Premier Tony Blair vollumfänglich unterstützt, ist gerade im Vereinigten Königreich aufgeheizt. Fast eine Millionen Menschen ziehen in London wie in zahlreichen anderen Städten der Welt gegen den Krieg auf die Straße. Auch Katharine glaubt nicht an die Mär der Massenvernichtungswaffen, die Saddam Hussein angeblich im Irak hortet. Sie entscheidet sich, die brisante E-Mail auszudrucken und einer befreundeten Protest-Organisatorin zu übergeben, die sie an die Presse weiterleiten soll.

Doch der Reporter der renommierten britischen Tageszeitung The Observer, Martin Bright (Matt Smith), hat es nicht leicht seine Vorgesetzten von der Authentizität des Materials zu überzeugen, weil die Redaktion auf den Pro-Kriegskurs Blairs eingeschworen wurde. Als der Artikel endlich erscheint, stellt sich Katharine schon bald als Whistleblowerin, damit ihre Arbeitskollegen keinen weiteren Verdächtigungen ausgesetzt sind. Der engagierte Menschenrechtsanwalt Ben Emmerson (Ralph Fiennes) übernimmt ihre Verteidigung mit einer riskanten Strategie: Er will die Illegalität der britischen Kriegsbeteiligung nachweisen und damit den Geheimnisverrat rechtfertigen.

Mit „Official Secrets“ zeichnet Gavin Hood („Tsotsi“) ein konventionelles, aber grundsolides Heldinnen-Porträt der Whistleblowerin, die sich als Geheimdienst-Angestellte mehr ihrem Volk und nicht der britischen Regierung verantwortlich sah. Keira Knightley zeigt sich an heroischen Posen wenig interessiert und macht die Selbstzweifel und Überforderungen transparent, die mit einer solchen weitreichenden, moralischen Entscheidung einhergehen. Hinter seiner couragierten Protagonistin erweckt Hood noch einmal das politische Klima jener Jahre zum Leben, in denen mit fadenscheiniger Legitimierung ein Krieg vorangetrieben wurde, der die politische Situation im Nahen Osten nachhaltig destabilisiert hat. Gleichzeitig zeigt der Film, wie die USA und Großbritannien mit falschen Geheimdienst-Informationen ihr Wahlvolk wissentlich belogen und die weltweiten Proteste von Abermillionen Demonstranten ignorierten. Hier wurde eine junge Generation geradewegs in die Politikverdrossenheit geführt, deren Folgen gerade im vom Brexit geplagten Königreich bis heute spürbar sind.