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Tod kurz nach der Auferstehung

Er starb für seine Überzeugungen: Vor 75 Jahren wurde der Theologe und NS-Gegner Dietrich Bonhoeffer ermordet.

„Das ist das Ende“, soll Dietrich Bonhoeffers Henker gesagt und der Todeskandidat darauf geantwortet haben: „Nein.“
„Das ist das Ende“, soll Dietrich Bonhoeffers Henker gesagt und der Todeskandidat darauf geantwortet haben: „Nein.“ © dpa

Von Ulfried Kleinert

Vor der Pandemie war es möglich und wird es hoffentlich bald wieder sein: Man konnte mit dem Auto aus Sachsen nach München fahren und gelangte unterwegs an eine Ausfahrt mit dem Hinweisschild „Flossenbürg“. Ich bin einmal dort abgebogen und war nach wenigen Kilometern in der Gedenkstätte eines klein erscheinenden Konzentrationslagers. 

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Der Mann an der Kasse war zunächst unsicher, als ich ihn nach dem Ort fragte, wo der Galgen stand, an den die Gestapo am 9. April 1945, eine Woche nach dem Osterfest, den entkleideten 39-jährigen Dietrich Bonhoeffer führte und erhängte. „Das ist das Ende“, soll der Henker gesagt haben, und der nackte Gefangene darauf: „Nein“.

Bonhoeffer war nicht allein. Mit ihm wurden am selben Tag und Ort knapp neun Monate nach dem 20. Juli auch die Wehrmachtsangehörigen Oster, Canaris, Gehre und Sack hingerichtet – alle wegen ihrer Beteiligung an dem Versuch, das Naziregime zu stürzen. Dem sächsischen Kunstschreiner Georg Elser, der bereits im November 1939 in München einen Bombenanschlag auf Hitler unternommen hatte, erging es in Dachau ebenso. 

Die Widerständler sollten noch kurz vor Kriegsende zum Schweigen gebracht werden. Tatsächlich wurden sie auch bis Anfang der 1950er-Jahre von den meisten totgeschwiegen. Denn die Deutschen hatten jetzt mit dem Wiederaufbau zu tun und wollten von der Vergangenheit, in der mitgemacht, weggesehen oder der Mund gehalten wurde, nichts mehr wissen.

Rocker für den Frieden

Als dann Angehörige und Freunde der Widerständler die Möglichkeit hatten, von deren Geschick öffentlich zu berichten, wurden Bonhoeffer und andere Widerstandskämpfer nicht selten für fremde Zwecke instrumentalisiert. So wie heute die Rechten Bonhoeffers Namen missbrauchen, wenn sie ihr Bonhoeffer fundamental widersprechendes fremdenfeindliches und antidemokratisches Verhalten unter Berufung auf ihn als „Widerstand“ bezeichnen.

Bonhoeffer diente damals großen Teilen der evangelischen Kirche als Alibi für ihr Versagen in nationalsozialistischer Zeit: Selbst die Hitler distanziert gegenüberstehende „Bekennende Kirche“ hatte nicht gewagt, für ihren ab 1943 inhaftierten Pfarrer in den Fürbitten ihrer Gottesdienste zu beten. Andere Teile der Kirche aber griffen seit den 1950er-Jahren seine Gedanken auf. Sie waren nun in den „Briefen und Aufzeichnungen aus der Haft“ nachzulesen, die Bonhoeffers Freund Eberhard Bethge unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ veröffentlichte.

Jetzt ließen sich sozialdiakonische und Offene Arbeit, zivilgesellschaftliches Engagement und Ökumenische Versammlungen für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung in Deutschland-Ost von Bonhoeffer inspirieren. Ähnlich wie kirchliche Rocker- und Gemeinwesenarbeit, Bürgerinitiativen und Friedens-, Zweidrittel-Welt- und Anti-AKW-Gruppen in Deutschland-West. Seine Impulse haben keinen geringen Anteil am Gelingen der friedlichen Revolution der Wendezeit.

Bonhoeffers Wirkung war vielleicht auch deshalb groß, weil seine Theologie merk-würdig und befremdlich blieb. Er hat sie hauptsächlich im Gefängnis und vorher unter Repressalien entwickelt. Denn schon früh wurde ihm von den Nationalsozialisten verboten, öffentlich zu reden und zu schreiben; und das von ihm geleitete Predigerseminar in Finkenwalde ließ die Gestapo schließen. 

Seine Frömmigkeit hatte ihn zu einem politisch handelnden Menschen gemacht. Er sah den leidenden Christus im gegenwärtigen Leid der Menschen, die diskriminiert, verfolgt, ermordet wurden. Nur wer für Juden schreit, darf gregorianisch singen, soll er gesagt haben. Kirche müsse Kirche für andere sein. Bibel- und Zeitungslektüre sei gleichermaßen wichtig.Bis heute sind viele Fromme schockiert von Bonhoeffers Aufforderung zu einem Leben, „als ob es Gott nicht gäbe“. 

Er hat dies seinem Freund Bethge aus Tegels Gefängnis geschrieben: „Wir können nicht redlich sein, ohne zu erkennen, dass wir in der Welt leben müssen, ,etsi deus non daretur’“ – als ob es Gott nicht gäbe: die Arbeitshypothese, Gott als moralische, politische, naturwissenschaftliche Instanz sei abgeschafft. Es bleibe deshalb nur das Paradox: „Vor und mit Gott leben wir ohne Gott“.

Lügen aus dem Unterdrückerland

Dabei ging Bonhoeffer freilich mitten im Dritten Reich von der Hoffnung auf eine „mündig gewordene Welt“ aus. Er konnte da nicht ahnen, was uns heute an der mündig gewordenen Welt zweifeln lässt: Da geht von einem Land eine weltbedrohliche Seuche aus, weil diejenigen, die sie früh erkannt haben, zum Schweigen gebracht wurden. Eben so, wie im selben Land unter den Augen aller Welt schon seit Jahren ganze Völker wie die Tibetaner und Uiguren zum Schweigen gebracht werden. 

Trotzdem wird dieses Land seiner wirtschaftlichen Macht wegen von der Mehrheit aller Länder hofiert. Nicht nur aus Asien und Afrika, sondern jetzt auch von dem durch die Seuche besonders betroffenen Italien.Und was geschieht in jenem Land, aus dem Bonhoeffer kurz vor Weltkriegsbeginn freiwillig nach Deutschland zurückgekehrt ist? Es steht kurz davor, einen ebenso zynischen wie ignoranten Milliardär, der die Seuche erst verharmloste und dann die größte Stadt seines Landes ihrem Schicksal überlässt, zum zweiten Mal zum Präsidenten zu wählen. 

Aber auch in unserem Land, in das Bonhoeffer aus Verantwortungsbewusstsein zurückgekehrt ist, wird heute wieder eine Partei in die Parlamente gewählt, der völkisches Deutschsein über alles geht und deren rechtsextreme Vertreter fest im Sattel sitzen. Zu der von ihnen vielfach – auch in Dresden – geforderten „erinnerungspolitische Wende“ könnte auch das Vergessen der Widerstandskämpfer gehören. Dietrich Bonhoeffer ahnte nicht, dass eine Pandemie in früher angesehenen Ländern wie Ungarn, Polen und Russland beiträgt zur unbefristeten Aufhebung der Demokratie, für die er und andere ihr Leben einsetzten.

Seine Ausführungen zum Leben „vor und mit Gott ohne ihn“ können auch eine Antwort an Till Raether sein, der in der letzten Woche in der Titelstory des Magazins der Süddeutschen Zeitung fragt, ob man wie er beten dürfe, „ohne an Gott zu glauben“. Raether nennt sich selbst einen Ungläubigen, der aus einer areligiösen Familie kommt, aber immer wieder, wenn er sich oder andere in Not sieht, betet: „Lieber Gott, bitte mach, dass ...“ – ohne aber an die Existenz Gottes zu glauben.

Ein Liebesgedicht an die Verlobte

Bonhoeffer würde vielleicht zuerst sagen, dass er für eine Antwort auf Till Raethers Frage nicht zuständig sei; aber wenn seine Meinung dennoch gefragt wäre, würde er wohl antworten: „aber sicher darf man das“! Denn solche Beter finden sich mit dem Elend der Welt nicht ab, auch wenn sie selbst gerade keinen Weg zu seiner Überwindung wissen. Man versteht, woran Raether denkt, wenn er in diesen Tagen seine Gebetsgedanken mit dem Satz schließt: „Was bleibt, sind die Worte, die ich an das Nichts richte, mal mehr, mal weniger, und heute und morgen ganz bestimmt mehr.“

Die in viele Sprachen der Welt übersetzten Bücher von und über Dietrich Bonhoeffer füllen inzwischen jeweils ein Regal für Fachleute und eins für alle Leser. Ein Gedicht aber kennen beide Lesergruppen. Bonhoeffer hat es an der Jahreswende 1944/45 für seine 18-jährige Verlobte geschrieben. Man wünschte, viele könnten in den belastenden Tagen heute seine Worte mitsprechen: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen. Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Möglicherweise hat Bonhoeffer mit den „guten Mächten“ Gott umschreiben wollen. Vielleicht hat er dabei auch wenige Monate vor seinem Tod daran gedacht, dass seine Familie, seine Verlobte, seine Freunde in Gedanken und Gebeten bei ihm waren. Ganz sicher hat er sich jedenfalls jenem nahegefühlt, an dessen Kreuzigung Karfreitag in aller Welt gedacht wird. Als Römer, falsche Fromme und viele Gleichgültige dachten, es wäre sein Ende, haben die von ihm Inspirierten vielleicht leise, aber doch klar „Nein“ gesagt, „es ist erst der Anfang.“ Da wurde es Ostern.

Ein spätes Gedicht

In einem Gedicht, das Bonhoeffer im Juli 1944 im Gefängnis schreibt, fragt er: „Wer bin ich?“ Wir kennen diesen Text nur, weil er wie Bonhoeffers andere Schreiben von seinen Wächtern ohne offizielle Genehmigung aus der Haft herausgebracht wurde. Die Antwort auf seine Frage lässt den Leser ahnen, warum die Wächter des damaligen Wehrmachtsgefängnisses Berlin-Tegel ihm freundlich gesonnen waren. Sie zeigt seine Klarheit und seine Verletzlichkeit. 

Zum Schluss wird deutlich, dass Bonhoeffer zur Beschreibung seiner Identität sowohl die Form des Gebets als auch das Wort „Gott“ (ge)braucht. Er notiert: „Sie sagen mir oft,/ ich träte aus meiner Zelle/ gelassen und heiter und fest,/ wie ein Gutsherr aus seinem Schloss./Wer bin ich? Sie sagen mir oft,/ ich spräche mit meinen Bewachern/ frei und freundlich und klar,/ als hätte ich zu gebieten./ ... / Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?/ Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?/ Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,/ ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,/ hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,/dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,/ zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung/ ... / Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott./ Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“                                                                                                                            

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