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Tokio – Schwarzkollm – Tokio

Für Haruka Kurihara endete wie für viele Schüler das Austauschjahr in Deutschland abrupt.

Dieses Foto von Haruka Kurihara ist im letzten Jahr bei einem Ausflug in Dresden entstanden. Mittlerweile ist sie wieder in Japan angekommen und in einer vorsorglichen Quarantäne – auf Grund der Einreise aus Deutschland.
Dieses Foto von Haruka Kurihara ist im letzten Jahr bei einem Ausflug in Dresden entstanden. Mittlerweile ist sie wieder in Japan angekommen und in einer vorsorglichen Quarantäne – auf Grund der Einreise aus Deutschland. © Foto: privat

Schwarzkollm/Tokio: Corona-Zeit: Die meisten Menschen verbringen ihre Zeit nun zu Hause. Doch es gibt auch Jugendliche in aller Welt, die weit weg von ihren Eltern und Familien sind: Schüler, die an Auslands-Austauschprogrammen teilnehmen. Sie werden nun vorzeitig auf die Heimreise geschickt. So wird ermöglicht, dass die Jugendlichen in dieser schwierigen, besonderen Zeit bei ihren Eltern sind – und andererseits wird gewährleistet, dass die Ausreise problemlos abläuft. Zu einem späteren Zeitpunkt könnte das Reisen durch eingeschränkten Flugverkehr und abgelaufene Aufenthaltsgenehmigungen zum Problem werden.

So geht es auch Haruka Kurihara, die aus Japan stammt und mit ihrer Familie in einem Bezirk von Tokio wohnt. Für ein paar Monate ist sie in Hoyerswerda zur Schule gegangen. Seit Mitte August des letzten Jahres war sie hier in Sachsen. Sie ist über die Organisation Youth for Understanding (YfU) nach Deutschland gekommen. Haruka Kurihara erzählt, dass sie große Lust auf Sprachen hat und ein Jahr etwas Besonderes machen wollte. In einem Austauschjahr lassen sich beide Vorhaben vereinen. „Mein Traum ist es, fünf Sprachen zu sprechen, und ich wollte eine neue lernen.“ Bisher spricht sie neben Japanisch, Englisch und Deutsch auch Koreanisch und möchte in Zukunft noch Chinesisch/Mandarin oder Spanisch lernen.

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Erste Station Hoyerswerda

Ein Blick zurück: Gemeinsam mit einer Gruppe junger Japaner kommt Haruka Kurihara an einem Nachmittag am Dresdener Flughafen an. Sie werden erwartet. Familien aus Hoyerswerda und der Umgebung begrüßen mit aufwendig gestalteten Schildern und Plakaten die temporären Gäste. Denn zunächst absolvieren die Jugendlichen gemeinsam eine Art Grundkurs. Der dreiwöchige Orientierungs- und Sprachkurs (OSK) findet in Hoyerswerda statt. Grundlegende Kenntnisse der deutschen Sprache und Kultur werden von zwei Lehrern vermittelt. Vielfältige Eindrücke in den Familien kommen hinzu. Auch Hausaufgaben gehören dazu und werden mit viel Neugier und Eifer erledigt. Erst danach reisen die Schüler zu ihren jeweiligen Jahresfamilien, verteilt im ganzen Bundesgebiet. Nur Haruka Kurihara bleibt hier.

Für die Organisation vor Ort ist größtenteils Ina Züchner zuständig. Seit einigen Jahren koordiniert sie vor allem das Geschehen in diesen drei Wochen. Es gibt Elternabende, Zeit zum Austausch und Kennenlernen und ein kleines Abschlussfest für die Familien und Schüler. Als Ansprechpartner steht sie für Fragen zur Verfügung. Doch auch zu allen anderen Zeiten engagiert sie sich für YfU. In der Vorbereitung sucht sie nach Familien, die sich bereit erklären, Schüler aufzunehmen. Auch sie bedauert den Abbruch und die Umstände sehr. „Für unzählige Jugendliche und Gastfamilien findet der Austausch nun ein ungeplantes, viel zu frühes Ende.“ Doch es geht um Sicherheit: „Es wird alles getan, um die Schüler wieder sicher in ihre Heimatländer zurückzubringen und die Familien in dieser für alle beunruhigenden, schwierigen Zeit zu unterstützen.“

Noch vor kurzem hat Haruka Kurihara die 10. Klasse des Hoyerswerdaer Léon-Foucault-Gymnasiums besucht. Dann wurden die Schulen geschlossen. Etwa zu diesem Zeitpunkt erfährt Haruka Kurihara von ihrer Organisation, dass sie in ihre Heimat zurückkehren muss. Ihrer Familie in Japan geht es gut. „Alle sind gesund und meine Schwester hat auch bis April keine Schule.“ Sie freute sich natürlich auf das baldige Wiedersehen, aber hatte damit erst im Juli gerechnet. Das war der Plan.

Doch nach Deutschland möchte sie irgendwann zurückkehren. „Erst mal lerne ich weiter Deutsch in Japan und danach möchte ich nochmals herkommen.“ Auch andere Länder möchte sie dann bereisen, am liebsten gemeinsam mit Freunden. Viele zentraleuropäische Länder stehen dabei auf ihrer Wunschliste: Frankreich, Spanien, Griechenland, Italien, Tschechien, Österreich, Polen ...

Es gefällt Haruka Kurihara gut in Deutschland und auch die Menschen mag sie. Auch wenn sie anderes erwartet hatte: „Ich habe gedacht, dass alle groß sind und immer Wurst und Kartoffeln essen.“ Ihre Mitschüler sind zu Freunden und die Gasteltern zu einer Familie geworden. „Sie sind meine Schätze“, schwärmt die 17-Jährige. Hier hat sie mit Eltern, Großeltern und einer Gast-Schwester in Schwarzkollm zusammengewohnt. Sie hat auch viel von ihren Freunden gelernt. Besonders bei der Aussprache und dem Buchstabieren von Wörtern waren sie ihr eine große Hilfe. Auch den einen oder anderen Slang-Ausdruck hat sie in dieser Zeit gelernt. Jugendsprache ist für sie also kein Problem.

Die wichtigsten Informationen bekam (und bekommt) Haruka Kurihara immer auf direktem Weg von YfU. Die Austauschorganisation informiert auch auf ihrer Website über die aktuellen Umstände und die Kontaktmöglichkeiten. Auf ein hohes Aufkommen von Anfragen wird hingewiesen. Mit Blick auf den Sommer wird nach derzeitigem Stand an den dann beginnenden Austauschprogrammen festgehalten.

Im August ist in Hoyerswerda wieder ein Orientierungs- und Sprachkurs geplant. Interessierte Familien werden derzeit noch gesucht. Ina Züchner sieht einen großen Mehrwert in diesen Begegnungen – für alle Beteiligten. „Ich denke, dass die Schüler positive Eindrücke aus Deutschland mitnehmen können, sich selbst weiterentwickelt haben, eine fremde Kultur erlebt haben und eine neue Sprache lernen konnten.“ Auch auf lange Sicht können dadurch tiefe Verbindungen entstehen, wenn sich Familien und Häuser für Fremde öffnen. „Sicherlich bleiben viele Kontakte zur Gastfamilie oder Freunden in Deutschland über Jahre bestehen.“

Sonnen-Duft und Hoffnung

Haruka Kurihara ist mittlerweile wieder nach Japan geflogen. Nach dem Sommer wird sie noch für ein weiteres Jahr zur Schule gehen und das Abitur ablegen. Für einen Beruf kann sie sich noch nicht entscheiden. „Aber an die Universität möchte ich gehen, um zu studieren.“ Auch hier hat sie Interesse an Sprachen. Soziologie käme auch in Frage.„In der Erinnerung bleiben die Erlebnisse mit Menschen, der Zusammenhalt in der Familie, Ausflüge und was jeder Austauschschüler dazu beigetragen hat, dass sich Kulturen begegnen und verstehen. Möge das bald wieder möglich sein“, wünscht sich Ina Züchner – wie auch Haruka, was „der Geruch von Sonne“ bedeutet. Ein Symbol für Hoffnung!

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