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Tollhaus und Tollwut

Notizen vom Tag vor dem Tag nach dem Tag - ein satirischer Nachschlag von Kabarettist Wolfgang Schaller.

Wolfgang Schaller ist Autor und Kabarettist an der	Herkuleskeule.
Wolfgang Schaller ist Autor und Kabarettist an der Herkuleskeule. © Sebastian Kahnert/dpa

Von Wolfgang Schaller

Das Bordell musste wegen Corona am selben Tag aus demselben Grund wie die gegenüberliegende Kirchgemeinde schließen, was Etablissementbesitzer und Pfarrer als Behinderung von Seelsorge bedauerten. Das Angebot für einen gemeinsamen Protest lehnte der Kirchenvorstand ab, sodass der aus dem Südlichen stammende Herr Figrabschki bei der Sozialministerin sein eigenes Hygienekonzept einreichte, in dem steht, dass in einem Zimmer sich „nur eine Prostituierte und maximal ein Kunde“ aufhalten dürfen. „Die Abstandsregelung zur Prostituierten“, so besagt das Papier, „kann nur kurzfristig unterschritten werden“, was übersetzt für den Samenspender heißt: Nicht lange quatschen, kurzfristig losrammeln und sofort wieder Eineinhalbmeter zurückspringen. Während der Bordellchef auf dem Platz vor der Oper seine Forderungen bei einer Demo kundtut, schon der verordneten Maskenpflicht wegen, die eine beliebte Art des Nahverkehrs ausschließt (und eine Art Mundraub sei), hat in der Oper eben dieser Maskenpflicht wegen der bekannte Regisseur Kuschinski einen Tobsuchtsanfall. Er inszeniert zurzeit als Zeichen des Freiheitsdranges Fidelio. Seiner Konzeption folgend sollen die Sänger des Gefangenenchors als Symbol menschlicher Verletzbarkeit nackt auftreten. Aber mit verordneter Maske sei man nun mal nicht nackt, schreit der Regisseur, als der Gefangenenchor gerade „O welche Lust in freier Luft den Atem leicht zu heben“ zu singen anhub.

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Auf dem Vorplatz versammeln sich Protestler aller Couleur. Per Megafon verkündet ein sich als Heilpraktiker ausweisender Mann, Bill Gates habe das Virus erfunden, um mit einer Zwangsimpfung die Menschheit auszurotten. Ein patriotischer Typ schreit einem ZDF-Reporter entgegen „Du Sau!“, worauf der Reporter hinweist, dass es anstandshalber „Sie Sau!“ heißen müsse. Auf der Tribüne gibt ein Redner die neusten Infektionskurven bekannt und erklärt, man müsse die Kurve der Dummheit klein halten. Die Opernprobe gerät aus den Fugen, als das Gesundheitsamt von den 80 Sängern des Chores beim Singen social distancing von sechs Metern verlangt, was eine Bühnenbreite von 480 Metern erfordern würde. Zeitgleich trifft das Ersuchen ein, so wie auch Drehbuchautoren beim Fernsehen Risikoschauspieler ab 60 gegen jüngere Rollen austauschen müssen, den engagierten Startenor Placebo Flamenco seines Alters wegen durch einen jüngeren Florestan zu ersetzen. Worauf der Namensnähe zu Florestan wegen Florian Silbereisen verpflichtet wird.

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Auf dem Platz vor der Oper erklärt als Gastredner Dr. Osten, warum die Viren im Osten vergleichsweise weniger Fuß fassen konnten, was daran läge, dass die Viren in den östlichen Regionen nicht auf Opfer, sondern auf kampferprobte Gegner träfen, die in der einstigen Diktatur schon den Lockdown mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit, Versammlungsverbot, geschlossenen Grenzen und Wirtschaftszusammenbruch geübt hätten. Und dann sei da noch die Improvisationsfähigkeit der Ostdeutschen. Wenn Masken fehlen, schneidet Omi ihren BH in zwei Teile, und schon hat sie für sich und ihren Enkel einen Mundschutz. Inzwischen bittet der Opernintendant den Wirtschaftsminister um Hilfe, da infolge der verordneten freien Plätze im Saal die Einbußen hoch seien. Er verweist darauf, dass die Lufthansa auch die Mittelplätze besetzen dürfe, worauf er die Antwort erhält: „Ja, wenn ihr Theater fliegen könnte.“ Zeitnah versammeln sich die Künstler der in Not geratenen Privattheater am Elbufer und werfen aus Verzweiflung die Schlüssel ihrer Bühnen in eine Untiefe des Flusses, die im Volksmund ab nun Schlüsselloch genannt wird. Auf der Tribüne vor der Oper erscheint unangemeldet Frau Merkel. Im Opernhaus singt der Chor das Finale: „O Himmel! Rettung! Welch ein Glück! Kehrst du zurück?“ In diesem Augenblick erliegt der Regisseur einem Herzkasper.

Unser Kolumnist ist Autor und Kabarettist an der Herkuleskeule. Kontakt: [email protected]ächsische.de

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