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Görlitzer Kaufhaus-Nachfahrin ist tot

Am Freitag ist Gerti Totschek-Colbert in New York gestorben. Sie war eine der letzten gebürtigen Görlitzer Jüdinnen.

Walter und Bianca Totschek mit ihren Töchtern Ursula und Gerti (rechts im Bild). Das Foto entstand laut Holocoust Memorial kurz bevor Ursula Totschek mit einem Kindertransport nach England ausreiste.
Walter und Bianca Totschek mit ihren Töchtern Ursula und Gerti (rechts im Bild). Das Foto entstand laut Holocoust Memorial kurz bevor Ursula Totschek mit einem Kindertransport nach England ausreiste. © Holocoust Memorial

Kommendes Jahr sollen drei neue Stolpersteine auf der Steinstraße in Görlitz verlegt werden. Einer davon soll an Gerti Totschek erinnern. Kürzlich noch gab es Überlegungen, Gerti Totschek, die den Holocaust überlebt hatte, für die Verlegung nach Görlitz einzuladen. Nun ist sie in New York verstorben, wie Lauren Leidermann und Daniel Breutmann, die sich für die Stolpersteine einsetzen, mitteilen. 

Laut dem Holocoust Memorial handelt es sich auf dem Foto um Gerti und Ursula Totschek mit ihrer Großmutter Minna. Gerti war die ältere der Schwestern.
Laut dem Holocoust Memorial handelt es sich auf dem Foto um Gerti und Ursula Totschek mit ihrer Großmutter Minna. Gerti war die ältere der Schwestern. © Holocoust Memorial

Geboren wurde sie im Dezember 1921. Sie war eine der Töchter von Walter Totschek, dem Inhaber des bekannten Kaufhauses an der Steinstraße. Das hatte sein Vater Adolph gegründet, nach dessen Tod 1901 hatte es Walter Totschek geführt. Nach den ersten Repressalien gegenüber jüdischen Geschäftsleuten wandelte er das Kaufhaus mit drei langjährigen Mitarbeitern zunächst in eine Offene Handelsgesellschaft um, verkaufte es 1938 nach der Reichspogromnacht an einen der drei, Theodor Bruns. Mit ihm soll er auch befreundet gewesen sein. Bei den Nachkommen herrscht dennoch bis heute Uneinigkeit über die Bedingungen, unter denen der Verkauf stattfand. Was auch einen jahrelangen Rechtsstreit nach sich gezogen hatte. 

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Die Familie Totschek war zunächst nach Berlin gezogen, 1941 gelang Walter Totschek, seiner Frau Bianca und Tochter Gerti Totschek die Flucht in die USA - kurz bevor die Nazis den Juden die Ausreise untersagten. Gertis jüngere Schwester Ursula war bereits 1939 als 13-Jährige mit einem Kindertransport nach England gelangt. Kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges hatte sie ebenfalls die Ausreise in die USA beantragt, wo sie 1946 eintraf. Ihr Vater Walter Totschek war 1944 gestorben. 

Informationen über Gerti Totschek findet man in verschiedenen Archiven, etwa unter Jewishgen.org. Demnach hat sie in den USA William Colbert, einen Geschäftsmann, geheiratet und bekam drei Söhne. Beruflich war sie als Pädagogin tätig. Bis zu ihrem Tod war ihr ihre Nichte Tamara Meyer eng verbunden. Wie sie der SZ erzählt, hat Gerti Totschek an der Bank Street School in New York frühkindliche Bildung studiert  - und später selbst an einer Universität frühkindliche Bildung unterrichtet. 

Gerti Totschek sei es auch gewesen, über die es 1941 möglich war, an die Visa für ihre Eltern und sich zu gelangen. "Wie Sie wissen, war es zu diesem Zeitpunkt für Juden fast unmöglich, aus Deutschland zu fliehen", erzählt Tamara Meyer. "Gerti war entschlossen. Sie kaufte viele Passagen für sich und ihre Eltern." In der Hoffnung, diese könnten ein Visum sichern. Viele dieser Passagen hätten sich allerdings als falsch herausgestellt. Hilfe, erzählt Tamara Meyer, habe es letztlich von einem jungen Mann gegeben, der für die kanadische Botschaft arbeitete und es irgendwie schaffte, Visa für die Familie Totschek zu bekommen. "Eine der Passagen, die sie gekauft hatte, war eine echte und sie konnten fliehen." 

Eine sehr herzenswarme Frau soll Gerti Totschek gewesen sein, nicht zuletzt auch sehr beliebt bei ihren Studenten. Bis zuletzt habe sie am Leben teilgehabt, gerne und viel Zeit mit ihrer Familie und ihren Freunden verbracht. „Sie war ihren drei Söhnen und ihren Familien so lieb. Und sie war die glücklichste Person, die ich gekannt habe“, sagt Tamara Meyer, die in Washington D.C. lebt. Sie habe fast täglich mit ihrer Tante in Long Island New York telefoniert. Einer ihrer gern genutzten Sprüche: „The telephone is a marvelous invention.“ Das Telefon ist eine wunderbare Erfindung.

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